Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 374 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 21 Wiener Bubokratie gegen galizische Juden. Die Verunglimpfung der galizischen Juden und ihrer Kultusvorstehungen auf dem letzten „Bundestag" konnte nicht verfehlen, in allen ernsten Kreisen der galizischen Kolonie in Wien höchst peinlich zu berühren. Darf es geschehen, so fragte sich jeder Unbefangene, daß in der Reichshauptstadt, in einer feierlichen Versammlung jüdischer Vertreter des Westens über galizische Juden solche Worte, gegen ihre Vertretungen solche ehrenrührige Anschuldigungen erhoben werden, ohne Widerspruch und Zurechtweisung zu finden? Andererseits war man gerecht genug, die „Westlichen" nicht anzuklagen, wenn die Schmähungen zunächst von galizischen Landsleuten selber ausgingen, wenn die Herren Gabel und Genossen das Schiwpfkonzert eingeleitet haben. Warum sollen die Herren Dr. Fialla und Doktor Sonnenschein über galizische .Juden und galizische Kultus - gemeinden nicht das glauben, was die sogenannten „Vertreter" der Juden Galiziens vor aller Welt darüber berichten? £| Manche waren nun der Meinung, daß auch „Galizianer" die Verunglimpfung ihres Namens sich nicht ruhig gefallen lasten dürfen und sie rafften sich zum Entschluß auf, zwecks gegenseitiger Besprechung und gemeinsamer Beschlußfassung eine Versammlung der Galizianer in Wien für Samstag den 8. Mai, abends halb 9 Uhr im großen Saale des Hotel Guth einzuberufen. Zu derselben haben sich denn auch die achtbarsten Männer der galizischen Kolonie in Wien, vor allem die Vorsteher und Vertreter des Vereines „Beth Israel" u. zw. Präsident Max R o s e n f e l d, Präsident - Stellvertreter Ignaz Zolles, die Vereinsvorsteher I. N. Bels, Alexander Landau, David K o l i b. A. H. Sporer, Jakob Weichselbaum und Vorsteher anderer jüdisch-galizischer Vereine eingefunden. Sie erschienen, weil es ihnen darum zu tun war, für die Ehre und das Ansehen der galizischen Juden und ihrer Gemeinden einzutreten. Jndesten kennt man zur Genüge, mit welch unüberwindlichen Schwierigkeiten angesichts des wüsten Treibens der Bubokratie die Abhaltung einer jüdischen Versammlung in Wien verbunden ist. Lange vor der festgesetzten Stunde erschienen junge unreife Burschen mit Stöcken in der Hand in Massen, erzwangen sich mit Gewalt den Einlaß, besetzten alle Tische, brutalisierten die Anwesenden und haben schließlich einige Teilnehmer mißhandelt, derart, daß dann die Polizei den Saal räumen mußte. Schon nach den einleitenden Worten des Einberufers Herrn Isidor G r o b t u ch, insbesondere als über Vorschlag eines Versammlungsteilnehmers die Herren Ignaz Zolles zum Präsidenten, A. H. Sporer zu seinem Stellvertreter und Isidor G r o b t u ch zum Schriftführer bestellt wurden, inszenierten sie den Skandal, den sie während der ganzen Dauer der Versammlung fortsetzten. Auch der nicht hoch genug anzuerkennenden Energie des erfahrenen Versammlungsleiters Herrn Zolles konnte es unmöglich gelingen, eine ruhige gegenseitige Aussprache der galizischen Landsleute zu ermöglichen angesichts der gegen sie verübten Brutalität. Die jungen Burschen — es waren auch keine Wiener, sondern meistens aus den westlichen Provinzen, — unter Anführung jener Elemente, welche sich seit den letzten Wiener Kultuswahlen zu einer „Brunnerpartei" zusammengeschloffen haben — bestanden darauf, daß die Juden Galiziens sich von Dr. Egon Zweig aus Olmütz und dem unvermeidlichen Paul Weißengrün aus Rumänien, der bei dem seinerzeit von den Zionisten aus Anlaß der letzten Judenmaffakres in Rumänien veraustalteten Protestmeeting vorsichtig in einen stillen Winkel sich Mchtete — dafür aber der rumänischen Regierung gelegentlich Helfersdienste leistet, über Judentum und jüdische Ehre belehren lasten sollen. Falstaff als Erzieher! / Kennzeichnend für die Versammlung und der sie beherrschenden Elemente war folgende interessante Episode. Doktor Bloch erklärte gegenüber verschiedenen persönlichen Anrempeluugen wegen seiner Stellungnahme zur geplanten Organisation, — nachdem 