Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Vlochs Wochenschrift. Sette 399 Ei« Pta« — ffittt Kolk. Rede gehalten von Mr. Zangwill in der Great Assembly-Hall am 15. Mai 1909. (Schluß.) Das einzige Problem. Gibt es ein Land? Gibt es ein Land, so groß, so unbewohnt, so fruchtbar und für die Juden so offenstehend, daß der ÄuSwandererstrom ruhig dahin gelenkt werden kann mit der Aussicht, dort eine Heimat für Millionen unseres Volkes zu errichten? Gibt es ein Land? Sie sehen nun, das ist die Frage einer einfachen Tatsache, wie etwa: find Berge in Mile End oder nicht? Sie können darüber nicht abstimmen. Sie können das nicht vor einen Kongreß bringen. Entweder es find Berge in Mile End oder nicht. Redner mögen jubeln, Journalisten schreiben, Gesellschaften ihre Präsidenten wechseln — die Tatsachen kann nichts ändern. Wenn in Mile End nicht Berge find, so find eben keine. Wenn dort nicht Land für die Juden ist, so i st keins. Wenn in der Welt kein Raum für die Wiedergeburt eines jüdischen Volkes auf jüdischen Boden ist, nun, umso schlimmer. Aber wenigstens wollen wir nicht unsere Chancen verringern, indem wir jedes Land mit Ausnahme eines wegwerfen. Der amerikanische jüdische Humorist Bernard Richards erzählte neulich eine Geschichte von einem Juden, der in Berlin auf den Bahnhof kam, ein Goldstück niederlegte und ein Billet verlangte. „Aber wohin denn?", fragte der Bahnbeamte. „Es ist mir ganz egal", antwortete der Jude. Das ist die Wahrheit über den Juden. Stellen Sie irgendwo ein Zentrum auf — ein Zentrum, wo er sein Brot verdienen kann — und er wird dorthin gravitieren. Er will sogar nach Palästina gehen. Das Cyrenaika-Projekt. Unter den zehn im „Jto"-Blaubuch entworfenen Plänen griff der britische Sektionsrat zwei als die besten heraus und erklärte sie für gleichwertig. Welcher von den beiden beffer war, konnten wir nicht entscheiden. Aber da wir in das eine dieser beiden Länder eingeladen wurden und wir uns entscheiden mußten, waren wir gezwungen, es zuerst zu besehen. Dieses eine war, wie Sie wissen, Cyrenaika, ein Land neben Egypten, nahe Rußland, nahe bei Palästina, mit einer herrlichen Mittelmeerküste und einer großen jüdischen Vergangenheit, sowie dem allgemeinen Ruf, ehemals ein Paradies gewesen zu sein mit fünf mächtigen, Pentapolis genannten Städten. Nichts konnte mehr versprechend erscheinen und ich dachte bestimmt, daß wir Juden unter dem Schutze Redjib Paschas, dem General-Gouverneur von Tripolis und einem der tüchtigsten Männer des türkischen Reiches, eS wieder zu der Wohlfahrt würden hinaufarbeiten können, deren es sich unter den Griechen und Römern erfreute, und daß im Laufe von Generationen wir eine große ackerbau- und handeltreibende Macht bekommen würden, mit unserer eigenen Flotte und vielleicht — wer weiß? — mit unserem eigenen Zwei-Mächte-Standard. Leider kam es heraus, daß das Land zu rosig gemalt worden war. Eine wissenschaftliche Expedition wurde dort nie gestattet, und als mit spezieller Erlaubnis und unter Eskorte türkischer Soldaten und Gendarmen unsere Expedition unter Führung des berühmten Forschungsreisenden Prof. Gregory das Land durchforscht hatte berichtete sie, daß die Wafferverhältniffe nicht gut genug seien. Die Statuten des jüdischen Kolonial-Trusts. Jetzt begreifen Sie aber, warum ich so bestrebt war, die Zionisten an der Abänderung ihrer Bankstatuten zu verhindern. Es geschah dies, um sie frei zu laffen, damit sie in dem großen jüdischen Lande Mitwirken könnten, von dem ich glaubte, daß es für uns geöffnet werden würde. Es geschah dies, um zu ermöglichen, daß für den einen Plan das eine Volk geeint werde. Cyrenaika war tatsächlich ein Nachbarland Palästinas. Die Zionisten hatten es außer acht gelaffen, nicht mit Absicht, sondern aus Unkenntnis oder Nachlässigkeit, indem sie zuließen, daß ihr Programm im heißesten Eifer des Kongreffes diktiert werde, statt in der kühlen Atmosphäre der Ratskammer. Ich