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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-05-21 · 21 (21.5.1909) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
21 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 378 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 81 Feuilleton. Da» „Teichtl". (Skizze aus dem alten Ghettoleben.) Von Dr. Leo Ehreutheil, Hof- und Gerichts-Advokat. Zu wiederholten Malen bereits habe ich, im geeigneten Momente und zu passender Zeit, meine mehr oder minder „freundlichen Leser und andächtigen Zuhörer" zu dem kleinen Wässerchen, an den großen Tümpel geleitet, der da gebettet lag mitten in den sagen- und segenreichen Gefilden im Hintergründe der einstigen „Jsraelitenstadt" Nikolsburg, im sogenannten „Judengarten", vulgo „Gärtl", genannt. Und dies nicht ohne Grund. Denn das „T e i ch t l", wie dieser Sumpf im Jargon des jüdischen Volksmundes gemeiniglich benamset war, spielte eine nicht unbedeutende Rolle in der „Khille", im gewöhnlichen, alltäglichen Leben der hoffnungsvollen Jugend nicht minder, wie auch bei manchen religiösen Gebräuchen der Altvorderen . . . Bei der zarteren Jugend, die sich an seinen Ufern weidlich ergötzte, wenn das Teichtl, seiner allgemeinen Bestimmung gemäß, als Pferdeschwemme benutzt ward, wenn sich die mehr oder minder edlen Roffe Judas und Israels, das Eingespann Chaim „Träglers", des Gepäckführers und Dienstmannes der Gaffe, das Roffepaar Leib Bläsers, des Wcinproduzenten der Khille, oder die Lasttiere des Holzhändlers Simon Abeles und — last but not least — M ach el Gewitschs Honipüs (lies: Omnibus)-Gäule in seinen schlammigen Fluten, meist unfreiwillig, nur „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe", tummelten oder besser gejagt wurden, daß bis an die Wolken fast spritzte „der schäumende Gischt". Für die älteren Knaben, welche das Teichtl als Fundgrube benutzten zu Zwecken ihrer naturhistorischen Studien und Forschungen, indem sie aus seinen schlammigen Fluten die dort in manch.n Abarten und großen Mengen heimischen Wasserkäfer oen sogenannten Schwimmkäfer (Hydrophilus piceus) herausfischten und ihrer Käfersammlung einverleibten, während die Botaniker unter ihnen die allerdings seltener, nur sporadisch hie und da austauchende Sumpfblume (Caltha palustris) aus dem Teichtl holten und für ihr Herbarium trockneten . . . Und nun erst im Winter. Wenn Schnee und Eis die Ufer des Teichtls erstarren ließen, vom Rande bis nahezu zur Mitte, und die junge Schaar, jede freie Stunde benutzend, praktisch übte, was sie theoretisch eben im Lesebuche „für die höheren Klaffen" durchgemacht: O Jüngling, der den Wasserkothurn Zu beseelen weiß und flüchtiger tanzt Zur Linken wende du dich, ich will Zu der Rechten hin halbkeisend mich dreh'n. Nimm den Schwung, wie Du mich ihn nehmen siehst, Also! Nun fleug schnell mir vorbei. Zurück! Laß nicht die schimmernde Bahn Dich verführen, weg vom Ufer zu geh'n! Denn, wo dort Tiefen sie deckt, strömt's vielleicht Sprudeln, vielleicht Quellen empor! (Klopstocks, Eisode.) Damit find und wären aber die Beziehungen des Teichtls zur Jugend und der Jugend zum Teichtl nahezu erschöpft, und wir kommen nun zu den Alten. Bei den älteren und ältesten Mitgliedern der Gemeinde stand das Teichtl in viel höherem Ansehen, ihnen galt es als das „M eer der Vergessenheit für all' ihre Sünden und Missetaten". Denn, was die Waffer des heiligen Ganges den alten Indem („Noch heute ist er das Ziel zahlreicher Pilger, die sich von ihren Sünden rein zu waschen suchen", Mayer S. 319); was die Fluten des Brahmaputra den Bewohnem der Provinz Affam („Der Brahmaputra gilt als Sohn des Brahma und gehört zu den heiligen Strömen", ibidem 307); das bedeutete — si parva licet componere — für die ältere Generation das sonst so unansehnliche und den größten Teil des Jahres sogar „im üblen