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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-05-14 · 20 (14.5.1909) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. £0 De. Blochs Wochenschrift. Seite 361 Der Prinz verfügt über einen glänzenden Tenor; das Duett gelang prachtvoll. Madame Iaubert sagte mir, wenn man Musiker in der Gesellschaft habe, so müsse man sie sofort eine aktive Rolle spielen lassen; wenn man jedoch Literaten oder Politiker einlade, so sei es besser, sie in ihren Ecken stehen und plaudern zu lassen. BeUini wurde vollständig kindisch über den musikalischen Genuß. Er tanzte vor Freude, klatschte mit den Händen und bat: „Singen Sie es noch einmal." Man schlug vor, etwas Französisches zu singen, aber Bellini erwiderte: „Nein, nein! Bitte noch etwas von meiner eigenen Musik. Ich genieße sie so viel mehr, und Sie kennen sie so viel besser." Sie sangen darauf etwas aus der „Norma". Hierauf unterbrach Madame Iaubert die Musik, obwohl wir alle um mehr baten. Madame Iaubert nahm mich darauf beiseite und flüsterte mir zu: „Man muß aufhören, Musik zu machen, ehe die Gäste davon genug haben, weil von dem Augenblick an, wo sie auch nur eine Sekunde zu viel haben, sie unter dem Eindruck fortgehen, einen langweiligen Abend verbracht zu haben." Ich glaube, sie hat recht. Unter den noch mehr Musik Verlangenden bat ein junger Mann, ein Herr de Müsset, der Gedichte macht, besonders hartnäckig und dringend. Aber Madame Iaubert blieb fest. Dieser junge Mann wurde mir vorgestellt; er sieht gut, aber etwas verdrießlich aus. Er liebt die Prinzessin Belgiojoso, und ich vermute, daß er übler Laune war, weil sie keine Notiz von ihm nahm, sondern unaufhörlich mit Major Fraser sprach, der ebenfalls eingeladen war. Nach und nach verschwand der größere Teil der Gäste und wir saßen in einem kleinen Zimmer um einen runden Tisch und unterhielten uns von Tischrücken und Geistern. Dann kam das Gespräch auf Karikaturen, und Prinzessin Belgiojoso sagte mit liebenswürdigem Lächeln, daß niemand bisher sie habe karikieren können, worauf Herr de Müsset sofort die Herausforderung aufnahm und erklärte, er würde dies gleich tun. Er holte ein Skizzenbuch und einen Bleistift, und auf einer leeren Seite zeichnete er in vier Strichen der Prinzessin Gesicht und ihre Figur im Profil, wobei er ihre Schlankheit übertrieb und ihr ein enormes schwarzes Auge machte. Es war vollständig sie. Wir alle beugten uns über den Tisch, um die Zeichnung anzusehen. Die Prinzessin nahm darauf das Buch und sagte in einem Tone höchster Gleichgültigkeit: „Wirklich, Herr de Müsset, es ist nicht recht, daß sie alle Talente haben", wobei sie das Buch zuklappte. Madame Iaubert nahm darauf das Buch an sich und trug es fort. Im Vorbeigehen flüsterte sie Müsset zu: „Sie haben soeben Ihre Boote hinter sich verbrannt." Müsset drehte sich um, sah M Prinzessin lange an, in seinen Augen standen Tränen, und in diesem Augenblicke hätte ich die Prinzessin durchprügeln können. Dann gingen wir zum Abendessen. Fast alle waren fort; die einzigen, die noch blieben, waren Prinz und Prinzessin Belgiojoso, Herr de Müsset, Major Fraser, Mademoiselle de Rutieres, eine reizende Creolin, der Graf d'Alton Shee, Bellini und Herr Heine, der deutsche Schriftsteller. Ich saß zwischen ihm und Prinz Belgiojoso. Herr de Müsset saß an Madame Jauberts linker Seite, Bellini und die Prinzessin uns gegenüber. Herr Heine ist, wie alle Deutschen, ein wenig ermüdend und langatmig; er ist natürlich sehr geschickt, und man sagt, er habe wundervolle Bücher geschrieben, aber ich kann deutsch nicht lesen. Er spricht gut französisch, aber es ist schwer, mit ihm fertig zu werden; er redet noch über einen Gegenstand, wenn man längst davon genug hat. Er