Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 22 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021841--18351-3043274- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 22 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 383 mit einem Stammkapitale von 100.000 türkischen Pfund zum Beschlüsse erhoben und ein Subskriptionskomitee eingesetzt wurde. Die Eröffnung dieses Institutes kann als gesichert angesehen werden, da schon die ersten Tage ein Subskriptionsergebnis von 25.000 Pfund aufwiesen. Die beiden Institute sollen einander keine Konkurrenz bieten. Angesichts der großen Zahl der jüdischen Bevölkerung von Saloniki haben auch zwei jüdische Finanzinstitute nicht nur eine finanziell gesicherte Zukunft, sondern auch eminent sozialpolitische Bedeutung. Erzherzog und Rabbiner. Aus dem Badeorte P i st y a n wird uns geschrieben: Zur feierlichen Einweihung eines Offiziers-Pavillons des hiesigen Militärspitales waren auch der Gemeinderabbiner Kalman Weber und der Präsident der Kultusgemeinde offiziell erschienen. Zu dem hieraus stattgefundenen Diner waren 60 Personen geladen, darunter auch Rabbiner Weber. Derselbe wurde vom Obersthofmeister Baron P r o n a y der Erzherzogin Gabriele vorgestellt, die den Rabbiner bat, an der Spitze der Tafel Platz zu nehmen. Nach beendeter Tafel, an welcher Se. Ehrwürden mit einer Tasse Limonade teilgenommen hatte, wurde er von der Erzherzogin I s a b e l l a in ein längeres Gespräch gezogen. Erzherzog Friedrich reichte dem Rabbiner die Hand, erkundigte sich nach den Verhältnissen der Gemeinde und drückte seine Freude über den großen Aufschwuug des Kurortes aus. Auf die Bemerkung Sr. Ehrwürden, daß die Freude über die rasche Entwicklung des Badeortes durch den Gedanken getrübt werde, daß die Menschen immer schwächer, kranker werden, erwiderte der Erzherzog lachend: „Wenn aber die Welt schon krank ist, so ist es doch eine Wohltat, daß heilkräftige Kurorte vorhanden find." Die besondere Freundlichkeit der erzherzoglichen Familie gegenüber dem Rabbiner hat allenthalben großes Aufsehen erregt. Neue Wirkungen des Radiums. Aus Paris wird gemeldet: In der letzten Sitzung der französischen ^.caäömie des Sciences berichtete der bekannte Physiker Professor L i p p m a n n über interessante Forschungsergebnisse eines Wiener Radiologen, Dr. Louis F r i s ch a u e r, der mit Förderung der österreichischen Regierung seit dem Vorjahre an dem der ^acaltö des Sciences unterstehenden radiologischen Institut der Frau Professor Curie wirkt. Man kann bekanntlich die erkaltete Schmelze eines kristallisationsfähigen Stoffes ebenso wie eine übersättigte Salzlösung durch sehr lange Zeit in unverändertem klaren Zustand erhalten, wenn man den Zutritt von Kristallkeimen vermeidet. Dr. Frischauer zeigte nun, daß solche im sogenannten metastabilen Zustand befindliche Flüssigkeiten innerhalb weniger Stunden zu kristallisieren beginnen, wenn man sie der Strahlung eines sehr starken Radiumpräparates aussetzt. Die Kristallisationsgeschwindigkeit der Substanz, eine Naturkonstante, die bisher bei gleichbleidender Temperatur willkürlich überhaupt nicht beeinflußt werden konnte, erfährt unter dem Einfluß des Radiums eine gewaltige Steigerung. Dr. Louis Frischauer, dem ein Teil des Radiumschatzes der Pariser Facalts des Sciences für seine Arbeiten zur Verfügung gestellt wurde, fand weiters, daß auch die unbeständige labile Form gewisser Grundstoffe, wie Schwefel und Zinn, sich durch Radiumbestrahlung in die betreffende stabile Form umwandelt. Besonders merkwürdig ist die rasche Umwandlung des metallischen Zinns in ein amorphes graues Pulver. Es ist dies eine selten beobachtete Naturerscheinung, die in der Technik Zinnpest benannt wurde, weil Zinngeräte, die mit diesem Zinnpulver in Berührung kommen, langsam wie durch Infektion zu zerstäuben beginnen. Diese