Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Blochs Wochenschrift. Seile 379 Kirchenfürst über einen angeblich noch lebenden Augenzeugen des Leidens des christlichen Religionsstifters ausgefragt wurde, erzählte er, daß ein solcher Augenzeuge in der Person eines gewissen Kartaphilos wirklich (!) im Oriente noch lebe. „Als Pförtner im Palaste des Pontius Pilatus habe er Christus verspottet und sei zur Strafe dafür zum ewigen Wandern verurteilt worden. Wenn er 100 Jahre alt geworden, falle er in eine Art Ohnmacht, aus der er sich aber bald erhole, um wieder in das Alter von 30 Jahren zu kommen, in welchem er damals — in des Pontius' Tagen — gestanden, so daß er mit dem Psalmisten ausrufen könne: „Meine Jugend erneuert sich wie der Adler." Später wurde dieser Kartaphilos Christ und erhielt den Namen Josef. „Er wohnt in Armenien und in den anderen Ländern des Orients als ein Mann von heiligen Sitten und heiliger Rede, der alle ihm angebotenen Geschenke zurückweist, mäßig in Speise und Trank und dürftig in Kleidung ist." In diesem Berichte sind unzweifelhaft die charakteristischen Züge des späteren Ahasver zu erkennen. Nach einer uralten arabischen Sage verfertigte ein jüdischer Aristokrat, names Sameri, in der Wüste das goldene Kalb und wurde deswegen von Moses verurteilt, ewig unterwegs zu sein, um sein grobes Verbrechen zu sühnen. Ob dies der erste „ewige Jude" der Sage ist oder ob noch ältere Spuren für diese mythische Person aufzusuchen sind, bleibe dahingestellt. Nach neueren Forschungen soll hier eine „S a g e n m i s ch n n g" vorliegen, vermöge welcher das Urbild Ahasvers aus den Gestalten des zur Belohnung im Leben gelassenen Apostels Johannes (Joh. 21, 20) und des zur Strafe vom Tode verschont gebliebenen Malchus (Joh. 18, 10), eines Dieners des Hohepriesters sich zusammensetzt. Jedenfalls stammt die Sage aus dem Oriente, dessen Völker mbezug auf Unduldsamkeit und religiösem Fanatismus gegenüber den Juden dem christlichen Occid ent kaum nachstanden. Fest steht, daß dieser Mythus schon im dreizehnten Jahrhundert zu kirchlichapologetlschen Zwecken erdichtet und verbreitet worden ist. Ich habe a. a. O. den Nachweis geführt, daß gerade dieses Jahrhundert der schroffsten Gegensätze den Grundsatz: „ereäo, quia absurdum est" zu höchsten Ehren gebracht hat. In einem Jahrhundert der Universitätsgründungen und Hexenverbrennung, der höchsten Aufklärung und der Inquisition, des Aufblühens der Hjmste und Wissenschaften und der Ketzervernichtung, in einem Jahrhundert, in welchem „Gott und Teufel in der Kirche und im Fastnachtsspiel neben einander standen", fand das Unerhörteste Glauben und das Absurdeste Anhang und Verbreitung. Der abgeschmackte Aberglaube von der Existenz eines ewigen Juden, der die Wahrheit der christlichen Lehre bezeugen sollte, wurde als Siegespanier von der durch die Ketzersekten (besonders durch die Albigenser) in ihrem Bestände damals arg bedrohten Kirche aufgepflanzt, um die „Armen im Geiste" in ihrem Glauben zu stärken und die Juden zu bekehren. Die einfache Moral der Sage, daß der Fluch der bösen Tat den Menschen zeitlebens verfolgt, bis sein Verbrechen gesühnt ist, hat mit der Lehre von der Erbsünde nichts zu tun. Weil der „ewige Jude" im dreizehnten Jahrhundert nur apologetischen Zwecken