Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 404 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 33 Es ist zu erwarten, daß bei Einkauf von Ware zu Bekleidungszwecken, hauptsächlich von Schuhen, aber auch Knabenkleidern, Pelzwaren und Kinderwäsche von groben Firmen, die in Anbetracht des edlen Zweckes mit einem Verdienstminimum rechnen würden, bedeutende Vorteile erzielt werden könnten, die doch wieder nur armen Kindern zugute kommen würden, welche sonst wegen zu geringer Mittel hatten abgewiesen werden müssen. Bei solcher Behandlung dieses Teiles der Armenpflege könnte manche heute bestehende Unzukömmlichkeit, so auch die Doppelbeteilung eines und desselben Kindes mit Leichtigkeit vermieden werden. Große Unregelmäßigkeiten ergeben sich ferner dadurch, daß aus dem Spitale entlassene, in der Provinz wohnende Kranke oft Wochen hindurch von Verein zu Verein gehen muffen, um die Reisespesen zu erbitten. Der aus Ungarn stammende Arme erhält vom Ungarnverein, von der Chewra-Kadischa, dem Vereine „Bikur ChauUm", dem Aushilfsfonde des israelitischen Spitales und der.Armenanstalt; der Galizianer geht dieselben Vereine und Anstalten durch, nur daß er anstatt zum Ungarnvereine zum Vereine „Osten" geht — und überall erbittet er und erhält auch großenteils einen Reisespesenbeitrag in Geld oder in Form einer ermäßigten Bahnkarte. Die „Allianz", die Frauenvereine und andere Institute, sowie die nur einigermaßen bekannten Wohltäter werden von solchen Kranken oder Rekonvaleszenten, die Heimreisen möchten, ständig überlaufen. Diese Bittsteller werden oft zur wahren Kalamität, indem sie einerseits ihre eigenen und von den verschiedenen Vereinen erhaltenen Mittel in sanitätswidrigen Maffenquartiercn und Schänken anbringen, anderseits aber, angezogen durch das gute, sorglos austeilende Herz unserer Wiener Glaubensgenoffen, an eine Heimreise nicht mehr denken, sich hier ansiedeln und mit ihrer ihnen allmählich nachfolgenden Familie der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fallen. Ganz anders stünde es um diese Frage, wenn durch die Zentralstelle in den Spitälern durch eine Vereinbarung mit den Direktionen vorgesorgt wäre und man erfahren würde, welcher Arme das Spital in nächster Zeit, bezw. an welchem bestimmten Tage verlassen werde und dieser Arme dann in einer Spezialsitzung, in welcher diese Armenagende in Beratung gezogen wird, einen Beitrag sowie die ermäßigte Fahrkarte zugewiesen erhielte, so daß die Abdirigierung des Armen direkt vom Spitale aus durchgeführt werden könnte. « Auf Grund der bisherigen Erfahrungen könnten auch die Zahlungsquoten der einzelnen Vereine, die sich mit der Abdirigierung von Fremden befaffen, genau festgesetzt werden. Die Musterinstitution, der „Verband zur Unterstützung armer jüdischer Wöchnerinnen", bietet eine Gewähr in seiner speziellen Art, daß Verbände für eine Armenagende nur nützliches für die Armen leisten, ohne die weitere Tätigkeit der einzelnen Vereine zu behindern, ohne dieselben in ihrem Ansehen zu schädigen und ohne diese auch nur um einen Heller in ihren verschiedenen Einnahmen zu verkürzen. Für den Wöchnerinnnrverband leisten die diesem angehörigen Frauenvereine je nach ihrem Budget berechnete Quoten, so daß es für andere durch einen Verband zu besorgende Armenagenden gleichfalls leicht durchznführen sein dürfte, einen Zahlungsschlüffel zu finden. Mit entsprechenden Modifikationen wäre auch von denjenigen Vereinen, die Beiträge an Kurbedürftige geben, diese ihre Spezialagende durchzuführen. Heute erhält ein Armer, der die betreffenden Institutionen genau kennt, in manchem Falle mehr, als er für die Kur tatsächlich braucht, während, wie dies im Leben