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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-05-21 · 21 (21.5.1909) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
21 (21.5.1909)
Date
1909-05-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 366 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 21 Ducken und Ausweichen, wenn wir persönlich oder unser Judentum angegriffen werden. In dieser Beziehung ist die äußerste Strammheit ein moralisches Gebot, dem jeder gehorchen muß. Aber sonst müssen wir jede Kleinigkeit aus dem Wege räumen, die antisemitischen Angriffen auch nur einen Schein von Berechtigung geben könnte. Einem Volk von solcher Intelligenz und so starker Energie wie dem unseren kann das nicht schwer fallen. Einem Landarzt, der trotz seinem Judentum eine kleine Stelle in Niederösterreich bekam, sagte zu seiner Verwunderung der Pfarrer, der offenbar während seiner Studien nicht viel aus dem Seminar herausgekommen war: „Wissen Sie, eigentlich habe ich mir die Juden ganz anders vorgestellt; ich wundere mich, in Ihnen einen so netten und liebenswürdigen Menschen zu finden." Der Antisemitismus stellt eben die Juden immer anders dar, als sie find. Es wird viel zum Kampfe gegen ihn beitragen, wenn jeder der angelogeueu Landbewohner zu jedem Juden ebenso spricht wie der Pfarrer. Vom Aabrmarkt des Lebens. Gegen den nationale« und konfessionellen Boykott. Der Kreditorenverein versendet folgendes^ Zirkular: Die Wiener Handelskammer hat die Initiative zu einer bei der Regierung einzuleitenden Intervention in Angelegenheit des immer mehr um sich greifenden nationalen und konfessionellen Boykotts ergriffen und ist bemüht, sich das hiezu erforderliche Tatsachenmaterial zu beschaffen. Wie Sie wohl wissen werden, haben wir bei der Besprechung unserer Falliments-Statistik in unserem letzten Jahresberichte konstatiert, daß in vier Fällen die Insolvenz dadurch hervorgerufen wurde, weil das Geschäft der Betreffenden durch nationalen bez. konfessionellen Boykott vollständig lahmgelegt worden war. Die Wiener Handelskammer hat sich nun, durch diesen Passus unseres Jahresberichtes aufmerksam gemacht, an uns mit der Bitte gewendet, ihr die diesbezüglichen Daten zur Verfügung zu stellen, und wir haben selbstverständlich diesem Ansuchen prompt entsprochen. Wir fühlen uns aber verpflichtet, der Kammer in dieser dankenswerten Aktion die denkbar möglichste Unterstützung zu gewähren und wenden uns daher an unsere geschätzten Mitglieder, indem wir sie bitten, uns über alle zu ihrer Kenntnis gelangten Schädigungen durch nationalen und konfeffionellen Boykott zu berichten, wobei es selbstverständlich ist, daß nur solche Mitteilungen, die durch aktenmäßige Nachweise belegt find, wirklichen Wert für uns haben. Lueger hat nicht gelacht. Die Demonstrationsreise des Wiener Gemeinderates mit Exzellenz Lueger an der Spitze nach dem Süden unserer Monarchie hat dem schon bedenklich alternden Führer der antisemitischen Partei wenig Freude bereitet. Lueger hat auf einem von Jubel begleiteten Triumphzug gerechnet und anstatt dessen wurden die ziemlich ungeschickt arrangierten Festlichkeiten durch recht innige, aus dem Herzen kommende Pfui-Rufe der Bevölkerung unsanft gestört. Lueger, der seine Verlegenheiten sonst so gerne durch herzliches Lachen cachiert, hat diesmal nicht gelacht, es war ihm nicht darnach zu Mute. Selbst die humorvollen Reden, welche auf dem Festmahl der Stadt Spalato erklangen, vermochten nicht, Lueger die alte gute Laune wiederzugeben. Und diese Reden waren doch wirklich zum Lachen. Wie konnte nur der Bürgermeister von Wien fich des Lachens enthalten, als der Statthaltereirat Machinger im Namen des Bezirkes Spalato den offiziellen Trinkspruch ausbrachte und sagte: „Euer Exzellenz find uns bekannt nicht nur als mustergültiger großzügiger Verwalter der Großkummune Wien, sondern auch als Förderer und Vorkämpfer des alten österreichischen Staatsgedankens, als derjenige, der immer Frieden, Eintracht, Duldsamkeit, Gerechtigkeit zwischen den Nationalitäten gepredigt und gestiftet hat." Spalato ist