glaubte bestimmt, daß, wenn ich sie nur davor bewahren könnte, es rechtlich auszuschließen, alle vernünftigen Zionisten sich uns anschließen würden. Mein Kampf ging in der Tat nicht dagegen, sondern dafür. Es war nicht ihr Geld, was ich wollte, das war zu wenig für ein so großes Projekt. Ich wollte sie vor dem Selbstmord retten. Sehen wir, was geschehen wäre, wenn Cyrenaika Waffer gehabt hätte. Die Kolonisation hätte sofort begonnen. In der Tat, wie die Sachen lagen, glaubte Profeffor Gregory, daß wenigstens eine geringe Kolonisation in Angriff genommen werden würde, so daß er Vorräte und Zelte für die ersten Kolonisten in Cyrenaika zurückließ. Und wie die Dinge liegen, habe ich einen formellen Beschluß, von den Warschauer Pionieren am 13. April gefaßt, erhalten, der Cyrenaika als paffend und wünschenswert erklärt und die sofortige Kolonisation urgiert, sowie die beigeschloffenen Briefe aus anderen ruffischen Städten, die die Sehnsucht der Juden, mit der Kolonisation zu beginnen, zeigen. Denken Sie sich also, was ein guter Bericht bedeutet hätte. Aus allen Teilen Rußlands hätten sich Pioniere nach Cyrenaika geschart. Sogar aus Südafrika, wie ich erfahre, warteten Hunderte junger Leut«-, die auf beiden Seiten im Burenkriege gefochten, nur auf das Zeichen, um nach unserem nordafrikanischen Lande auszuwandern. Alle Augen wären nach Cyrenaika gerichtet gewesen. In Cyrenaika wäre alles Leben, Hoffnung und Arbeit gewesen. Was wäre aus der zionistischen Bewegung geworden, nachdem sie vom Sultan aus Palästina und von ihren abgeänderten Bankstatuten aus Cyrenaika ausgeschloffen worden? Sie hätte nichts anderes als leere Worte bieten können. Dies wäre das Ende des Zionismus gewesen. Zionismus und Cyrenaika. Da ich jedoch zum Glück den Prozeß gewann, war der Zionismus frei, sich uns anzuschließen. Und die besten Zionisten hätten sich uns angeschloffen, wenn unsere geographische Kommission »Cyrenaika hätte empfehlen können. Daß ich das nicht leichtsinnig glaube, beweist ein offener Brief, der in einem zionistischen Organ von Herrn Trietsch, dem Autor des oberwähnten Handbuches über Palästina, an mich gerichtet wird. Trotz des Waffermangels bittet er mich, Cyrenaika nicht leichtsinnig aufzugeben, das tatsächlich ein Nachbarland Palästinas ist. Herrn Trietsch's Instinkt hat recht. Das Lustige an der Lage ist, daß Cyrenaika in der Tat paffender für die Zionisten als für die „Jto" ist, da es unter türkischer Oberhoheit, sowohl politisch als geographisch halb auf dem Wege nach Palästina liegt. Und das Traurige an der Lage ist, daß ich dies den Zionisten nicht sagen durfte, daß ich dem jüdischen Kolonial-Trust nicht Redjib Paschas Anerbieten übermitteln konnte, uns eine Bank in Tripolis und eine Bank in Cyrenaika errichten zu laffen. Die zionistische Bewegung hatte keine offiziellen Verbindungen mit der Türkei; hier wäre ein glänzender Beginn gewesen, eine unschätzbare Verbindung mit derselben Regierung, die Palästina besitzt. Aber ich wußte, daß die Führer nicht wagen würden, ohne ihren Kongreß zu handeln. Dieser ist es, der ihre Macht als Führer bindet. Die Angelegenheit Cyrenaika. Herr Trietsch plaidiert also nicht ohne Grund, daß Cyrenaika nicht leichtfertig weggeworfen werde. Gerade nachdem unsere Expedition ihr Schlimmstes gesagt hat, bleibt Cyrenaika die beste Gegend, mit Ausnahme Palästinas, die je von Juden und für sie erforscht wurde. Es ist gesund und schön. Es ist außerordentlich fruchtbar. „Siebenundvierzig Bodenproben", sagt unser landwirtschaftlicher Experte, „wurden von verschiedenen Orten, die weit von einander entfernt waren, verschiedenen Lagen und von verschiedenartig aussehendem Boden entnommen und sorgfältige Untersuchung zeigte, daß sie alle reich an fruchtbaren Elementen waren". „Dies", fährt er fort, „ist in meiner Erfahrung einzig dastehend". Es gibt dort keine Krankheiten und keine wilden Tiere. Der einzige ernstliche Mißstand ist