Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021839--18320-3043241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 354 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 20 Doch kehren wir beim Schluffe zu unserem Ausgangspunkte. dem schönen Aufsatze unseres Oberrabbiners zurück. Er hebt da sehr gut hervor, wie jedes Lebensalter die Bibel anders liest und versteht. Die modernen Naturforscher sagen uns aber, daß sich in der Entwicklung jedes Geschöpfes vom Embryo bis zur vollen Reife die Entwicklung seiner Gattung wiederholt. Gilt das nicht auch von der Auffaffung geistiger Schöpfungen? Liest und versteht nicht jede Generation oder zum mindesten jedes Jahrhundert in anderer Weise die Bibel? — Es könnte ein sehr lehrreiches und interessantes Werk geschrieben werden: Eine Geschichte der Bibel. Keine Bibliographie der Manuskripte. Ausgaben, Uebersetzungen und Kommentare, auch keine Geschichte ihrer religionsbildenden Wirkung, sondern der Beurteilung und Schätzung die ihr zuteil wurden, ihres Einfluffes auf Moral, Wissenschaft, Kunst. Literatur und Staatswesen. ' L. Vom Zabrrnarkt des Lebens. Moriz Lazarus und sein Einfluß auf die Protestantische Theologie. In der „Frankfurter Zeitung" vom 25. April liest man über die nachgelassene Schrift von Moriz Lazarus einen Artikel aus der Feder von Prof. Dr. F. N i p p o l d, der über den Einfluß, welchen Moriz Lazarus auf die protestantische Theologie der Gegenwart ausgeübt hat, wichtige Aufschlüffe bietet und den wir deswegen hier wörtlich folgen lassen: „Neben dem Gefühl der Freude darüber, dass in Lazarus’ Nachlass sich noch eine so inhaltreiche Schrift vorgefunden hat, (Die Erneuerune: des Judentums. Ein Aufruf. Berlin 1909. Georg Reimer. XVI und 120 Seiten, Mt. 2.—), ist es doch zugleich ein gewisses Bedauern, mit dem der Referent sichfzu einer Besprechung der Schrift in diesem Liter1 turhlatt anschickt. Das Bedauern gründet sich auf die an der jetzigen Stelle allein mögliche Form. Denn hier sind der Natur der Sache nach nur kurze Andeutungen über den Inhalt möglich, während auf den wenigen Bogen seiner letzten Schrift das umfassende Lebenswerk Moritz Lazarus’ noch einmal so prägnant zusammengefasst wird, dass sich eine Fülle von Gedankengängen daran anschliesst, die einander verdrängen. Versuchen wir daher wenigstens durch einen Rückblick auf die mancherlei, in unserem raschlebigen Geschlecht schon zum guten Teil vergessenen Anregungen, die von diesem Manne ausgingen, einen einheitlichen Gesichtspunkt für sie zu gewinnen. Die von Lazarus mit seinem in der Spezialwissenschaft ihn noch überragenden Schwager Steinthal begründete Zeitschrift hatte schon in kurzer Zeit für das Gesamtgebiet der völkerpsychologischen Forschung eine Bedeutung gewonnen, von der das heutise Lesepublikum kaum noch eine Ahnung hat. Zwar ist znr Zeit das Schlagwort der religionsgeschichtlichen Methode in aller Munde. Aber wie bei allem, was momentan modern ist, wird nun von Unberufenen allerlei Unfug mit jenem Wort getrieben. Umsomehr dürfte die Erinnerung not tun, dass der jener Methode zugrunde liegende richtige Kern mit am frühesten in der Lazarus- Steinthal’s che n Zeitschrift gepflegt und lebensfähig gemacht worden ist. Dem Referenten ist von einem der anerkanntesten „positiven“ neutestamentlichen Exegeten noch vor kurzem bezeugt worden, was für ein weiter Horizont sich ihm unmittelbar nach seinen Studienjahren durch ihre ersten Jahrgänge erschlossen hatte. Darf ich diesem einen Beleg noch einen zweiten anschliessen? Der jüdische Gelehrte, dessen unerschütterliche Treue zu seinem väterlichen Glauben auch in der nachgelassenen Schrift in der an die Spitze gestellten „ Aufgabe * zum Ausdruck gekommen ist (im Anschluss an den Titel einer früheren Schrift „Treu und frei“) ist ein hochgeschätzter Lehrer zahlreicher christlicher Theologen gewesen. Was sich in der Schweiz schon früh als Lazarus’ besonderes Charisma herausgestellt hatte, ist nachmals von allen ernst wissenschaftlichen Forschern auf dem gleichen Gebiete freudig anerkannt worden. Noch sein letztes grösseres Werk über die Ethik des Judentums, das seine Konfessionsgemeinde auf ihre unverlierbaren Güter hinwies, hat sowohl die philosophische wie die theologische Ethik an die Notwendigkeit gemahnt, über den neuen Bahnen die alten nicht zu vergessen. In einem solchen Lebenswerk, wie jenem von Lazarus, liegt aber auch für die Folgezeit etwas allgemein Vorbildliches. Es ist überaus leicht, so zu lehren, zu schreiben und gar öffentliche Vorträge zu halten, dass die von vornherein Gleichgestimmten in Jubel ausbrechen. Aber es ist nur wenigen Auserwählten vergönnt, auch bei Andersdenkenden bleibende Anerkennung zu finden. Unter Männern, deren Wort schon seit mehreren Jahrzehnten in allen Konfessionen mit der gleichen Ehrfurcht aufgenommen wurde, haben