Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 403 aus diesen Leuten, die an keinen Ausweg aus diesem Bettelberufe dachten, wieder nützlich tätige Menschen zu machen, die in ehrbarer Weise für ihre Familien sorgen. Auch gab Herr M e n d l mehrfache beherzigenswerte Anregungen für die spätere Ausgestaltung der Zentralstelle, die nach Beratung im Kuratorium nach Möglichkeit zur Durchführung gelangen werden. Dem Kuratorium, an dessen Spitze Herr Präsident Dr. Gustav K o h n steht, gehören nur Damen und Herren an, deren Namen und bisherige philanthropische Tätigkeit allein schon dafür bürgen, daß sicherlich alle Winke und Vorschläge, die zum Wähle der Armen dienen, Beachtung finden werden. Es ist nach dem bisher Gesagten und wenn ich die Vorträge der ungleich gewiegteren Anwälte der Zentralisation für das jüdische Armenwesen — des Herrn kaiserl. Rat Dr. Krüger und des Herrn Kultusvorstehers Dr. Samuely — erwähne, ein Wagnis von mir, vor einem für Armensachen sich besonders interessierenden Auditorium auch meine Meinung vorzubringen und sogar eine kritische Beleuchtung der bisherigen Aktionen der Zentralstelle vorzunehmen. Bevor ich zum eigentlichen Thema meines Vortrages übergehe, fühle ich mich verpflichtet, dem verehrlichen Vorstande dieses so ausgezeichnet wirkenden Vereines und insbesondere der hochgeschätzten Präsidentin Frau Dr. Krenberger für die mich auszeichnende und hochehrende Einladung zur Abhaltung dieses Vortrages meinen tiefgefühlten Dank zu sagen. Ich glaube diesen Dank umso eher aussprechen zu können, da die vorjährige Tätigkeit dieses Vereines in Bezug auf dte vom Vereinsvorstande angenommene Fürsorge für die im Schutze der Kultusgemeinde stehenden Pfleglinge wohl zumeist ihre Anregung in meinem im Vorjahre in diesem hochansehnlichen Vereine gehaltenen Dortrage über das Armenwesen der Wiener israelitischen Kultusgemeinde fand und daher die Annahme und Ausführung der Pfleglingsinspektion durch die geehrten Vorstandsdamen ein mich ehrendes und befriedigendes Zeugnis für meine berufliche Tätigkeit bildet. Hochverehrte Damen und Herren! Wenn Sie sich meiner im Vorjahre gegebenen Anregung einnern, so werden Sie heute manches hören, was nur eine genaue Darlegung des damals Erwähnten ist. Der Zweck der Zentralstelle wird im Grunde genommen nur dann als vollständig erfüllt betrachtet werden können, wenn das Bureau, den an dasselbe gestellten Anforderungen gewachsen, in der Lage sein wird, die von ihm verlangten Auskiinfle raschest und den tatsächlichen Verhältnissen entsprechend zu erteilen. Wie bereits erwähnt, arbeitet seit 1. Oktober 1908 das Bureau der Zentralstelle an der Fertigstellung eines Zettelkatasters, um den Wünschen der Parteien in oben umschriebenem Sinne gerecht werden zu können. Da es jedoch die Kenntnis der Verhältnisse der Armen vorläufig bloß aus den Vereinsmeldungen bezieht, so ist es in wiederholten Fällen gezwungen, die an die Zentralstelle gerichteten Anfragen mit der stereotypen Antwort zu erledigen: Der Zentralstelle bisher nicht bekannt. Diese Auskunft ist — ehrlich gesagt — ein Armutszeugnis, das sich die Zentralstelle selbst ausstellt, denn dieser sollte eigentlich kein einziger Armer in Wien unbekannt sein; sie muß in jedem Falle eine Auskunft zu geben in der Lage sein, da nur durch die Genauigkeit ihrer Auskünfte an Vereine und Privatwohltäter für diese ein moralischer Zwang bestünde, keinerlei Unterstützung an Arme zu verabfolgen, ohne .vorerst die Auskunft aus dem Kataster der Zentralstelle eingeholt zu haben. Wenn die Zentralstelle über einen angefragten Fall noch keine Auskunft zu geben in der Lage ist, da im Kataster diese Notierung fehlt, so wäre es am entsprechendsten, wenn die Zentralstelle die für die Auskünfte bestimmten