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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-05-21 · 21 (21.5.1909) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
21 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 368 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 21 Patriotischer Gottesdienst. Aus Konstantinopel wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Die drei nichtmohammedanischen Gemeinden der Hauptstadt hatten für diesen Sonntag die Verabredung getroffen, zu gleicher Zeit einen feierlichen Gottesdienst zum Andenken der in den Kämpfen um die Freiheit gefallenen Soldaten und Freiwilligen zu veranstalten. Gleichzeitig sollte auch die Thronbesteigung Sultans Mohammeds V. gefeiert werden. Unter großem Andrang des jüdischen Publikums hat der jüdische Festgottesdienst in der sephardischen Synagoge zu Galata, derselben, in der die Wahl des Chacham Baschi vollzogen wurde, stattgefunden. Der Großrabbiner, viele Mitglieder des Betdin und des Uiseblised umuwi, die Deputierten Faraggi und Saffon, der erste Dragoman im Ministerium des Aeußern, Daud Effendi, Jacques Bej de Leon und andere Notabeln des hiesigen Judentums waren unter den Teilnehmern. Die Feier begann mit dem Vortrag einer Reihe von Gebeten mit Chorgesang. Sodann ergriff der Präsident des KiseMaell asedismanl, Herr Farchi, das Wort, um in spaniolischer Sprache eine einfache, aber außerordentlich klare und feffelnde Darstellung der epochalen Ereignisse der letzten Zeit vor den Zuhörern zu entwerfen. Seine Gegenüberstellung von dem Sinn und Charakter des despotischen und dann des freiheitlichen Regimentes war meisterhaft. Die Rede gipfelte darin, daß auch die Juden, und ganz besonders die Juden, sich des Sieges der Freiheit und der Thronbesteigung eines durch sie emporgetragenen und von ihrem Geiste erfüllten Herrschers zu freuen hätten. Die Juden hätten bewiesen, daß auch sie, wie alle ihre ottomanischen Volksbrüder bereit seien, für die Existenz und das Glück des Vaterlandes mit ihrem Blute zu zahlen. Die gefallenen jüdischen Freiwilligen seien dessen die Ehrenzeugen. Nachdem die Ansprache verhallt war, erhob sich Kindergesang, und durch die altehrwürdige Synagoge dröhnten die Klänge der Vatan-Freiheitshymne, die jetzt nach den tragischen Tagen doppelt packend erschallen, umso packender und rübrender, als man schon wochenlang vor dem traurigen 13. April er. nicht mehr gewagt hatte, diese Hymne öffentlich hören zu lassen. Nunmehr betrat der Chacham Baschi Chajim Nahum die Stufen vor der heiligen Lade, um in türkischer Sprache vor den Lauschenden noch einmal die Empfindungen wieder erstehen zu lasten, die die Juden Konstantinopels wie alle andern in den letzten Wochen zu durchleben hatten. Er schilderte d«-n dumpfen Schmerz und das lähmende Entsetzen, das das neür Hereinbrechen des alten Sklaventums in den Apriltagen auf alle Fühlenden geworfen hatte, und das warmaufquellende, sonnrnahnende, jauchzende Wiedererwachen bei dem Borrücken und endlichen Siege der Freiheitskrieger. Seine Worte, die hinreißend wirkten, klangen in einen Hymnus an den neuen Herrscher aus. Hierauf sprach der Großrabbiner ein Gebet in türkischer (?) Sprache, dann ein zweites, hebräisches, vor geöffneter Bundeslade. Erneuter Gesang und Gemeindegebete beschlossen die erhebende Feier. Die russische Presse «ud die Jndenfrage. Aus Petersburg wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Die allgemeine russische Presse, außer den antisemitischen Hetzblättern ä la „Nowoje Wremja" und „Roffia", befaßt sich sehr wenig mit der Judenfrage, mit den Leiden und der Rechtlosigkeit der sechs Millionen Juden in Rußland. Selbst die führenden Organe der Kadettenpartei berühren sehr selten diese traurige Seite des gesamtruffischen Lebens. Nun sollte man aber meinen, daß die liberale Presse wenigstens die Dumadebatten über die Judenfrage ausführlich wiedergeben und entsprechend kommentieren würde. Aber auch das ist