Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 363 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 20 „Ein Poet schon", antwortete er, ^,aber kein Genie. Das ist etwas ganz anderes. Ich bin niemals dessen bezichtigt worden, nicht einmal in meinem eigenen Lande." „Niemand ist ein Prophet in seinem eigenen Lande", fiel Madame Iaubert ein. „Ich bin weder ein Prophet in meinem eigenen Lande, noch in irgend einem anderen", erwiderte Herr Heine. „Meine Landsleute denken, ich bin frivol, und die Franzosen denken, ich bin ein Deutscher und darum schwerfällig. Wenn ich mit Leuten zusammenkomme wie Cie, so denken Sie, ich bin ein alter Professor, und wenn ich mit Professoren zusammen bin, so denken sie. ich bin frivol, „mondain". Wenn ich mit Konservativen zusammen bin, dann nageln sie mich als einen Revolutionär fest, und wenn mit Revolutionären, dann werde ich für einen Reaktionär erklärt. Bin ich unter Genies (dabei verbeugte er sich ironisch lächelnd gegen Bellini), so werde ich ein Pedant, ein Philosoph und ein Ignorant, fast so schlimm wie M. Cousin." „Ich habe mich schon gewundert", unterbrach Madame Iaubert, „datz wir den Abend ohne eine Anspielung auf Cousin verleben sollten." „Wenn ich sterbe", fuhr Herr Heine fort, „so wünschte ich, daß ein Stuhl auf jeder Seite meines Grabes gestellt würde mit der Inschrift: Hrer liegt ein Mann, der vom Himmel zwischen zwei Stühle fiel . - „Genies", sagte Herr de Müsset . . . (Das Ende des Briefes fehlt.) P. S. Zwei Tage später: Bellini starb heute plötzlich; so wurde Herrn Heines Prophezeiung zur Wahrheit. Literatur. Die rratiouale Goluspolitik. Von Salomou Herz, Lemberg. Im Selbstverläge des Verfassers. (Jargonbroschüre). Die paar Jahre der invern politischen Betätigung haben die Jüdischnationalen darüber aufgeklärt, daß Begeisterung wohl das Mittel ist, die Massen zu gewinnen, nicht aber zu erhalten. Denn in dem Momente, wo sie in ein Gewohnheitsverhältnis zu den Massen trttt, hört sie eben auf, Begeisterung zu sein und nichts ist unvernünftiger, als sie zu einem dauernden Programmpunkt zu machen. Sie muß eine spontan-elementare Erscheinung sein, hervorgegangen aus dem wahrhaften Glauben an eine Erfüllung. Daß der Zionismus eS nicht verstanden hat, auf dem fruchtbaren Boden einer ekstatischen Sehnsucht, die er geweckt hatte, eine reale Welt aufzubauen, hat sich schwer und bitter gerächt. Wenn man auch die große ErfMung, an der das Herz hing, nicht sobald herbeisühren konnte, so war es ein Gebot primitivster Klugheit, einstweilen an den vielen kleinen ErfMungen zu arbette«. weil in soviel Nöten immer das Nächstliegende in Angriff genommen und bekämpft werden muß. So aber vollzog sich eine Verschwendung an Kraft für ein fernliegendes Ideal und uahm uns die Möglichkett, den Schrei momentaner Judennot zu hören. Dieses Ideal gewann bei dem umgekehrten Verhältnis von Mühe und Erfolg den Schein einer Mopie und das Resultat ist, daß wir in der Arbeit für die Zukunft immer mehr erlahmen, in der GegenwartSpolttik aber nichts als Pfuscherarbett leisten. Aus dem Boden dieses Zwittererzeugniffes von Weltanschauung und Politik wachsen die Unzustiedenen, die die Zukunft einer völlig vrogrammlosen Sehnsuchtspartei zu sehr überschätzt haben. Sie sind der Ausdruck des riesigen Katzenjammers, der auf dem großen Rausche gefolgt ist. Nun kommt der Aschermittwochsreigen der düsteren Anklagen, getäuschten Hoffnungen und verlorener Kraft. Auch Salomon Herz, der Verfasser der Broschüre „Nationale Goluspolttik" ist einer, der das Bedürfnis hat, reinen Wein einzuscheuken. Aber man trinkt nicht gerne, wenn einem der Mundschenk so bittere Wahrhetten sagt. Ich höre, daß diese Broschüre in „offiziellen Kreisen" totgeschwiegen wird. Das ist nicht gerade klug, wie so vieles, was im hohen Rate der Siebenmalweisen beschlossen wurde, und wenn ein Mensch, der trotz temperamentvoller Heftigkeit einen klaren Kopf besitzt und ein sozial geschultes Denken, seine Beschwerden vorbringt Über das, was ihn in tiefster Seele wurmt, so ist dies noch lange keine Blasphemie gegen den Götzen