Daten durch angestellte Recherchebeamte erheben, respektive die Erhebungen s e l b st pflegen ließe. Die derzeitige Geschäftsordnung der Zentralstelle schließt die Anstellung eigener Recherchebeamten aus, sie arbeitet theoretisch und lst sich mancher Nachteile, die das Recherchieren durch freiwillige Armenfreunde zeitigt, nicht bewußt. Es wäre ja gut und wünschenswert, wenn man e r st e n s geeignete, freiwillige Rechercheure für die Zentralstelle fände, zweitens, man diesen Damen oder Herren, falls sie eine unvollständige Recherche bringen, auch ohne ihrer Erfahrung nahezutreten, den Auftrag -zu einem notwendigen, weiteren zweiten, dritten und vierten Wege geben dürfte, und drittens, was die Hauptsache ist, diese freiwilligen Rechercheure s e l b st die Erhebungen pflegen würden, ohne sich von den Angehörigen, sowie den Bediensteten ihrer Familie oder den Angestellten ihres Geschäftes vertreten zu lassen. Dieses wichtigste Gebiet der Tätigkeit der Zentralstelle wird erst dann gut bestellt sein können, wenn es der Zentralstelle möglich gemacht wird, die Recherchen durch eigens hiezu angestellte Beamte besorgen zu lassen. Ein solcher Beamter, der p r o M o n a t und nicht pro Weg zu honorieren wäre, könnte, vorausgesetzt, daß er sein -Amt mit Ernst und gutem Willen erfaßt. Intelligenz und Herzensgüte besitzt, genau strenge und unbeeinflußt ist, ohne ungerecht zu werden, infolge seiner Praxis sehr viel Ersprießliches leisten. Bei rationeller Einteilung würden auch nur wenige gewissenhafte, für Zeit und Arbeit nicht interessierte Leute für lange Zeit hinaus, bei noch so großer Inanspruchnahme der Zentralstelle, genügen. Herr kais. Rat Dr. K r ü g e r, dessen nnentwegtem und energischem Vorgehen die bisherige Durchführung eines Teiles seiner Zentralisierungsvorschläge zu danken ist, strebt an, in nächster Zeit die Aktion der freiwilligen Armenpfleger ins Rollen zu bringen. Seinen Ausführungen in der Delegiertenversammlung der Zentralstelle konnte man entnehmen, daß er eine spezielle Armenkommisfion für jeden Wiener Bezirk kreieren will. Diesen Kommissionen würden nebst den Rabbinern. Lehrern und Beamten alle derzeit im betreffenden Bezirke bestehenden Vereinsvorstandsmitglieder als Pfleger angehören und könnten Kooptationen von freiwillig sich meldenden Damen und Herren jederzeit vorgenommen werden. Jedem Armenpfleger wird die Obsorge für zwei, höchstens drei Familien zugewiesen und er übernimmt somit die Verpflichtung, all das, was er für die einzelnen Mitglieder seiner schutzbefohlenen Familien benötigen sollte, zu erwirken, sei es Arbeitsvermittlung, Zinsaushilfe, ein ärztliches oder juridisches Erfordernis, Versorgung rc. Für die^ derzeitige Anzahl in Wien wohnender armer, jüdischer Familien wären in diesem Falle wie Herr Dr. Samuely in seinem Vortrage vom 24. Februar d. I. ausführte, indem er beachtenswerte Daten von der Armenfürsorge in Prag und Berlin erbrachte, zirka 1200 bis 1500 Pfleger nötig. Die Wiener Judenschast verfügt, und dies kann mit einigem Stolze gesagt werden, über eine solch große Zahl von edlen und gerne hilfsbereiten Damen und Herren, die sich beiKreierung dieser neuen Agende gewiß freiwillig melden und mit Eifer und gutem Willen der schweren Ausführung dieser Aktiv« nachgehen werden, trotz der ihnen ans eigener Erfahrung oder vom Hörensagen bekannten verschiedenen Unannehmlichkeiten, die dieses Amt mit sich bringt, Schmutz jeder Art, Undank. Bosheit und Verleumdung. Ich will, bewahre Gott, keinem einzigen dieser braven Leute nahetreten und sagen, daß auch nur 10 von 1000 nach einem Vierteljahre aus irgend einem Grunde für ihre Schützlinge nicht mehr dasselbe Interesse für dessen materielle Aufrichtung haben werden, wie bei der Uebernahme von deren