Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 22 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021841--18350-3043273- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 382 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 22 erfüllt, sondern auch einen Akt der Vorsorge trifft. Denn die von der „Allianz" gesammelten und weitergeleiteten Menschenmassen würden sich zweifelsohne über alle jüdischen Häuser ergießen und von allen Seiten würde sich der Ruf nach einem organisierten Hilfswerk erheben. Nun dieses Hilfswerk von vornherein organisiert ist, wird es von den Juden nicht genügend unterstützt. Im Kampfe gegen den Antisemitismus lieben wir 'die schönen Phrasen mehr als die guten Taten. Es ist nun einmal ein politisch-mathematisches Gesetz, daß die Stärke der Judeufeindschaft mit der Zahl der Juden wächst. Wollen wir sie geringer habe», so müssen wir großherzigen Aufwand machen, daß die Emigranten zu einem Zufluchtsorte kommen, wo man sie gerne sieht, während sie bei uns für uns eine Last bedeuten. Die Allianz stellt eine vorzügliche Organisation zur Verfügung,. welche diese Aufgabe vollkommen lösen kömrte, wenn man ihr die für den Einzelnen recht bescheidenen Mittel geben würde. Genau so wie der Zufluß ihrer Einkünfte ist auch der Fluß der Durch- Wanderung des jüdischen Ueberproletariats durch Oesterreich, dessen Verkehrsunterbrechungen mehr als Kalamitäten Hervorrufen. Das sollte sich jeder intelligente jüdische Bürger Vorhalten, der ein Beitrittsformular der Allianz erhält. Vom Jahrmarkt des Lebens. Zur Verfaffuugsfrage i« Bosnien. Sarajewo, 16. Mai 1909. Laut Mitteilung unseres Korrespondenten aus Bosnien hat Herr Bankier Josua Salom, welcher sich tatkräftig und hingebungsvoll für die volle Gleichberechtigung der Juden Bosniens im neuen Verfaffungsentwurf eingesetzt hat, am vorletzten Donnerstag von maßgebender, autoritativer Stelle der hiesigen Landesregierung die offizielle Mitteilung erhalten, daß die Juden von Bosnien und der Herzegowina zwei Mandate für den Landtag erhalten, und zwar eine Virilstimme, die des Oberrabbinersvon Sarajewo, und ein Mandat, welches die jüdische Kurie durch Wahl zu vergeben haben wird. Die Mitteilung hat nicht verfehlt, in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung fteudige Genugtuung zu erwecken und dankbare Anerkennung gegenüber der hohen Landesregierung, welche wie bisnun so auch fernerhin das gleiche Recht und das gleiche Wohlwollen allen Bürgern der neuen Provinz einräumen will. Dankbar muß auch konstatiert werden, daß der bosnische Ziviladlatus Se. Exzellenz Baron B e n k o in weiser Würdigung der politischen Verhältnisse des Landes seit je den jüdischen Bewohnern ein persönliches Wohlwollen entgegenbrachte; er hat auch die Ausführungen und die statistischen Daten der jüdischen Delegierten, Bankier I. Salom und Dr. Rot hkopf, aufmerksam entgegengenommen und schriftlich nach Wien weiter vermittelt, und es ist zweifellos, daß auf Grund dieser Darlegungen und der gutachtlichen Aeußerung Sr. Exzellenz Baron B e n k o's die günstige Lösung und Entscheidung dieser Frage erfolgt ist. Ich will aber auch nicht verschweigen, daß es ein hohes Verdienst ist der Leitung des „Jüdischen Gemeindebundes" in Wien, daß die seit Jahrhunderten von vielen der besten erfolglos angestrebte Bereinigung der Juden beider Riten, der Sephardim und Eschkenafim, endlich erfolgt ist. Diese Einigung ist eine segensreiche Tat, durch welche eine günstige Lösung und Erledigung unserer politischen Situation erst ermöglicht worden ist. Ein Bosnier. Russische Emigranteugruppe in Ungarn. Wie uns mit Bezugs auf die in unserer letzten Nummer unter obigem Titel gebrachte Nachricht vom Sekretariate der „Israelitischen Allianz" mitgeteilt wird, handelte es sich in diesem Falle um eine Gruppe von neun Familien mit zusammen 44 Personen, welche sich seit mehreren Jahren in der Bukowina aufgehalten hatten, dort als Handwerker