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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-06-04 · 23 (4.6.1909) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
23 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 402 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 33 tauen zu sein. In Palästina die Araber sind schlimm genug mit ihren mörderischen Ueberfällen auf unsere jüdischen Kolonisten. Auf den Dampfer Sir William Willcocks, des Sultans eigenen Emissärs, wurde in Mesopotamien geschossen und während der letzten Unruhen war die Schiffahrt auf dem Tigris gänzlich eingestellt. Wir wollen nicht mit einer Handvoll in so ein Gebiet auswandern und von Kurden und Beduinen ermordet werden. Wir müssen eine große, fich selbst schützende Kolonie haben. Wir können geneigt sein, die türkischen Kastanien aus dem Feuer zu holen, doch nicht ohne ein quiä pro qno. Wenn die Türkei will, daß sie und nicht Amerika uns habe, muß sie uns etwas Besseres bieten als wir jenseits des Ozeans finden können. Das habe ich Ahmed Riza geschrieben. Eine kleine Kolonisation ist unnütz. Wie sollte ungeordnete oder kleine Einwanderung, die im Westen so kläglich bei Lösung unseres Problems versagt, im Osten das Allheilmittel werden? Die Juden in mohammedanischen Ländern sind fast so verachtet und erniedrigt wie in den christlichen Ländern. Im Mittelalter mußten sie in abgesonderten Quartieren leben, sich schwarz oder gelb kleiden und barfuß erscheinen und sogar heutigentags sind die Juden in einem Lande wie Marokko in das Mellah eingeschlosien und niedriger als die Kameele angesehen. Wenn auch die Türkei toleranter ist, so wurde doch noch kein Volk durch Toleranz erlöst. Ein Volk kann nur durch seinen eigenen Geist erlöst werden. Und dieser Volksgeist kann nur auf seinem eigenen Boden erhalten werden. Zu denken, daß kleine Kolonien im ottomanischen Reiche etwas anderes als Ausgaben erzeugen würden, hieße die bittere Erfahrung der »Jca" im Westen vergessen, wo alle die verschwundenen Millionen kein Zufluchtsland bilden können und der einzige Erfolg der „Jca"-Kolonien ist, daß sie die Landpreise in der Umgebung auf unmögliche Höhe getrieben haben. Um jeden Preis zu kolonisieren — außer in großem Maßstabe, mit einem Tachlith oder bestimmten Ziel — ist sträfliche Verschwendung der Mittel des jüdischen Volkes. Dieser Luxus ist zu kostspielig und es wären manche andere bessere Dinge mit dem Gelde zu unternehmen. Es sind schon anderthalb Millionen Juden im ottomanischen Reiche, und was nützt uns dies? Werden sie nicht von den Griechen sogar in Salonik, wo sie die Mehrzahl bilden, boykottiert und gequält? Hören^wir auf mit philanthropischen Nichtigkeiten und Luftmcnschpolitik. Entweder errichten wir ein jüdisches Heimatsland oder suchen wir für die Lösung des jüdischen Problems eine andere und minder verschwenderische Basis als die Kolonisation. Sich betätigen heißt noch nicht leisten. Die tätigsten Geschöpfe in der Welt sind die Tanzmäuse, die sich in der Minule einige hundertmal herumdrehen, aber sie könnten ebensogut stillgestanden haben. Meine Damen und Herren, ich habe diesen unseren alten Mesopotamiaplan nicht veröffentlicht, ohne überzeugt zu sein, daß er, wenn er als Praktisch erachtet wird, die Sympathie der Führer des jüdischen Volkes finden werde, wenn ihn vielleicht auch mancher in geringerem Maßstab angehen möchte, oder in einem späteren Zeitpunkte oder nach anderer Methode. Sogar ein Mann, der imstande wäre, einen mächtigen Einfluß auf die türkische Finanzwelt auszuuben, begann sich dafür zu interessieren. Die Zionisten sind die einzige Partei, die zu sondieren ich nicht für nötig fand, da ich es für selbstverständlich hielt, daß sie ihre Mitwirkung in einem Territorium, das zu ihrem Programm gehört, nicht ablehnen würden. Da aber unser Mesopotamiaprojekt neulich in einigen fremden Zeitungen ausgesprengt wurde, zeigte mir ein Flügel der Zionisten selbst seine Zustimmung an, und ich bin noch glücklicher, zu sehen, daß die »Welt", das offizielle Organ der Zionisten, in ihrer Nummer vom letzten Freitag die Mefopotamiaidee mit ziemlicher Sympathie begrüßt, allerdings ohne Palästina aufzugeben. Hier also ist der eine Plan, der das eine Volk schaffen soll. EinneuesLandderFreiheit. Ich erkläre jedenfalls, daß Mitwirkung Kompromiß bedeutet, und geradeso wie die große britische Föderation in Südafrika