Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 368 Links taucht vor dem Auge des Beschauers dys wiedererstandene Jerusalem auf in Form einer torbewehrten, mauerumschlossenen, mittelalterlichen Stadt, in deren Mitte der Tempel mit großer Kuppel sich erhebt. Ueber die ganze Decke bis zum Gesimse ziehen sich stilisierte, farbige Blumen- und Fruchtarabesken, zwischen welchen eine buntgemengte inländische und ausländische Tierwelt sich findet neben einigen mythologischen sagenhaften Figuren. Vögel sitzen in dem Gezweig und Geranke und hacken meist an Früchten oder Blättern. Ein Malerscherz findet sich auch: Drei Hasen in verschiedenster Stellung, jeder mit zwei Ohren und doch insgesamt nur mit drei Ohren usw. Ueber der Eingangstür findet sich der alte deutsche Reichsadler, unter dessen Schutz auch diese Kultusstätte sich begeben hatte." Der Verfasser schließt seine fesselnde Schilderung mit den Worten: „Sehr schmerzlich aber ist es, daß diese des Lichts und aller Würde beraubte, trauernde und klagende Synagoge ihr seltenes, eigenartiges Gewand durch den Zahn der Zeit immer mehr einbüßen und dem Zerfall unrettbar entgegengehen muß, wenn nicht warmfühlendec, religiöser und künstlerischer, hochherziger Sinn zu rettender und gewiß hochverdienstlicher Tat sich aufrafsi!?" Lohrrkärripfe im alten Egypten. In der Umhüllung eines Mumiensarges sind zu Fajum Papyrusstücke aus dem dritten Jahrhundert vor Christi gefunden worden, die den Briefwechsel eines Ingenieurs mit seinen Arbeitgebern, seinen Werkführern und Arbeitern enthalten. Die Papiere gestatten einen interessanten Einblick in die Arbeiterverhältnisse des alten Egyptens. Der Ingenieur Cleon war von Ptolomäus Philadelphos beauftragt worden, Kanalisationsarbeiten am Nil vorzunehmen und hatte eine ganze Armee von Erdarbeitern, Steinbrechern, Maurern, Schmieden usw. unter sich. Der Durchschnittslohn dieser Arbeiter betrug etwa einen Obolus, d. h. 15 Pfennige den Tag; jeden zehnten Tag wurde nicht gearbeitet und auch nicht bezahlt. In einem Briefe an Cleon beschweren sich die Erdarbeiter über einen Werkmeister, der sie ungerecht behandle, ihnen die schwerste Arbeit auflade. „Jetzt find wir ganz erschöpft", schreiben sie, „und das Eisen unserer Werkzeuge ist abgenutzt". Bisweilen wurde auch der Unternehmer von der Verwaltung der Finanzen in Stich gelasien und konnte nicht zahlen, dann hörten die Arbeiter zu arbeiten auf und die Unternehmungen ruhten eine Zeit lang. Ein Aufseher Demetrios beklagte sich darüber, daß er von den Arbeitern mißhandelt worden sei, und bittet um Bestrafung der Schuldigen, damit seine Untergebenen nicht allen Respekt vor ihm verlieren möchten. Eine judenfreundliche Rede in der Duma. In der Beratung über das Budget des Bildungsministeriums in der russischen Duma hat der Deputierte Bjeloussow unter Anderem auch die Judenfrage berührt. Der Deputierte sagte diesbezüglich: Das schwärzeste Blatt der Geschichte der Volksbildung in Rußland ist die nationale Schule. Ich will hier ganz kurz eine Seite unseres Bildungswesens streifen, welche von den übrigen Rednern ganz unberücksichtigt geblieben ist. Vor meinen Augen stehen die traurigen Gesichter jener Kinder, welche das Unglück haben, im autokratischen Regime von Eltern nichtrussischer Nationalität geboren zu werden. Ich will hier nur einige Worte über die Erziehung der jüngeren jüdischen Generation sprechen. Vor Allem jedoch sollte ich allerdings darüber reden, welches Gefühl diese jüdischen Kinder erfüllen muß, wenn sie sich des Anblickes erinnern, den die toten Körper ihrer heißgeliebten Mütter mit den aufgeschlitzten Bäuchen, die zerspaltenen Schädel ihrer Väter, ihre geschändeten Schwestern und die Verfolgungen ihrer kaum erwachsenen Brüder ihnen bieten. Hierüber sollte ich vor Allem anderen sprechen, aber diese Seite der Erziehung durch Spalten der Schädel gehört schon in das Ressort des Ministers des Innern und steht mit dem Budget des Bildungsministers