wett von Wien und der dalmatinische Wein ist stark, das entschuldigt den Herrn Statthaltereirat Machinger. Daß aber Lueger bei dieser Ueberfülle von Unwahrheiten, die ihm, sei es aus Unkenntnis der Tatsachen, sei es aus beabsichtigter Bosheit, ins Gesicht geschleudert wurden, ruhig bleiben konnte und dem Herrn Statthaltereirat nicht aus vollem Halse ins Gesicht gelacht hat, das ist jedenfalls sehr bedenklich. Zangwill über Mesopotamien. Aus London wird uns berichtet: Vor Kurzem fand in der Great Assembly Hall ein Massenmeeting der „British Jto- Federation" statt, in welcher Israel Zangwill eine großangelegte Rede hielt. Nach einer Polemik gegen die zionistische Politik gab Zangwill sehr interessante Aufklärungen über Mesopotamien, die wir hier auszugsweise wiedergeben: Mesopotamien, sagte Zangwill, wurde noch vor Cyrenaica als jüdisches Besiedlungsterritorium von der „Jto" ins Auge gefaßt. Da jedoch Cyrenaica offiziell angeboten wurde, so müßte zunächst über dieses Anbot eine Entscheidung getroffen werden. Schon vor zwei Jahren wurde der geographischen Kommission der „Jto" ein ausführlicher Bericht über Mesopotamien unterbreitet, das als sehr fruchtbar und wünschenswert für jüdische Kolonisation dargesiellt wurde. Nach diesem Berichte würde man für die Vorarbeiten, d. h. für die Herstellung von Kanälen und Berieselungswerken acht Millionen Pfund benötigen. Als man ihn fragte, wie er eine solche Summe aufbringen wolle, da doch selbst jüdische philanthropische Anstalten in England stets im Defizit seien, da habe er geantwortet, man würde dann zu den jüdischen Finanziers, nicht als Juden, sondern als Geschäftsmänner kommen. Sind einmal die erwähnten Vorarbeiten gemacht, so würde der in Betracht kommende Boden nicht acht, sondern dreißig Millionen Pfund wert sein. Auch der gewesene Sultan Abdul Hamid hatte sein Auge auf Mesopotamien geworfen. Vor wenigen Monaten noch wandte sich der Sultan an den berühmten Erforscher Mesopotamiens, Sir William Willcocks, um einen ausführlichen Bericht über Mesopotamien. Aus diesem Berichte geht nun hervor, daß Mesopotamien bei einer Investition von Millionen Pfund, jährlich eine Million Pfund Nutzen abwerfen würde. Abdul Hamid, der stets mehr Geschäftsmann als Herrscher war, hat denn auch für seine Privatkasse Mesopotamien auf fünf Jahre gepachtet. Gegenwärtig steht es unter dem Ministerium für öffentliche Arbeiten. In dem an die türkische Regierung gerichteten offiziellen Bericht wird mit dem größten' Nachdrucke betont, .daß es Pflicht der türkischen Regierung sei, die Neubelebung des Landes sofort in Angriff zu nehmen. Es ist auch gar kein Zweifel, daß, sobald im türkischen Reiche die Ruhe wiederhergestellt sein wird, an die Lösung dieser Frage von offiziell türkischer Seite geschritten werden wird. Für die Juden sei daher die Frage, ob mit der Türkei ein Vertrag abgeschlossen, jüdisches Kapital und Arbeitskräfte in den Dienst dieses neuen Planes gestellt werden sollen, förmlich brennend geworden. Da es jedoch nicht ausgeschlossen ist, daß die türkische Regierung, trotzdem sie auf das Kapital und die Arbeitskraft der Juden angewiesen ist, dennoch nicht gewillt sein wird, den Wünschen der Juden nachzugeben, in der Meinung, daß die Juden samt ihrem Gelde und ihren geistigen und physischen Arbeitskräften für geringfügige Konzessionen zu haben sein würden, richtet Zangwill einige offene Worte an die Jungtürken. Zangwill sagt an dieser Stelle: Unsere Situation gegenüber den Jungtürken ist eine einfache und klare. Sie brauchen Kapital und energische, zielbewußte Arbeit. Beides könnten die Juden bieten. Riza Bcy versteht die Sache ganz gut und hat die Juden auch kürzlich eingeladen, nach Mesopotamien zu kommen. Die Juden können: fich aber mit einer solchen einfachen Einladung nicht begnügen. Die Juden müffen diesmal auf klare, unzweideutige Bestimmungen und genaue Feststellung des den Juden zu überlassenden Territoriums bestehen. Brauchen die Jungtürken uns in ihrem Reiche, so mögen sie doch vor Allem einen Beweis ihrer bona,

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