Disziplin, der schon so viele Dummköpfe auf dem Gewissen hat. Der Autor ist Poale-Zionist. Schon diese Zwischenstellung stellt ihn, wenn er logisch denken will, dem Zionismus gegenüber als einer Bewegung, die, in ihren Grundfesten kapitalistisch konstruiert, auf ein soziales Programm viel zu wenig Rücksicht genommen hat. Das ist der große Rahmen, in dem sich seine Vorwürfe bewegen. Aber sein gesunder Verstand, der durch die Schule sozialer Erkenntnis gegangen ist, kollidiert auch heftig mit der ganzen Form der Jnnerpolitik, die sich auf keinem festen Programm erhebt und die Widerstandsfähigkeit einer Wetterfahne besitzt. Er kommt aus dem Lande der schwersten, wirtschaftlichen Judennot und weiß, daß sofortige ökonomische Maßnahmen und eine praktische wirtschaftliche Aktion das Beste ist, was man hier den Juden geben kann. Es muß dem Lustmenschentum ein Ende gemacht nud ein gesunder Arbeiterstand geschaffen werden. Der Baum wird säuberlich gestutzt, aber was nutzt es, wenn er durch und durch faul ist? Die Axt muß an die Wurzel gelegt werden. Die Schrift beginnt mit dem Eintritte der galizischen Zionisten in eine innere Politik. Und mit dem Eintritte in die Politik macht sich ein Mangel breit, der später zu den größten Mißverständnissen geführt hat. Die Führer entstammen nicht der Masse, kennen sie gar nicht genügend und scheitern an ihrer ausgeprägten Eigenart, der sie größtenteils fremd gegenüberstehen. Ein Lichtblick in dieser Reihe schwerer Anklagen ist die lebhafte Schilderung des Verhaltens der galizisch-jüdischen Bevölkerung während der letzten Reichsratswahlen. Warm und freudig berührt dieser unendliche Opfermut und diese ungeheuere Begeisterungsfähigkeit, der naive, abgrundtiefe Glaube, der dem neuen Messias entgegengebracht wird, und ichwer sündigt die Hand, die nur sie emporreißt, um sie wieder fallen zu lassen. Ueber die stille, aber wirksame Tätigkeit einiger Kultusgemeinden erfahren wir da recht nette Dinge. So werden beispielsweise in Lemberg jüdische Lehrer selbst in denjenigen Schulen nicht angestellt, wo die jüdische Schülerzahl 80 Perzent nahezu überschreitet. In fünf Schulen, die ganz jüdisch sind, beträgt die Anzahl des ch r i st l i ch e n Lehrerstandes zwei Drittel. Die Kultusgemeinde subventioniert hingegen eine Gewerbeschule, in der Schüler jüdischer Konfession nicht ausgenommen werden, und so fort mit Grazie. Was wir dem Autor dieser Schrift manchmal vorzuwerfen hätten, ist, daß er sich allzuoft in Kleinigkeiten verliert und vielleicht auch Mangel an positiven Gegenüberstellungen und Vorschlägen. Aber diese Mängel liegen tief in den Verhältnissen begründet und die Broschüre will auch ihrem ganzem Charakter nach eine „^'aeeuss-Schrift" sein, in der „Einer für Viele" Rechenschaft verlangt. Im Kern dieser Anklagen schlummert bereits die neue und bessere Richtung, wenn sie auch nur schwach angedeutet ist. Aber in allen Reihen lebt ein wirkliches Verständnis sür die Forderungen der Zeit, die die Träumenden am Wege zurückläßt. Ueber die Kleinlichkeiten einer jämmerlichen Tagespolitik hiHseg müssen wir uns finden und in gedrängtester Masse, Schulter an Schulter, vorwärtsgehen und müssen uns hüten, nur die einzureihen, die vor lauter Oelbäume den Wald nicht sehen. Die Verwirklichung des Palästinaprogrammes schwankt hin und her. Wer aber auch an sie glaubt, wird nicht zögern, dort Hand anzulegen, wo man durch wirtschaftliche Hebung, durch konkrete soziale Maßnahmen seine Nation für die fürchterlichen Strapazen einer Volkswerdung vorbereitet. Thekla Blech-Merwin. Neue Bücher. Oft und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Herausgegeben von Leo Winz. Verlag Ost und West. Berlin W 8. Organ der Deutschen Konferenzgemeinschaft der „Alliance Jsraslite Universelle". IX. Jahrgang, Hest 5, Mai 1909. Inhalt: Jakob KrauSz: Hungaricae Res. — Dr. G. Kutna: Moses in der bildenden Kunst (I.) mit sieben Illustrationen. — Doktor I. Niemirower: Reb Mosche Aphikomen und der Prophet Eliahu. Revue der Revuen. — Max Schach erl: Sounenthal (mit neun Illustrationen). — Justizrat Dr. Edmund