gar oft der Fall ist, der im Vereinswesen Unerfahrene seinen Aufnahmsschein verfallen laffen muß, da ihm die Mittel zum Eintritte in die Heilanstalt fehlen. Sowie bei den Bekleidungsvereinen wäre auch hier ein Einreichungstermin im Frühjahr und im Herbst für Gesuche um Kurbeiträge zu bestimmen. In einer gemeinsamen Sitzung dieser Spezial' vereine, die Kurbeiträge geben, sollten nach genauester Recherche durch die Zentralstelle, sowie nach ärztlicher Untersuchung ebenfalls nach einem Berechnungsschlüffel die Ansuchen behandelt werden. Mit den Vorständen der Armenkurhäuser wäre eine Einigung zu treffen und denselben nahezulegen, ausschließlich nach Revision durch die Zentralstelle in Wien wohnhafte Arme in ihr Institut aufzunehmen. Nach der Aussendung der Propagandaschrist kamen der Zentralstelle mehrere nicht zu unterschätzende Anregungen zu, die ich mir näher zu beleuchten gestatten will. Wie viele Behelligungen hat heute mancher, der den Armen Md Vereinen als Wohltäter bekannt ist, durch Zusendung von Armenbriefen, Vereinszuschriften, Konzerteinladungen und andere von findigen Vereinen oder Privaten erdachten Zuschriften zu ertragen. Em solcher Privatwohlläter braucht ein eigenes Organ, das ihm die Einläufe sondert und ihm berichtet, was mehr oder weniger beachtenswert ist, welcher Verein ob seiner tatsächlichen Leistungen, welcher Arme ob seiner Achtbarkeit einer Aushilfe würdig ist. Hier soll die Zentralstelle als Informationsstelle für alle Armenagenden eiuschreiten, durch die Genauigkeit im Kataster und in der Notierung über das Vereinsarmenwesen wird es diesem Philanthropen möglich, zugunsten der wahrhaft Bedürftigen mehr zu leisten, als er früher wahllos getan hat. Er wird, auf einen besonderen Fall aufmerksam gemacht, gewiß auch ausgiebig helfen, sich für die arbeitswilligen Armen in seinen Kreisen interessieren, gerne und mit beftiedigendem Gefühle für das Wohl der Bedrückten und Armen seine Mittel zur Verfügung stellen. Die rationelle Verwertung der privaten Wohltätigkeit müßte gleichfalls eine der Aufgaben der Zentralstelle bilden. Die privaten Wohltäter könnten allmählich dahin gebracht werden, daß sie sowohl bei der Anlage ihres philanthropischen Jahresbudgets wie auch bei .der Aufstellung der durch sie in Aussicht genommenen Summen an Vereine und Emzelarme sich der Zentralstelle bedienen. Der private Wohltäter würde in diesem Frlle die betreffende Jahressumme der Zentralstelle überweisen und diese würde auf Grund eines Referates des Bureaus in einer Sitzung des Kuratoriums die Aufteilungsmodalität als Vorschlag an den privaten Wohltäter beschließen, und falls dieser mit den Vorschlägen einverstanden ist, die Liquidierung der Spenden an die einzelnen Vereine bezw. Arme durch die Kassa der Zentralstelle vornehmen. Speziell bei dieser Neuerung lassen sich die großen Schwierigkeiten keinesfalls verkennen, die sich der Zentralstelle, wie jedem Reformator bei Einführung neuer Aktionen in den Weg stellen, und werden hier diese noch verstärkt durch die ängstliche Liebe, die einzelne Vorstandsmitglieder für ihren Verein hegen. Die mit banger Eifersucht genährte Furcht, daß durch eine gemeinsame Aktion i h r. sorgsam gehüteter Verein eine Einbuße irgend welcher Art erleiden könnte, wird demnach erst durch den Hinweis auf mit günstigen Resultaten durchgeführte Aktionen gebannt werden können. Die Objektivität, mit der solche Pauschalgelder für Vereine und Einzelarme zu verteilen wären, ist durch die Zusammensetzung des Kuratoriums, in welchem doch die Vertreter aller Arten von Armeninstitutionen sitzen, verbürgt. Der Wohltäter selbst pflegt durch den Hinweis auf diejenige Art von Vereinen und Armen, die