lebten, ohne Jemanden zur Last zu fallen, und nun von den mit großer Strenge gehandhabten Ausweisungsmaßregeln der Czernowitzer Landesregierung gegenüber solchen Fremden, die keine ordnungsmäßigen Legitimationspapiere besitzen, betroffen wurden. Die Filiale der „Allianz" in Czernowitz setzte sich schon vor längerer Zeit mit der Wiener Zentrale in Verbindung, um geeignete Vorkehrungen zu treffen, damit die von dieser Maßregel betroffenen Personen, ohne Schwierigkeiten zu finden, in ein freieres Land gesandt werden. Die in Rede stehende Gruppe setzte sich jedoch eigenmächtig in Bewegung, indem sie durch eine Kollekte Czernowitzer Studenten die Mittel erhielt, um mit Wagen nach Ungarn zu gelangen, wo sie jedoch von den Grenzbehörden aufgegriffen und nach Rußland zurückgeschoben werden sollte. Durch die Intervention einiger jüdischer Abgeordneter wurde dies verhindert; eine in Budapest veranstaltete Privatkollekte brachte dank der Munifizenz der dortigen wohlhabenden jüdischen Kreise einige tausend Kronen zum Zwecke der Weiterbeförderung der Leute auf. Die Gruppe wurde unter Leitung des Herrn Kramer, Oberbuchhalter der Pester israelitischen Religionsgemeinde, nach Fiume gebracht. „Die „Israelitische Allianz zu Wien" delegierte sofort, nachdem sie auf telephonischem Wege von Budapest von diesen Vorkehrungen in Kenntnis gesetzt worden war, ihren Sekretär Herrn Dr. A. Kaminka nach Fiume; die Gruppe wurde innerhalb der kurzen zur Verfügung stehenden Frist von einigen Tagen vollkommen mit Wäsche und Kleidung versorgt und nach Triest gebracht, von wo sie mit dem am 19. d. nach Argentinien abgegangenen Dampfer abreiste. Herr M. Kramer hat bei dieser Gelegenheit seine allseitig bekannte Umsicht und Tatkraft in vollem Maße bewährt. Es ist als besonderer Glücksfall anzusehen, daß diese plan- und ziellos in Szene gesetzte Weiterbeförderung der Gruppe seitens der gewiß von den besten Absichten beseelten Czernowitzer Wohltäter für die Leute einen günstigen Ausgang nahm, daß die Mittel aufgebracht wurden und daß nach telegraphischen Anfragen in verschiedenen Ländern, auf welche bezüglich der Zulassung ablehnende Antworten erfolgten, die „Allianz" schließlich die Möglichkeit fand, die Gruppe nach Argentinien zu expedieren, wobei im letzten Augenblicke eine der Familien es noch vorzog, von Triest aus lieber nach Rußland zurückzukehren. Es kann nicht genug davor gewarnt werden, ähnliche Hilfswerke ohne vorherigesEinvernehmen mit den berufenen Organisationen von unverantwortlicher Seite einzuleiten, da die Personen, denen geholfen werden soll, dadurch zumeist nur in ein größeres Elend gestürztwerden. Neue jüdische Banken in Saloniki. Aus Saloniki wird uns geschrieben: Seit langer Zeit schon besteht hier die Absicht, eine große jüdische Bank ins Leben zu rufen. Die Erreichung dieses Zieles wird von zwei verschiedenen Seiten angestrebt und es ist alle Aussicht vorhanden, daß Saloniki in kurzer Zeit zwei große jüdische Bankinstitute besitzen wird. Die eine Aktion geht von dem erst jüngst gegründeten „Cercle Jsraelite" aus, dem nahezu alle jüdischen Bankiers, Bankdirektoren und Großkaufleute angehören. In diesem Cercle werden nun Vorbereitungen getroffen, eine jüdische Bank mit fünf Millionen Franks Stammkapital zu eröffnen. Die Summe soll von den Mitgliedern des Cercle subskribiert werden. Wie unser Korrespondent meldet, haben die Subskriptionen bereits ein sehr schönes Ergebnis aufzuweisen. Andererseits hat der immer rührige „Club des Intimes" sich mit dem Direktor der Anglo-Palästina-Bank in Konstantinopel Herrn Jacobsohn ins Einvernehmen gesetzt, um in Saloniki eine Filiale dieser Bank möglich zu machen. Die Konferenzen, die Herr Jacobsohn in Saloniki selbst gepflogen, führten nun zu dem Resultate, daß vorigen Samstag im „Club des Intimes" eine auch von reichen Juden besuchte Versammlung stattfand, in welcher die Gründung einerFiliale der „Anglo-Palästina-Bank" in Saloniki