Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021840--18342-3043264- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 21 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 375 Dr. Kohner hat sodann ebenfalls gegen den Antrag Steiner gesprochen und sich der Begründung betreffs Mährens angeschlossen. Massenverhaftring russischer Durchwanderer. Aus Budapest wird uns geschrieben: Peinliches Aufsehen erregte hier vor einigen Tagen eine Truppe russischer Juden, die unter starkem Polizeiaufgebot in den Polizeiarrest eskortiert wurde. Der aus Odessa kommende Personenzug brachte nämlich 45 jüdische Familien in die ungarische Hauptstadt, wo sie zur Ausweisleistung angehalten wurden. Da die aus 150 Köpfen bestehende Wanderertruppe angab, Rußland aus politischen Gründen verlassen zu haben, um nach Amerika zu flüchten, aber nicht nachzuweisen vermochte, daß sie über die nötigen Reisemittel verfüge, wurde sie auswaggoniert und in den Polizeiarrest gebracht. Die Polizei gestattete den Auswanderern, an den Vorstand der Budapester israelitischen Gemeinde eine Deputation zu entsenden, um eventuell von dort Hilfe zu holen. Da jedoch die jüdische Gemeinde für solche Zwecke keine Fonds hat, blieb die Hilfe von dieser Seite aus. Einige Mitglieder der Börse veranstalteten eine Kollekte und intervenierten bei der Polizei, die beschlossene Abschiebung der Auswanderer an die russische Grenze auf einige Tage zu verschieben, da man hofft, mittlerweile die nötige, allerdings nicht geringe Summe aufbringen zu können. Franzensbad. lieber das verhetzende Treiben unserer Deutschnationalen im Egerland möchte ich nicht weiter sprechen, da deren offener und. geheimer Antisemitismus sattsam bekannt ist, wie auch daß derselbe viel gefährlicher als der der Christlich- Sozialen in Niederösterreich ist. Es ist daher nicht zu verwundern, daß wir Juden des öfteren im Organ eines deutschnationalen Hetzblattes Egers mit frechen und erlogenen Notizen bedacht werden. Aber auch unseren wackeren Bürgermeister Herrn kais. Rat Gustav Wiedermann ergeht es nicht besser, der in der vollsten Bedeutung des Wortes ein Hort liberaler Gesinnung ist und dessen unermüdlichen Tätigkeit im Vereine mit der des liberalen Stadtrates es zu verdanken ist, daß unsere Kurstadt in den letzten Jahren einen so riesigen Aufschwung genommen hat. Ich glaube nicht, daß sich unsere jüdischen Kurgäste über eine unfreundliche Behandlung der Kurverwaltungsbeamten beklagen können, da der Stadtrat peinlichst darauf bedacht ist, daß die Beamten jedem Kurgast ohne Unterschied des Standes und der Religion aufs Freundlichste entgegenkommen. Ich habe selbst schon Gelegenheit gehabt, des öftern die grenzenlose Geduld und Sanftmut der Badebediensteten zu bewundern, die wirklich schon aus einer gehörigen Portion liberalen Gesinnung entspringen muß. Aber auch unserer Kultusgemeinde und dem Rabbinate kommt der Stadtrat aufs Freundlichste entgegen. So hat der Stadtrat auf Ansuchen des unermüdlichen Vorstehers unserer Kultusgemeinde, des Herrn Theodor Spiegl, die Zahl der dem Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Hospital für Israeliten bisher zu Verfügung gestellten Freibäder von 1100 auf 1500 erhöht. Was aber unserem Bürgermeister gewiß sehr hoch angerechnet werden muß, ist das auf mein Ersuchen gegebene Versprechen, daß von nun an auch jüdische Zeitschriften im Konversationssaal aufgelegt werden sollen, trotzdem er sich voll und ganz bewußt sein muß, daß er sich dadurch einer scharfen Kritik des Egerer Hetzblattes und Konsorten ausgesetzt hat. Es ist nur zu wünschen, daß es der deutschnationalen Hetze, die, wie ich höre, scharf einsetzen soll, nicht gelingt, unserem wackeren Bürgermeister und Stadtrat von ihren Plätzen zu verdrängen, die sie in so hervorragender und gemeinnütziger Weise auszusüllen verstehen. Kroatischer Gemem-ebrrnd. Nach zehnjähriger rastloser Tätigkeit des Esseker Kultus« Vorstehers Dr. Hugo Spitzer wurde am 29. Juni vergangenen Jahres in Zagreb die Gründung eines Verbandes des kroatischslavonischen israelitischen Gemeindebundes beschlossen und es wurden