Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 21 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Bloch’s kMllll» Jahrgang XXVI Zentralorgan für die gesamten Ilnteressen des Judentums. -□ □- Wien, 21. Mai 1909 Br scheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie", IX/i, Hahugasse 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Dü -- -==DO O VeMgsprri» Tür ©rjirrrrtdj: C' Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Uuslsnd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespaltene Peiitzeile 24 Heller. n_r Mr. 810.976. Redattion und Administration < Vim IX/i, Hahngaffe Nr. 15< Telefon Nr. 14.847. Tk. k. VosisxsrkrnssenLMt Inhalt. Leitartikel: Antisemitismus in den Sommersrischen. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Gegen den nationalen und konfessionellen Boykott. Lueger hat nicht gelacht. Zangwill über Mesopotamien. Die finanzielle Förderung des ,Jto"-Projektes in Mesopotamien. Nathan Straus' neue philanthropische Tat. Generalkonsul Nathan in Messina. Große Spende für ein jüdisches Waisenhaus. Die russische Presse und die Judenfrage. Patriotischer Gottesdienst. Eine verlassene Synagoge Lohnkampfe in Egypten. Agronom Aaronsohn. Felix Dahn und die Juden. Eine judcnfreundliche Rede in der Duma. Vom Botschafter Oskar S. Straus. — Die rumänischen Juden unter dem Fürsten und König Karl. — Korrespondenzen: Ans der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 16. Mai. 36. ordentliche Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien". Wiener Bubokratie gegen galizische Juden. Die böhmischen Juden und der Organisationsentwurs. Massenverhastung russischer Durchwanderer. Franzensbad. Kroatischer Gemeindebund. Blasendorf. — Vermischtes. — Feuilleton: Das „Teichtl". „Der ewige Jude". — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Antisemitismus in den Sommerfrische«. Der Schulschluß ist nicht mehr allzuweit und dann wird sich wieder die große Welle der Großstädter über das Land ergießen, getrieben vom Lufthunger und der Sorge nm das Gedeihen der Kinder. Die Vorboten der Masse sitzen schon jetzt in allen Eisenbahnen, die Hausfrauen oder -Herren, welche sich klüglich jetzt schon mit einem Quartier versorgen, um dann beim großen Andrange nicht in plötzliche Verlegenheit zu geraten. Es sind nicht wenige Juden darunter. Unser ausgeprägter Familiensinn hat die Folge, daß auch der minderbemittelte Mann alle Anstrengungen macht, um seinen Angehörigen den Landaufenthalt zu ermöglichen. Der Jude liebt eben durchschnittlich seine Frau inniger, fühlt sich seinen Kindern gegenüber verantwortlicher als jeder Andere. Es ist nun notwendig für uns, nicht ins Blaue hinein ins Grüne zu gehen. Die Juden sollten klugerweise bei der Wahl ihrer Sommerfrische nicht nur Preise, Bahnverbindungen und Marktverhältnisse in Betracht ziehen, sondern auch ein moralisches Moment, nämlich den Antisemitismus der Einwohner. Man wird wohl mit Recht einwenden, daß fast kein Ort existiert, in welchem die Künste der Christlich-Sozialen nicht Anklang gefunden hätten. Das ist wohl richtig. Aber der Unterschied ist enorm. Es gibt Orte, wo man' die Juden, welche schweres Geld in die Gegend'.tragen und aus vielen Bauern reiche Hotel- und Grundbesitzer machen, trotzdem chikaniert, weder gegen die einheimischen Zeitungen einschreitet, welche den rüdesten Ton anschlagen, noch gegen die Grobheit der Bevölkerung und der Amtsorgane. Solche Orte, die ja bald bekannt werden, müßten schon aus egoistischen Gründen absolut gemieden werden. Es gibt Gegenden genug, wo man Intelligenz und Anstand genug besitzt, die antisemitische Winterpolitik über den Sommer einzuscharren und auch jüdischen Gästen einen angenehmen Aufenthalt zu bieten. Wenn man diese bevorzugt, so wird man die Orte, wo man den Antisemitismus den Juden vorzieht, mit der Zeit wohl dazu veranlassen, dem Fremdenverkehr zu dienen statt den Christlich-Sozialen. Wenn sie das nicht wollen, so ist immerhin Oesterreich groß genug, um keinen Zimmervermieter zur Liebe zwingen zu müssen. Als seinerzeit die Hetze des „Deutschen Volksblatt" losorach, bekam man in vielen Anzeigen freier Sommerwohnungen den Vermerk zu lesen: „Nur für Christen!" Das hat fast vollständig aufgehört, seitdem die gutgläubigen Leute eingefehen haben, daß der Antisemitismus nur in der Politik ein Geschäft ist, nicht aber für ihre Zwecke. Bei einiger Konsequenz können es die Juden erreichen, daß man wenigstens in ihrer Anwesenheit im Sommer überhaupt keine antisemitischen Verkündigungen heraussteckt. Es sei aber auch gestattet, an ein ziemlich heikles Kapitel zu rühren und zwar an das Auftreten der Juden selbst während ihres Aufenthaltes unter der autochthoneu Bevölkerung. Der Jude an sich ist durchaus keine auffällige Erscheinung, selbst an Orten, wo sie selten hinkommen. Seitdem sich viele von uns der Touristik ergeben haben, trifft man in den entlegensten Seitentälern der Alpenländer Damen und Herren genug, von denen man erst bei genauem Zusehen erkennt, daß sie Juden sind. Sie machen durchaus einen sympathischen Eindruck, weil sie aus ihrer Umgebung durch nichts hervorstechen, nicht aus der Harmonie fallen. Dageger ist allzu große Lebhaftigkeit in jeder Form ein großer Schaden für die Beurteilung. Sei es, daß sich diese Lebhaftigkeit in geräuschvollem Benehmen, in den Toiletten und dem Schmuck der Frau, in großen Geldausgaben oder unpassenden Kostümen ausdrückt. Es kann keine Rede davon sein, daß solche Erscheinungen allgemein sind und auch die von uns, welche sich nach ihrem Belieben gehen lassen, tun auch nichts mehr, als die reichen Engländer, Russen und Amerikaner, von denen sich ein jeder als Mittelpunkt des Hotels betrachtet, in dem er gerade abgestiegen ist, und sich keinerlei Zwang auferlegt. Aber unsererseits müssen wir bedenken, daß wir noch mehr als das Normale leisten müssen, um die antisemitischen Verleumdungen in jedem Punkt und bis zum letzten Rest Lügen zu strafen. Ebenso wie wir in jedem Berufe weit mehr und Besseres produzieren müssen als unsere Konkurrenten, um mit diesen gleichen Schritt im Erfolge zu haben, müssen wir auch äußerlich in jeder Kleinigkeit Nachweisen, daß die hämischen Beschimpfungen unserer Rasse bloße Flegeleien sind, die uns nicht treffen können. Wir werden eben mit Argusaugen betrachtet und wir sollen diesem Umstand Rechnung tragen. Absolut nicht etwa durch