ist darin so verschieden vom Franzosen, der über alles leicht hinweggleitet, niemals bei einem Gegenstand lange verweilt und gleich versteht, was man sagen will. Nichtsdestoweniger bemerkt man auf den ersten Blick, d-'ß Herr Heine ein interessanter Mann ist und von Zeit Zeit auch wirklich (elover things) Interessantes zu sage^ weiß. Er trägt dicke Augengläser und sein langes Haar, das sehr blond ist. fällt über einen niedrigen Kragen herab. Beim Abendessen setzte er alle Welt mit seiner Bemerkung in Erstaunen, daß ihn das ewige Preisen Goethes und Byrons ermüde. „Ich verstehe euch Pariser nicht", sagte er. „wenn ihr über Poesie sprecht. Ihr schlagt allerhand Nebenwege ein, um allerhand fremde Dichter aufzustöbern und zu eurem Idol zu machen, obwohl ihr selbst einen großen heimischen Dichter habt, der alle diese fremden Dichter zusatnmengenommen, wert ist." Jemand warf ein: „Viktor Hugo?" „Keine Spur", antwortete Heine. „Viktor Hugo ist wie ein Rad. das sich rund und rund im Raume ohne irgend ein intelligentes Zahnrad dreht. Nichts wie Worte, Worte und wieder Worte, aber k ein Gedanke und kein wirkliches Gefühl. Er schreibt in den höchsten Tönen über — nichts." „Wer ist denn unser großer Dichter?" fragte Madame Iaubert. „Müsset natürlich", sagte Herr Heine. Wir alle lachten und Madame Iaubert sagte: „Das ist ein sehr hübsches Kompliment." Herr de Müsset würdigte den Scherz ebensosehr wie wir. Alle sagten übrigens, er schreibe wirklich sehr gute Sachen von der Art wie Lord Egerton. Herr de Müsset war den ganzen Abend über brummig wie ein Bär. Ein- oder zweimal sagte er der Prinzessin etwas über den Tisch herüber und sie antwortete, als ob sie ein leeres Portefeuille wäre, aus dem ihr wirkliches Selbst verloren gegangen. Wir sprechen über Musik. Herr Heine sagte, was Musik anlange, so seien wir alle Barbaren. Die Italiener hätten ja allerdings eine Ahnung von Melodie, die Franzosen aber, und speziell die Pariser kennen nicht den Unterschied zwischen Musik und Pasteten. Jemand fragte Heine, wie er nur, nachdem er die Musik heute abend geyörr, jo etwas sagen könne, wobei er an Bellini die Frage richtete, ob seine Musik wohl jemals besser vorgetragen worden wäre? „Ach, Bellini ist ein Genie", sagte Herr Heine, wandte sich zu ihm und fügte hinzu: „Sie sind ein großes Genie, Bellini, aber Sie werden Ihr großes Genie durch einen frühen Tod zu büßen haben. Alle großen Genies sterben jung, sehr jung, und Sie werden wie Raffael und Mozart sterben." „Sagen Sie nicht so etwas, um Gottes willen, sagen Sie das nicht!" unterbrach ihn Bellini, „sprechen Sie nicht über den Tod. Verbieten Sie ihm doch, so zu sprechen!" wandte er sich bittend an die Prinzessin. „Vielleicht sind meine Befürchtungen grundlos", sagte Heine zu der Prinzessin. „Vielleicht ist Bellini trotz alledem doch kein Genie. Uebrigens habe ich niemals eine Note von seiner Musik gehört. Ich kam absichtlich heute abend hierher, nachdem alles vorüber war. Ist er ein Genie, Prinzessin, was meinen Sie?" Dann wandte er sich an Bellini: „Hoffen wir, mein lieber Freund, daß die Welt sich hinsichtlich Ihrer geirrt hat und daß Sie schließlich doch kein Genie sind. Es ist ein schlimmes Ding, ein solches zu sein. Es ist die Gabe einer bösen Fee. Die guten Feen haben Ihnen jede andere Gabe verliehen, das Antlitz eines Cherubs, die Einfachheit des Kindes und die Verdauung eines Straußen. Hoffen wir, daß die böse Fee sich nicht unter sie gemengt und alles dadurch verdorben hat, daß sie Ihnen das Genie verlieh." Bellini lachte, aber ich glaube nicht, daß ihm der Scherz gefiel. Prinzeß Belgiojoso meinte darauf, Herr Heine habe kein Recht, so zu reden, denn er sei selber ein Poet.

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