Namen und Adresse; aber ich möchte es nicht unausgesprochen lassen und ich wage es schon heute, mit einiger Bestimmtheit voranszusagen, daß nach einer kurzen Zeit, während welcher eine Menge Schreibarbeiten auf Listen und Formularien durchgeführt werden müssen, der Perzentsatz der gleichgültigen oder gar nicht s e l b st arbeitenden bedeutend größer sein wird, als der der eifrig und philanthropisch wirkenden Pfleger. Auch wäre zu bedenken, daß durch alle Arrangements und Verbindungen leicht der krassesten Protektionswirtschaft Vorschub geleistet werden könnte, und nicht zu vergessen wären die verschiedenen Grade der verletzten Empfindungen, wenn die Empfehlungen und Vorschläge der Pfleger hie und da vom beschlußfassenden Kuratorium nicht nach Wunsch beachtet, respektive angenommen werden können. Die zwei Städte Elberfeld und Wien — sie liegen eine in Deutschland und eine in Oesterreich — und schon deshalb sind sie in dem ganzen Wesen ihrer Bevölkerung grundverschieden, schon, um nur ein Merkmal anzuführen, weil die in Deutschland nach dem Gesetze für lästige Ausländer behandelten Personen aus allen Reichen sich in Oesterreich und die Armen von ihnen in Wien anfiedeln. Wiederholt wurde in Fällen, wo die Zentralstelle Privatwohltäter in ihre Institution zu gewinnen bemüht war, an dieselben die Frage gerichtet, ob sie auch in der Lage sei, über jeden Armen genaue zuverlässige Auskunft zu erteilen; im Verneinungsfalle wäre ja doch der Wohltäter gezwungen, sich die Recherchen selbst zu besorgen oder durch ein anderes Organ besorgen zu lassen — und diese Zweiteilung will er nach seinem Beitritte zur Zentralstelle eben vermieden haben. Ist aber die Zentralstelle dasjenige, was sie eigentlich sein soll, nämlich eine verläßliche Auskunftsstelle für jeden Interessenten, so wird sie auch den Privatwohltätern gegen eine verhältnismäßig geringe Zahlung als Jahresgebühr den Privatsekretär ersetzen und der Philanthrop wird sich ihr mit Beruhigung anvertrauen können. Es ist nun evident, daß die Zentralstelle» um ihrer Aufgabe gewachsen zu sein, in Zukunft anders wird arbeiten müssen, als dies bisher der Fall war. Ich betone jedoch hier nochmals, wie ich dies in meinem Vortrage im Vorjahre bereits hervorzuheben die Ehre hatte, daß das Bureau der Zentralstelle ausschließlich nur die e r st e oder Grundrecherche zu erheben hätte und es jedem Vereine oder Wohltäter überlassen bleiben würde, die von der Zentralstelle erhaltene Auskunft als genügend anzuerkennen oder durch eigene weitere Erhebungen zu ergänzen, so auch durch weitere Fürsorge und Inspektion den Einzelfall, rationell zu behandeln. Der Zentralstelle gehören Vereine verschiedener Kategorien an. Von großem Vorteile wäre es nun, wenn das Kuratorium der Zentralstelle von Zeit zu Zeit die Vereine, die laut ihrem Statut die gleichen Zwecke verfolgen, zu gemeinsamen Besprechungen einberufen würde. Solche Beratungen könnten vielfache gesunde Anregungen und Vorkehrungen zeitigen, welche in erster Linie den Armen zum Nutzen, dann aber auch den Vereinen selbst zum Vorteile gereichen würden Hinsichtlich der Amtsgebahrung in gewissen Spezialvereinen ist das Festhalten an einem bestimmten einheitlichen System unerläßlich geworden. So müßten alle Bekleidungsvereine jährlich einen gemeinsamen, zeitlich beschränkten Einreichungstermin, etwa vom 15. September bis 30. Oktober festsetzen. In kürzester Frist, da auch während des Einreichungstermines ein Teil der Recherchen durch die Zentralstelle durchgeführt werden könnte, würden die Vereine über das nunmehr in gemeinsamer Sitzung zu sichtende Material verfügen und über die Verteilungsmodalität, den Wareneinkauf, über von mehreren kleineren Vereinen gemeinsam abzuhaltende Feste rc. schlüssig werden