Gerüche" stehende Teichtl. Allerdings nur ein einziges Mal im Jahre, an einem ausschließlichen Tage des Jahres, am ersten Feste des Rosch- Haschana! An diesem hohen Festtage aber, nach dem Minchagebete, erhob sich das vulgäre Teichtl zu seiner hehren religiösen Weihe, trat es bedeutungsvoll in den Ritus der Gemeinde. „Und es besteht der Gebrauch (Minhag) sich zu begeben an das Ufer des Wassers, am ersten Tage des Rosch- Haschana, wenn dieser Tag aber auf einen Sabbath fällt, am zweiten Tage." So zogen sie denn nach althergebrachter Sitte an die Ufer des Teichtl, ein langer, langer Zug, von den verschiedensten Seiten und Richtungen kommend, aus allen „Schälen" (Teim peln), fast zu gleicher Zeit. Allen voran die vierschrötige Gestalt Maische Neuschüllers, des Schammes der „Altschul", als der größten Synagoge, platten Fußes, (besagter Plattfuß soll ein natürliches Produkt der täglichen Tretmühle des „Schulklopfens" gewesen sein), um den Platz in der Mitte für den Rabbiner freizuhalten, der ihm alsbald auch auf dem Fuße folote. So wie aber endlich die Kette geschlossen, der ganze Rand, die Ufer des Teichtls ringsum mit den im hohen Festtagsgewande erschienenen frommen Wallern dicht besäet, ertönt auch schon aus dem Munde des ersten Vorbeters mit lauter Stimme das ,,Ni el komoucho“, die anderen fallen in mehr oder minder lauter Tonart, fast unisono, ein und das „Taschlich"- Gebet nimmt nunmehr seinen normalen Verlauf. Ganz normal, wie alle anderen Gebete, aber eigentlich doch nicht. Denn gleich nach Beginn der diesfälligen Andacht gibt sich eine ganz absonderliche, sonst nicht übliche Bewegung der Massen in sich selbst kund. Ein Jeder greift tief und immer tiefer in die äußere Tasche seines langen Rockes, krabbelt daselbst minutenlang herum und entnimmt dem dunkeln Schoße seines Gewandes eine Handvoll Brosamen, trockene Krumen, schwarz- oder weißbackener Provenienz. Und so wie er alsdann im Gebete bei der Stelle angelangt, wo er „bekol rom“, mit lauter Stimme, es hinausposaunt: „Wetaschlich bimzulos jom kol chatosenu!“, da schleudert er auch schon die mitgebrachten Brosamen und Abfälle, als Symbole und Repräsentanten seiner Sünden und Missetaten, „hoch im Bogen", über den Rand hinweg mitten in die Fluten des Teichtls, als „in die Untiefen des Meeres" — der Vergessenheit.- Noch lange, nachdem sich selbst der letzte verspätete Beter vom Ufer des Teichtls entfernt, schwimmen die Sünden der Gemeinde auf der Oberfläche seiner schmutzig grauen Waffer. Und wenn dann der letzte Brocken, vom Wasser vollgesogen, zur Tiefe gesunken — denn Mancher hat seine gar schwere Sünde in Form eines großen Brockens in die Fluten geschleudert — dann steigt auch das Teichtl wieder von seinem hohen Kothurn herab, auf welchen es sich dieses einemal im Jahre erhoben, zu seiner vulgären Bedeutung des Alltags, wie dies eingangs unserer Skizze geschildert. Sic transit gloria! „Drr ewige Jude." Sehr geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir zu dem in der letzten Nummer Ihrer geschätzten Zeitung erschienenen Aufsatz „Der ewige Jude" einige ergänzende, resp. berichtigende Bemerkungen. Herr Nathan Schwarz behauptet in seinem interessanten Feuilleton, daß die Sage vom ewigen Juden „dem eigentlichen Oriente fremd" ist und wahrscheinlich einem fanatischen Mönche aus der Neformationszeit ihre Entstehung verdanke. Ohne die Frage, was unter dem „eigentlichen Oriente" zu verstehen ist, weiter zu erörtern, muß doch vor allem an der Tatsache festgehalten werden, daß der Chronist Roger von Wendower in seinem Werke „Flores historiarum“ zum Jahre 1828 von einem damals in England weilenden armenischen Bischof berichtet, der die im Oriente damals kursierende Legende vom ewigen Juden nach Europa, und zwar zunächst nach England gebracht habe. Als dieser

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