nicht der Fall. Die verflossene Woche brachte solche eingehenden Dumadebatten bei den Beratungen über den Etat des Kultusministeriums und das Mklitärkontingent. In der dritten Duma ist die Judenfrage noch nie so ausführlich besprochen worden wie bei diesen Gelegenheiten. Miljukow, Gegetschkori. Beleussow, Pergament und Friedmann haben dabei die rigorosen Begrenzungen der Juden in den Schulen und im Militärdienst ausführlich beleuchtet. Und nun haben die liberalen Blätter nicht einmal ihre Reden wiedergegeben, sondern nur mit kurzen Notizen darüber berichtet. Die einzige Zeitung, in der diese Reden vollinhaltlich abgedruckt wurden, war die antisemitische „Roffia". Die Juden haben von der dritten Duma selbst nichts zu erwarten — höchstens Verschlimmerungen ihrer trostlosen Lage. Was in dieser Duma zugunsten der Juden hervorgebracht wird, könnte nur einen gewissen Aufklärungswert nach außen hin haben. Das russische Durchschnittspublikum ist über Wesen und Lage der in einem Rayon zusammeugepferchten Juden gar nicht oder wenig orientiert und ist selbst nicht in der Lage, die zahllosen Hetzschriften gegen die Juden auf ihre Haltlosigkeit zu prüfen. Die Progressiven in der Duma vermögen es am besten, von dieser weithin sichtbaren Stelle aus Aufklärung über den Charakter und die Verhältnisse der jüdischen Mitbürger zu geben. Damit eine solche Aufklärung aber auch wirksam werde, müßte sie von der liberalen Presse in die weitesten Kreise der russischen Bevölkerung weitergetragen werden. Bei den letzten Judendebatten in der Duma hatte sie die beste Gelegenheit dazu. Sie hat diese Gelegenheit jedoch nicht benutzt. Wir wollen hoffen, daß sie in Zukunft anders verfahren wird — will sie nicht anders ein Verbrechen an den entrechteten und geplagten 6 Millionen Juden in ihrem Lande und einen Verrat an ihren eigenen Prinzipien der Gerechtigkeit und Menschlichkeit begehen. Eine verlassene Synagoge. „Der Sammler" (Beilage zur „Augsb. Abendztg.") Nr. 55, 1909, vom 8. Mai führt aus dem Buche „Eine Frankenchronik, Geschichte des Markiflcckens Küps vom Frankenwalde von Heinrich Pöhlmann, Pfarrer in Küps (Truck und Verlag H. O. Schulze, Lichtenfels, Preis gebunden 5 M.) folgende Stelle aus S. 253 un: „Sachkundige und warmherzige Teilnahme wünschten wir auch von Herzen einem kunstgeschichtlichen Kleinod, das wohl einzigartig in Deutschland dasteht, der 5 Kilometer von hier entfernten Synagoge in Horb a. M. Weil sie auch in dem vormals von Redwitzschen Gebiete liegt, mag dieser wundersamen, reich dekorierten und darum kulturgeschichtlich hochinteressanten Anbetungsstätte hier ein Plätzchen vergönnt sein. Seit dem Verschwinden der dortigen jüdischen Gemeinde ist sie dem Schicksal verfallen, als Stroh- und Heuschuppen zu dienen. Auf der Nordseite ist der Zugang für die Männer, die in einen reich mit Arabesken, Blumen und Tierstücken bemalten, mit hebräischen Sprüchen aller Art in herrlicher Schrift ringsum ausgestatteten Betsaal eintraten, während die Frauenschule außerhalb sich befand, durch dichte Fenstergitter geschieden mit besonderem Zugang. Bis auf Meterhöhe vom Fußboden weg ist alles bemalt oder mit wunderbar sauberen, künstlerisch geformten hebräischen Schriftzeichen beschrieben, während deutsche vollständig fehlen. Wir blicken nach Osten und sehen den in die Mauer eingelassenen, einfach geschnitzten, vormals mit gewundenen Säulen geschmückten und mit einem Stoffvorhang drapierten Gesetzesschrein, der über sich auf einer Kartusche die .Inschrift trägt: „Krone der Thora" (des Gesetzes). Oeffnet man den Schrein, so schimmern uns auf seiner Rückwand leuchtende Sterne entgegen, und die Innenseite des Schreindeckels schmückt eine bunte Blumenvase und der Spruch: „Höre, Israel, der Herr unser Gott ist ein „Einiger Herr." Ueber dem Schrein wölbt sich ein von zwei Löwen gehaltener dunkler Baldachin, der in reichem Faltenwurf nach unten sich verliert.

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