damals in der Versammlung die allgemeinen Prinzipien der Verbandsstatuten festgelegt — aber am 19. April l. I. wurde erst die Konstituierung des Verbandes vorgenommen und ein provisorischer Zentralausschuß gewählt, welcher die im Sinne der beschloffenen Abänderungen endgiltig redigierten Statuten der Regierung zur Genehmigung unterbreiten wird. ' Am 18. und 19. April hat in Zagreb eine Konferenz der Vorsteher und Rabbinen der kroatisch-slavonischen israelitischen Kultusgemeinde stattgefunden, in welcher die Konstituierung des Gemeindebundes vorgenommen wurde. Der Gemeindebund oder der Verband der kroatischslavonischen jüdischen Kultusgemeinden ist als Zentralstelle der gesamten Judenheit Kroatiens und Slavoniens gedacht und hat sowohl ihre Gesamtals auch die besonderen Jntereffen der einzelnen Kultusgemeinden zu fördern und zu vertreten. Der Verband wird bestrebt sein — und nach Erreichung dieses seines Zieles wird erst seine wirkliche Aufgabe zu Tage treten — von Seiten der hohen Landesregierung als Zentralorgan und einzige Repräsentanz aller jüdischen Kultusgemeinden des Landes anerkannt zu werden. Dem Verbände soll die Pflicht obliegen und das Recht zustehen, einzig und allein den amtlichen Verkehr zwischen der Landesregierung und den einzelnen Kultusgemeinden zu vermitteln, seine Aufgabe soll es sein, Gutachten über sämtliche das kroatisch-slavonische Judentum betreffende Gesetzentwürfe, Verordnungen und Erläffe der Behörde abzugeben, Anträge zu stellen und sowohl einzelne jüdische Gemeinden als auch einzelne Juden vor der Verwaltungsbehörde in allen aus der Zugehörigkeit des Betreffenden zum Judentume oder zu einer jüdischen Gemeinde hervorgehenden Fällen zu vertreten. Der Verband soll eine große kroatisch-slavonische Kultusgemeinde mit großer Autonomie sein, ein öffentlich-rechtlicher Landesverband der Kultusgemeinden, die einzige offizielle Vertretung der Juden in diesen Ländern. Große Aufgaben harren seiner. Nun heißt es vor Allem gutzumachen, was an dem Judentum durch die Gesetzwerdung der Entwürfe über die intcrkonfeffionellen Verhältniffe und die Regelung der israelitischen Kulrusgemeinden gesündigt wurde. Trotz der im Jahre 1873 ausgesprochenen Gleichberechtigung der Juden wurden die genannten zwei Gesetze geschaffen, die eine Degradierung der Juden zu Bürgern zweiter Klaffe involvieren. Von beiden Gesetzentwürfen hatten die einzelnen Kultusgemeinden erst Kenntnis erlangt, als sie bereits dem Landtage vorgelegt waren, so daß es zeitlich unmöglich gewesen wäre, — selbst wenn dann schon eine Repräsentanz der kroatischslavonischen Judenschast bestanden hätte — die Entwürfe im Sinne der Wünsche und Bestrebungen, der wirklich jüdischen Interessen umzuändern. Mit schwerer Mühe gelang es damals im letzten Moment, eine Milderung der llnbill zu erwirken, die diese Gesetze enthalten. Die den Juden auf dem Papier verliehene Gleichberechtigung wird der Verband in die Wirklichkeit umzusetzen haben. Es ist dies eine schwere, aber keine unmögliche Aufgabe. Die Gleichberechtigung wird aber erst dann vollkommen durchgeführt werden können, wenn in dem Volke, in dessen Mitte wir leben und deffen Jntereffen wir patriotisch fördern — die Ueberzeugung geweckt wird, daß wir ein ihm gleichwertiges Element find, daß wir ebenso vollwertige Menschen wie die Nationalkroaten find und daß wir uns von ihnen eben bloß durch Abstammung, Tradition und Religion, also unsere Nationalität, unterscheiden. Wenn die Juden Kroatiens und Slavoniens die Wichtigkeit und die richtige Bedeutung des soeben definitiv gegründeten Verbandes auffaffen und ihm in Erkenntnis derselben auch die nötige Wertschätzung entgegenbringen, dann wird der Verband auch von den Nichtjuden als die würdige achtunggebietende Vertretung der kroatisch-slavonischen Judenschaft betrachtet werden, deffen Stimme bei allen das Judentum betreffenden Angelegenheiten wird gehört werden müssen. Wir begrüßen daher auf das Freudigste die Gründung dieses Verbandes als eine Etappe auf dem Wege zur Anerkennung der Gleichwertigkeit und damit zur faktischen Gleichberechtigung der Juden!