sich als unmöglich erweisen würde, wenn Kap Town oder Transvaal auf jedem Buchstaben ihrer Wünsche bestehen würden, müßte, wenn alle Parteien und Organisationen der Judenheit zu einem großen Werke vereint werden sollen, jede darauf gefaßt sein, daß sie etwas von der Schärfe ihrer Prinzipien oder Statuten werde opfern müssen. Aber zuletzt noch einen Vorbehalt. Mesopotamien wurde bisher noch nicht von uns geprüft, noch nicht von unserer geographischen Kommission angenommen. Es kann kommen, daß die Berichte über Mesopotamien ebenso rosig gefärbt sind wie über Cyrenaika. Es kann kommen, daß in einem solchen Klima jüdische Arbeiter nicht arbeiten, jüdische Kinder nicht leben und gedeihen können. Es kann kommen, daß sich die Araber als ein unversöhnliches Element erweisen, und nicht, wie wir es zu erreichen hoffen, als ein friedliches. In diesem Falle muß auch Mesopotamien fort. Wenn jedoch, was wir hoffen und wünschen, Mesopotamien so paffend für die Juden von heute ist, wie es für unsere Patriarchen war, die dort ihre Herden trieben, oder wie cs für die Juden in der großen Periode des babylonischen Talmuds war, dann lassen Sie uns alle vereinen in dem Beginnen, hier das so wünschenswerte Land mit Freiheit, Glück und Frieden zu errichten. Wir waren immer eins im Leiden. Wenn die Rinnsteine von jüdischem Blut rönnen und die Luft von Klagen der Witwen und Waisen widerhallt, dann fühlen sich alle Juden als Brüder. Lassen Sie uns einmal im Glück eins sein — im Glück, für eine sichere und größere Zukunft zu arbeiten. Ein Plan — ein Volk. Zentralisierung der Armenfürsorge. Bortrag gehalten in der Generalversammlung des Hictzinger Frallen-Äereines, Sehr geehrte Damen und Herren! Das Thema, das ich heute der verehrlichen Versammlung vorzutragen die Ehre habe, soll die derzeitige Tätigkeit der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen besprechen und Anregungen geben für die Ausgestaltung derselben, um die Schäden, die dem jüdischen Armenwesen in Wien anhaften, zu beseitigen oder doch zu mindern, da — wie Herr Mendl in seinem Elaborate vom 18. März d. I. mit Recht bemerkte — die Pflästerchen für die Armen eher schaden denn nützen, d. h. wenn aus Kommodität oder Liebe zu Althergebrachtem bei der derzeitigen Methode des A l m o s e n g e b e n s verharrt wird, so kann trotz energischen Zielbewußtseins einzelner Armenanwälte nach dieser Richtung an die Durchführung einer geregelten Armenpflege noch immer nicht gedacht werden. Den Anfang zur Tätigkeit der Zentralstelle bildete im Oktober 1908 die Errichtung eines Zettelkatasters, dessen Zweck darin besteht, daß alle der Zentralstelle von den Instituten und Privatwohltätern mitgeteilten Daten ans Formulare notiert werden, um bei Anfragen die erbetenen Auskünfte geben zu können. Das schon erwähnte Elaborat des Herrn Heinrich Mendl in der Delegierten-Versammlung der Zentralstelle, das die verehrten Anwesenden auch in „Dr. Blochs Wochenschrift" veröffentlicht fanden, erwähnte die Schwierigkeiten, denen die Zentralstelle bei der Anlage des Katasters begegnete, und ich glaube, daß die Kinderkrankheiten des Katasters insolange währen werden, als die Vereine und Privaten, die der Zentralstelle angeschlossen sind, nicht regelmäßig, sofort nach Verabfolgung der Spenden ihre Listen für den Kataster einsenden, sondern nach Ablauf von zwei bis vier Wochen diese einzige, aber wichtigste Arbeit, die sie im Interesse der Ordnung auf sich genommen, ausführen; die Erfahrung lehrt, daß der Arme sich in seiner Bedrängnis gleichzeitig an verschiedene Seiten um Aushilfen wendet weshalb eben die Meldungen nach Erledigungen sofort erfolgen müssen, sollen sie dem zweiten Anfragenden die erbetene Empfehlung oder Warnung schon in einer konkreten Form geben. Herr Mendl konnte aber bereits ein klares Bild einzelner Fälle bieten, die die Notwendigkeit des Katasters erkennen ließen, indem trotz der kurzen Zeit der Führung des Katasters aus Aufzeichnungen in diesem ersichtlich wurde, daß unter anderem einzelne Parteien keinem anderen Beruf nachgehen wollen, als dem Professionsbettel, wenngleich sie arbeiten könnten, und in solchen Fällen war es nach Untersuchung der Arbeitsfähigkeit der einzelnen Familienmitglieder durch das Zusammenwirken mehrerer Institute möglich, durch eine einmalige Aktion der Familie eine Existenz zu gründen,

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