diente, zeigt der damalige Sagengehalt keinen judenfeindlichen Charakter. Erst im sechzehnten Jahrhundert entwickelte sich eine Llteratur über diese Sage und Ahasver — dieser Name des ewigen Juden tritt jetzt zum erstenmale auf — erscheint nun als die Personifikation des wegen seines vermeintlichen „Unglaubens" ruhelos gewordenen und verfolgten Israel. Der Name „Ahasver" dürfte auf die damals am Purimfeste in Schwung gekommenen Ahasverspiele zurückgehen und gewissermaßen als Reaktion gegen die gewiß nicht böse gemeinten, aber die Gefühle der Andersgläubigen immerhin verletzenden Ausschreitungen und oft derben, mit der Purimstimmung zu entschuldigenden jüdischen Spässe aufzufaffen sein. Wenn Herr Schwarz sich gegen eine Verbindung dieser Sage mit den jüdischen Ueberlieferungen über den Propheten Elia verwahren zu müssen glaubt, so rennt er meines Erachtens offene Türen ein. Noch niemals wurde von ernsten Forschern ein Zusammenhang zwischen den beiden Gestalten fupponiert. Daß die Sage vom ewigen Juden rein christlichen Ursprunges ist, hat noch Niemand bezweifelt. Das Judentum weiß nichts von einem „ewigen Juden", der zur Strafe für ein Vergehen ewig fortleben muß, aber es kennt auch keinen „ewigen Christen" oder „ewigen Heiden", denn das widerspräche dem Geiste der Milde, Versöhnlichkeit und allumfassenden Me^nschenliebe, der die jüdische Religion auszeichnet. Wer in der jüdischen Sage fortlebt, für den ist das ewige Leben (auf Erden) keine Strafe, sondern eine Belohnung. „Sieben Menschen" — heißt es im Seder dam rabbah (cap. 1.) — „füllten die ganze Welt aus: Adam, Methusalem, Sem, Jakob, Amram, Achia und Elia, letzterer lebt noch." Der Prophet Elijahu, der dem Messias den Weg zu bahnen berufen ist, hat auch nicht die geringste Beziehung auf den ewigen Juden und stimme ich Herrn Schwarz vollständig bei, wenn er in der Verbindung beider Sagen einen inneren Widerspruch konstatiert. Aber seinem Erklärungsversuche, daß die angebliche Verbindung beider Sagen auf einem „krassen Mißverständnisse beruhe", kann ich durchaus nicht beipflichten. Denn bekanntlich sprach Christus aramäisch und sein Schmerzensruf müßte deshalb gelautet haben: „LI (oder Allah) lemänä sebaktäni!“ So liest auch der Syrer. Welche Anspielung auf den Namen Elia (der aramäisch „Uiä“ lautet) in diesem Ausrufe liegen soll, ist mir unerfindlich. Ebenso wenig wie die Lehre von der Erbsünde hat die antike Anschauung von der Hybris die Entstehung der Sage verursacht. Denn die Kirchenväter und Scholastiker betrachteten die Juden nicht als ein von einem dunklen Fatum verfolgtes, sondern von Gott selbst verfluchtes Volk. Eher dürfte die kirchliche Lehre von den ewige n H ö l l e n st r a f e n, die schon Goethe ein Greuel war, die Gestaltung der Sage beeinflußt haben. Wenn schließlich Herr Schwarz die poetische Verwertung der Sage den Dichtern verübelt, so möge er doch bedenken, daß gerade die neueste Zeit eine Fülle von bedeutsamen Ahasver- Dichtungen aufweist. Keine Volkslage — außer dem Faust und dem Tannhäuser — enthält einen reicheren Schatz entwicklungsfähiger Gedanken als die Legende vom ewigen Juden. Keine der hervorragenden Dichtungen dieser Art hat Mißtrauen und Haß gegen Israel erzeugt, denn Ahasver tritt hier nicht als der Typus des verfluchten, sondern