Umlagerung des elementaren Zinns, die an Jahrhunderte alten zinnernen Kirchengeräten manchmal als Alterserscheinung beobachtet wurde, wird vom Radium in ganz kurzer Zeit bewirkt. Nach einer von Madame Curie und Professor Lippmann vertretenen Theorie find diese neuartigen Erscheinungen den vom Radium mit immenser Gewalt ausgeschleuderten, elektrisch geladenen Strahlen zuzuschreiben, die beim Auftreffen auf solche Stoffe, die sich im Zustande latenter Umwandlungstendenz befinden, durch elektrischen Chot die beschriebenen Wirkungen auslösen. Doktor Frischauer stützte diese Hypothese durch den Nachweis, daß Strahlungen, die keine elektrische Ladung an das Präparat abgeben können, wie zum Beispiel die Röntgen-Strahlen, die Kristallifationsgeschwindigkeit auch nicht beeinflussen. Alle russischen Judenmetzeleien ein Werk der Regierung. Berlin, 25. Mai. (Privattelegramm.) Aus Petersburg meldet das „Tageblatt" : Die ruffische Regierung steht vor einem neuen, unerhörten Skandal. Bekanntlich hat der frühere Privatsekretär Pruffakow des Präsidenten des Vereines echt russischer Leute, Dubrowin, im Hertzensteinprozeß ausgesagt, daß Dubrowin demjenigen 25.000 Rubel geboten habe, der die Schuld an der Ermordung Hertzensteins auf sich nehmen will. Pruffakow war ehemals Agent des Polizeidepartements und wurde von Raskvwski, dem Leiter der russischen Geheimpolizei, zu Dubrowin gebracht, damit er den weißen Schrecken über ganz Rußland verbreite. Pruffakow beabsichtigt nun, mit Enthüllungen über die russische Regierung und ihre Teilnahme an den bekannten Judenmetzeleien hervorzutreten. Die Absicht des ehemaligen Polizeiagenten beunruhigt natürlich die russischen Regierungskreise in hohem Maße. Man glaubt, daß die Regierung auf das schwerste kompromittiert werden wird. Vor allem soll die Tatsache zutage kommen, daß der Verband echt russischer Leute das Werk der russischen Regierung ist und seine Greuel fast nur auf Veranlaffung der Regierung verübt hat. Ferner steht fest, daß Unruhen allerlei Art, der „weiße Schrecken" und die Judenpogroms nur dort vorkamen, wo sich die Regierung mit der Organisation „echt russischer Leute" befaßte. Es ist auch bemerkenswert, daß Dubrowin durch Vermittlung Raskowskis bei einem Mitgliede der Hofkamarilla vom Zaren empfangen wurde und v n ihm eine halbe Million Rubel für das Parteiblatt des Verbandes erhalten haben soll. Das alles läßt Skandale voraussehen, wie man sie bisher noch nicht erlebt hat. Die Enthüllungen find bereits unter die Abgeordneten gedrungen, wie aus einer angekündigten Interpellation der Kadetten hervorgeht. Wahrscheinlich wird die Regierung dafür sorgen, daß Pruffakow verschwindet. Möglich ist aber auch, daß Pruffakow vorher die Flucht ergreift, um seine Enthüllungen vom Auslande her in die Welt zu senden. Gin Plan. — Gin Molk Rede gehalten von Mr. Zangwill in der Great Affembly-Hall am 15. Mai 1909. Das Bild, das unser Präsident eben von einem Lande mit Freiheit, Glück und Frieden entworfen hat, ist ein Bild des Landes, in dem wir englischen Juden zu leben das Glück haben. Die Engländer verkünden jetzt besorgt, daß ohne mehr Dreadnoughts, ohne einen Zwei-Müchte-Standard in ihrer Flotte, dieses große, glückliche Land untergehen müßte. Auch die englischen Juden stehen im Rufe nach dem Zwei-Mächte-Standard für England nicht zurück. Aber für das jüdische Volk war es immer Sitte, den Kein-Mächte-Standard zu proklamieren. Juden müffen sich ängstlich vor jeder Maßnahme zur Selbsthilfe hüten. Nun, meine Damen und Herren, der Kein-Mächte-Standard wurde vor ungefähr zweitausend Jahren versucht, und die Folgen davon waren für uns — Verfolgung, Massaker, Erniedrigung, moralische und physische Degenerierung. Der Kein-Mächte- Standard muß fort! Eine ausgedehnte Konzentrierung jüdischer Bevölkerung muß in einem ausgewählten Lande gepflegt werden, nicht nur