in gar keinem Zusammenhang. Deshalb will ich hier nur einige wichtige Ziffern über den Stand der Anfanzsbildung unter den jüdischen Kindern anführen. In den 15 Gouvernements der jüdischen Tscherta leben ungefähr 4 Millionen Juden, darunter ungefähr 400.000 Kinder im Schulalter. Die allgemeinen Schulen werden von 15.200 Kindern — 31/2 Perzent — besucht; in speziell jüdischen Schulen lernen 37.996 Kinder. Demnach genießen im Ganzen 53.196, d. h. 11 Perzent der jüdischen Kinder einen Schulunterricht. In Polen ist die Zahl der jüdischen Kinder ohne Anfangsunterricht noch größer. Sie werden mir darauf erwidern, daß es unter den Ruffen gleichfalls sehr viele Kinder ohne jeden Schulunterricht gebe. Das ist jedoch nicht der Fall. Heute steht die Sache so, daß verhältnismäßig weniger jüdische Kinder Schulunterricht genießen als russische. Bei den Russen entfällt auf je 39 Einwohner ein Schulkind, während bei den Juden erst auf je 108 Einwohner ein Schulkind kommt. Ein Deputierter hat hier in hochtrabenden Worten die Behauptung aufgestellt, daß die Juden für christliches Geld ausgebildet wurden. Darauf sei zunächst erwidert, daß die Juden genau so Bürger dieses Landes find, wie alle Uebrigen. Sie zahlen Steuern und Umlagen genau so, wie Sie alle. Aber ich gehe weiter. Sie würden doch wohl wenigstens dagegen nichts einzuwenden haben» wenn sie aus ihren eigenen öffentlichen Mitteln Schulen erhalten würden. (Zwischenruf rechts: Sie können ja!) Jawohl sie können, aber woher die Mittel nehmen? Da haben Sie z. B. eine Steuer, die den Juden angeblich für ihre Bildunoszwecke aufgehalst wurde; ich meine die Lichtsteuer. Wohin kommen nun die Einnahmen aus dieser Judensteuer? Wozu wird ferner ein Teil der jüdischen Fleischsteuer, der sogenannten Korobke verwendet? Mit ausschließlich jüdischem Gelde werden die Straßen in Stand gehalten, Brücken gebaut, Polizei erhalten u. s. w. Im Ganzen wird die Einnahme aus der Korobke mit 2x/a Millionen Rubel angenommen und kein Jude weiß, wofür dieses viele Geld eigentlich geht. Von der rechten Seite wurde wiederholt hinausgerufen, daß den Juden die Errichtung von Schulen aus eigenen Mitteln gestattet sei. Dem ist aber nicht so. So besteht z. B. ein Gesetz oder eine Verordnung, daß die Juden keine Chedarim für Mädchen errichten dürfen. Ferner ist den Juden die Errichtung von Lehrerseminarien selbst für ihr eigenes Geld verboten. Aber was wollen Sie mehr: In der ruffischen Tscherta ist in den jüdischen Schulen der Unterricht in russischer Sprache und in Polen ist ihnen der Unterricht in jüdischer Sprache untersagt. Bjelouffow schließt diesen Teil seiner Ausführungen mit der intereffanten Mitteilung, daß er von einem Briefe des jetzigen Bildungsministers Schwartz an Stolypin Kenntnis habe, aus welchem hervorgeht, daß der Bildungsminister die Absicht habe, die Perzentnorm auch auf die übrigen nichtruffischen Nationalitäten zu erstrecken, und meint, daß mit solchen Mitteln nicht nur nichts erreicht werden könne, sondern im Gegenteil, die Not und das Elend der Bevölkerung nur noch vergrößert würden. Vom Botschafter Oskar S. Straus. Wie bereits berichtet, hat der gewesene amerikanische Handelsminister Oskar S. Straus die Botschafterstelle in Konstantinopel angenommen. Straus ist in Konstantinopel kein Fremder. Er hat die amerikanische Republik unter drei Präsidenten in Konstantinopel vertreten. Zum erstenmale wurde er im Jahre 1887 vom Präsidenten Cleveland als Botschafter nach Konstantinopel gesandt. Als dann Harrison zum Präsidenten der Union gewählt wurde, wurde Straus auch von diesem Präsidenten in seinem Amte bestätigt. Nach kurzer Unterbrechung wurde Straus im Jahre 1897 vom damaligen Präsidenten Mac Kinley abermals als Botschafter nach Konstantinopel gesandt. Präsident Taft wird also der vierte Präsident sein, unter dem Straus die schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe zufällt, die Jntereffen der Union in der Türkei zu vertreten.