als die Verkörperung des schuldlos verfolgten, zu Tode gehetzten jüdischen Volkes auf. Das erschütternde Märtyrerlos Israels wird noch lange die dichterische Phantasie zur poetischen Produktion anregen und den Gerechtigkeitssinn der Völker aufrnfen. Jede Dichtung, die uns in Ahasver den lebendigen Protest des einen Gottes gegen den Polytheismus in jeder Form darstellt, wird auch fernerhin die ihr gebührende Anerkennung finden. Hochachtungsvoll Dr. Ludwig Lazarus, Rabbiner- Krirfkastrrr« S. K. Anläßlich des Mai-Avancements ist Oberstabsarzt Dr. Salom. Kirchberger zum Generalstabsarzt, Dr. Bäcker zum Oberstabsarzt I. Klasse, Major Josef Neumann in Pilsen zum Oberstleutnant befördert worden. A. F. Der Vorstand der Berliner Kultusgemeinde hat als Nachfolger des Herrn Justizrates Dr. Lachmann Herrn Karl Leopold Netter zu seinem Vertreter im Verwaltungsrat der „Jewish Kolonisation Affociation" ernannt. Notiz. (Aenderung der Statuten der Austro Americana.) Das k. k. Ministerium des Innern hat im Cunvernehmen mit dem k. k. Finanzministerium und mit dem k. k. Handelsministerium die in den ordentlichen Generalversammlungen der '.'iktionäre der „Austro-Amer'cana" vom 11. April 1907 und vom 25. April 1908 beschlossenen Aenderungen der gesellschaftlichen Statuten genehmigt, welche die im Jahre 1907 bezw. 1908 aufgenommenen Obligationsanleihen im Betrage von zwei, respektive vier Millionen Kronen betreffen. Kuratorium der Stiftung „Waisenhaus für israelitische Mädchen Charlotte Merores itzeles“ in Wien, I., Schottenbastei 5. Im „Waisenhause tiir israelitische Mädchen Charlotte Merores Itzeles“ in Wien werden ab September 1909 zehn mittellose, ganz* oder halb verwaiste oder verlassene, gesunde israelitische Mädchen im Alter von sechs bis zwölf Jahren aufgenommeu. Die Zöglinge besuchen, solange sie im schulpflichtigen Alter stehen, die öffentliche Volks- oder Bürgerschule, erhalten vom vollendeten 14. bis zur Vollendung des lf>. Lebensjahres den Unterricht in allen Zweigen der Hauswirtschaft, werden sodann für einen Beruf ausgebildet und bis zur erlangten Erwerbsfähigkeit, spästestens aber bis zum vollendeten siebzehnten Lebensjahre in der Anstalt erhalten. Aufnahmsgeauche sind namens der Bewerberinnen von deren gesetzlichen Vertretung unter Beilegung des Geburtsscheines, des Heimatsscheines, des Nachweises der Verwaisung oder der Verlassenheit, des Mittellosigkeitszeugnisses und eventuell Schulausweises, des Impfzeugnisses, eines Gesundheitszeugnisses, sowie im Falle der überstandenen natürlichen Blattern eines besonderen ärztlichen Zeugnisses hierüber bis 31. Mai 1909 an das gefertigte Kuratorium zu Händen des Herrn Dr. Felix Katzau, Wien, I., Schottenbastei 3, zu richten. Unter den Bewerberinnen werden jene, welche nach Wien zuständig sind oder deren Eltern durch längere Zeit im Wiener Gemeindegebiet gewohnt haben, in erster Linie berücksichtigt. Der Eintritt in die Anstalt kann nur gegen Beibringung eines vom Gemeindearzte ausgestellten, gemeindeamtlich bestätigten Zeugnisses erfolgen, laut dessen in den letzten vier Wochen vor dem Eintrittstermin im Hausstande des Mädchens kein Fall einer infektiösen Erkrankung vorgekommen ist. Kuratorium der Stiftung „Waisenhaus für israelitische Mädchen Charlotte Merores Itzeles'1 in Wien.