227 Kultusgemeinden einen Protest gegen ihren Anschluß mit dem Bedeuten vorgelegt haben, sie würden diesen Protest auch dem Ministerium überreichen, wollen aber davon Abstand nehmen, wenn die Versammlung von der Einbeziehung Galiziens in die geplante Organisation absehe, — daß er lieber auf die Teilnahme Galiziens verzichte, als das Ministerium Bienerth-Weiskirchner als Schiedsrichter in jüdischen Angelegenheiten anzurufen, ein Standpunkt, den bekanntlich auch der Präsident des „Gemeindebundes" selber, Herr Dr. Alfred Stern, vertreten hat. Als nun Dr. Bloch diese nackte Tatsache erzählte, mußte er von einem der zur Versammlung kommandierten Burschen den Zuruf vernehmen: „Pohlischer Dreh!" Dr. Bloch verzichtete darauf, in dieser Versammlung weiter ein Wort zu sprechen. Nicht einer unfreiwilligen Komik entbehrte das wüste Keifen und Schimpfen eines Herrn Torczyner über die „Oesterreichische Wochenschrift" und ihren Herausgeber. In seinem Gehaben und Sprechen erinnerte er gar lebhaft an die bekannte Anekdote von dem Talmi-Orthodoxen aus Brody, der auf der Reise zur Leipziger Messe im Bahnhofsrestaurant nach einer Schinkensemmel langte. Erschrocken will . ihn sein Freund und Reisegefährte daran hindern: „Eisig, was tust Du, das ist doch Schinken!" ruft er ihm zu. „Ach was, das ist Lachs!" antwortete Eisig. „Um Gottes Willen, Du irrst Dich, das ist ganz bestimmt Schinken. Frage die Kaffierin, frage den Wirt!" mahnte nochmals der Freund. „Was Dir nicht einfällt — d i e zu fragen, das find doch Gojim, die haben bei mir kein Nemonos", erklärte Eisig und die Schinkensemmel war bereits verzehrt. Herr Torczyner beteuerte, das was die Herren Gabel und Genossen auf dem „Bundestag" serviert haben, war gewiß kein Schinken, sondern Lachs, koscherer Lachs. Der auf Grund des stenographischen Protokolls hergestellte Bericht in der „Oesterreichischen Wochenschrift" hat keine „Nemonos", zu Dr. Bloch hat er längst kein Zutrauen mehr. Eher noch zu der hebräischen Zeitschrift „Hamizpa" aus Krakau, aus deren letzten Kummer er eine Stelle über die gemeinsame Organisation der Versammlung vorliest. Zum Malheur enthält dieselbe Nummer der zitierten Zeitschrift auch einen Bericht über die Verhandlungen des „Gemeindetages" und in diesem Bericht wurden die Reden von Gabel und Genossen völlig in Uebereinstimmung mit der „Oesterreichischen Wochenschrift" publiziert. Allein der Herr Torczyner wußte sich auch in dieser Verlegenheit zu helfen: diesen Teil liest er einfach nicht vor, diese Stellen verschweigt er. Als ihn der zufällig anwesende Korrespondent jenes Blattes fragt, ob er denn diese Stellen nicht gelesen habe, flüstert er ihm zu: „Wollen Sie uns in den Rücken fallen?" Brutus ist ein Ehrenmann und Ehrenmänner sind sie alle, alle! Wir haben es vorgezogen, diese Versammlung zu verlassen und ihre Beschlüsse nicht weiter abzuwarten. Die böhmischen Juden und der Organisationsentwurf. Jnbezug auf unseren Bericht über den Gemeindetag schreibt uns ein Teilnehmer der Versammlung: Bei § 4 des Entwurfes ist es richtig, daß Vorsteher Steiner (Koliu) die Teilung des böhmischen Landesverbandes beantragt hat, unrichtig aber, daß von ihm das Gleiche für die Juden Mährens beantragt wurde. Es ist auch nicht richtig, daß erst Dr. Lamberg, Dr. Kohner, Dr. Schanzer gegen diesen Antrag gesprochen. Der erste Redner, der nach Vorsteher Steiner (Kolin) das Wort erhalten und gegen den Antrag Steiner gesprochen, war Vorsteher David Spitzer (Leipnik); er befürwortete, den Antrag Steiner abzulehnen, und zwar aus dem Grunde, weil die städtischen, slavischen Gemeindevertretungen in Mähren von den Juden in Mähren gleichfalls die Zweiteilung des Landesverbandes verlangen würden, wodurch die Juden Mährens in eine Zwangslage versetzt würden. Vorsteher Spitzer hat, nachdem Steiner nochmals für die Zweiteilung gesprochen, den Zwischenruf gemacht, daß die Gleichberechtigung beider Landessprachen bei den Verhandlungen, respektive Sitzungen zu empfehlen, sei; diesen Zwischenruf hat Dr. Schanzer zu seinem Vermittlungsantrage gemacht.