er besonders beachtet wissen möchte, beispielsweise die Unterstützung von Familien mit kranken Kindern, alleinstehender Personen oder Unterrichtsanstalten rc. die Handhabe für eine Auswahl zu geben. Die Zentralstelle müßte ferner auch einen Modus ausfindig machen, durch welchen ihr ein Einfluß auf das heute so vielfach geübte Kollektenwesen, sowohl durch Private bei Familien, in Comptoirs, Cafe und Gasthäusern, wie auch im Wege der Zeitung gesichert würde. Die Zentralstelle müßte cs dahin bringen, daß diese Behelligungen im Hause und in Geschäften, sowie die Hilferufe durch die Zeitungen zur Sammlung für Arme nur auf Grund eines Gutachtens der Zentralstelle vorgenommen werden würden. Durch solch enges Zusammenwirken aller philanthropisch gesinnten Vereine und Wohltäter könnte das einmütige Streben, stets das Gute für die Armen zu verbessern, der Verwirklichung nahe gebracht werden. Und solche Wünsche, die nur wegen der Uneinigkeit der Arrangeure und wiederholt wegen Geldmangel Wünsche bleiben mußten, könnten, durch die Zentralstelle. aus ihrem .Dornröschenschlaf erweckt und in die Wirklichkeit versetzt, Befriedigung, Ruhm und Ehre, aber hauptsächlich Linderung den verschiedenen Armen in ihren schweren Berufen, Heilung den Kranken, Schutz den Verlassenen und Waisen, Arbeit den Willigen und Starken, Aufmunterung den vom Schicksale Gebeugten bringen. *) Es gibt in Wien eine Anzahl ausgezeichnet verwalteter Armen- Jnstitute, die wegen materieller Schwierigkeiten nicht soviel leisten können, als es die Not, die in diesen gelindert werden könnte, erheischen würde; durch das Arrangement der Zentralstelle könnten die Mittel aufgebracht werden, um in gleicher Weise, wie man e i nz e l n e n A r m e n von gemeinsamer Seite Hilfe bringt, auch solche unentbehrliche Stätten der Humanität zu stärken und sogar zu erweitern. Just nicht direkt in den Rahmen der Zentralstelle, uohl aber in denjenigen der Frauenvereine gehört das, was ich heute zur Sprache bringen möchte, weil gerade nr i r das segensreiche Wirken des Hietzinger Frauen-Vereines auf dem Gebiete der Fürsorge der verlassenen Kinder bekannt ist. Ich meine die rationelle Versorgung derselben durch das von mehreren Wiener Kinderfürsorge-Vereinen mit Erfolg bereits durchgeführte Gruppensystem, nach welchem einem kinderlosen intelligenten Ehepaare verlassene oder Waisenkinder zur gemeinsamen Pflege übergeben werden. Diese Leute erhalten in der ihnen von der Institution zugeteilten Wohnung, die aus 2 Zimmern t Kabinett, Vorzimmer und Küche besteht, etwa 10 bis 12 Kinder (Knaben und Mädchen) ferner für jedes Kind ein Wäsche- und Kleider-Jnventar, Schulbehelfe rc. und werden von 2 oder 3 Inspektoren genauest kontrolliert. Stillschweigend und ohne von der Einrichtung viel Aufhebens zu machen, habe ich aus der Liste der derzeitigen Schützlinge der Kultusgemeinde eine Anzahl zirka 20 Kinder schwächlicher Konstitution aufs Land zu jüdischen Parteien in Pflege gegeben, wo sie unter Kontrolle der dortigen Kultusgemeinde sehr gut aufgehoben sind, so daß sukzessive weitere Uebergaben aufs Land erfolgen werden. Die Kinder sind nicht in Dörfern und nicht bei Bauersleuten, sondern in bester situierten jüdischen Häusern in Pflege und genießen alle Annehmlichkeiten eines Aufenthaltes in gut bürgerlich geführtem Familienhaushalte. Dieser Passus bot trotz seiner Deutlichkeit Anlaß zu Mißverständnissen, die jedoch noch während der Diskussion von mir richtiggestellt wurden; umso bedauerlicher ist es, daß die Mißdeutung dieser Stelle trotz der gewordenen Aufklärung in der Vorstandssitzung eines Wohltätigkeitsvereines, von übrigens unberufener Seite, weiter aufrechterhalten wurde. R. K.