Richard Rothe und Ignaz Döllinger obenan gestanden. Dann haben z. B. Leopold Schmid und Hermann Schell sich ihnen angereiht. In die gleiche Eliteklasse dürfte aber auch Lazarus gestellt werden. Und zwar nicht etwa deshalb, weil er sich auf neutrale unangefochtene Gebiete beschränkt hätte, sondern gerade deshalb, weil er keinem interkonfessionellen Problem aus dem Wege ging. Eine Unterhaltung mit ihm über die Versuchungsgeschichte Jesu konnte zu einer ähnlichen gegenseitigen Belehrung führen, wie etwa Gespräche mit Döllinger über die heikelsten Punkte jener Periode von 1517 bis 1555, in deren unzerstörbare Ergebnisse er sich erst als Greis hineinfinden lernte. Gern gestehe ich, dass ich mit Absicht an eine Schrift über „Die Erneuerung des Judentums“ diesen allgemeinen Gedankengang angeknüpft habe. Denn es liegt hier ein in Deutschland erst zum geringsten Teil erkanntes und doch unbestreitbares Verdienst der ernsten jüdischen Theologie vor. Es gibt gar viele Dinge, über die Antisemiten und Philosemiten sich noch auf lange hinaus streiten werden. Aber diese Dinge haben mit jenem streng wissenschaftlichen Gebiet nicht das Geringste zu tun. Die bureaukratisch privilegierten Theologenschulen werden nach wie vor ihren Adepten eine gesicherte Carriere bieten. Aber die inneren Fortschritte der Theologie von Jahrhundert zu Jahrhundert gehen von ganz anderen Instanzen aus. Wer die grundgelehrten Werke des Niederländers Christian Sepp keünt, der erkennt beispielsweise auch innerhalb der wissenschaftlichen Theologie die Zukunftskeime der sogenannten Sekten, d. h. in Wirklichkeit der verfolgten Märtyrergemeinden, als um vieles grösser, als die Nachwirkung der auf die Gasse hinausgetragenen Streittheologie. Es ist etwas ganz Aehnliches, was Lazarus damit meint, wenn er in der Vorrede sagt, dass das Judentum „noch immer dazu berufen ist, in der allgemeinen fortschreitenden Bewegung des menschlichen Geistes einen schöpferischen Einfluss zu üben; um so mehr berufen, da es, selbst zurückgezogen und untätig, durch sein blosses Dasein als lebendige, wenn auch schweigsame Kritik aller anderen Religionen einen Einfluss geübt hat“. Es ist mir eine Freude gewesen, dass Lazarus sich bei diesem Satze meiner schon vor einem Menschenalter gehaltenen Berner Rektoratsrede über die (geschichtlich beleuchtete) Theorie der Trennung von Kirche und Staat erinnert hat. Seine These wäre aber unbegründet, wenn seither die wissenschaftliche Theologie des Judentums erstorben wäre. Glücklicherweise ist das Gegenteil in viel höherem Grade der Fall, als Lazarus selber es vorhersehen konnte. Denn die Herausgeberin bemerkt mit vollem Recht: „Wohin ich sehe, ringt es in der Jndenheit um des Judentums willen nach Aufklärung, nach Befreiung . . . wie noch nie.“ Sie setzt damit auch ihr Siegel unter die in dem zweiten diesjährigen Heft der Zeitschrift „Freies Wort“ niedergelegten Ausführungen über „Die religiösen Unterströmungen“, speziell hinsichtlich der neuen Zeitschrift „Liberales Judentum, Monatschrift für die religiösen Interessen des Judentums“. Wie ich eigentlich schon voraussah, als ich zu diesen Erörterungen ansetzte, haben die durch das Lazarus’sche nachgelassene Werk angeregten allgemeinen Gesichtspunkte es nicht zu einer Berücksichtigung der Einzelheiten des Inhaltes kommen lassen. Für die Kenner der grossen Werke von Lazarus, von denen das „Leben der Seele“ seinen Namen wohl in die weitesten Kreise getragen hat, wird aber auch, was im Grunde selbstverständlich ist, wenig Neues geboten. Dagegen gewinnt die prägnante Zusammenfassung seiner Gedanken durch das Zusammentreffen mit der Bewegung des „liberalen Judentums“ eine ganz andere Bedeutung, wie zu Lazarus’ Lebzeiten. Nach kurzer Kennzeichnung der schon oben gestreiften „Aufgaben“ werden die „Veränderungen und Versuche“ vorgeführt. Dann folgt die keinem wirklichen Historiker erspart bleibende Kritik an den Schäden der eigenen Gemeinschaft. „Casuistische Spaltungen der Begriffe“, „Methode des juristischen Scharfsinns“, „Buchstabendienst“, und „Beispiele“ dafür, „Der Talmud“, „Gefahren des Autoritätsglaubens“, „Juristischer Ungeist“, „Wandelung der Sitten und Gebräuche“, „Zwei Hauptzüge im Verhalten der Juden zu ihren Religionsquellen“, „Unsere Pflicht“ — es sind das nur die Aufschriften, unter die sich die Mahnungen zu „Treu und frei“ neu subsummieren. Diese Aufschriften sind, wie zur Vermeidung von Missverständnissen ausdrücklich bemerkt werden möge, nicht von Lazarus selbst, sondern von seiner Witwe beigefügt. Er selbst hat das Buch aus einem Guss niedergeschrieben. Wer die darin niedergelegten Gedanken mit den bisher erschienenen Heften der schon genannten Zeitschrift vergleicht, darf darin eine prophetische Ahnung von dem finden, was heute die ernstfrommen Kreise der jüdischen Gemeinden aller Orte bewegt,“