Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 20 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 353 darin keine bloß theologische oder ästhetische Würdigung der heiligen Schrift, sondern deren Beurteilung als historische Quelle und den Nachweis, ihrer fortdauernden Bedeutung, besonders der Propheten, als Grundlagen des Christentums. Dabei wird aber nicht, wie von anderen christlichen Apologeten, diese Grundlegung als einziger Zweck des Alten Testaments betrachtet, sondern es werden auch dessen andere Vorzüge gebührend ans Licht gestellt. Liehe man einige Stellen weg, so könnte man das Büchlein für das Werk eines jüdischen Theologen halten. Mit welcher Bewunderung spricht Kautzsch von den „überwältigenden Erzeugnissen religiöser Lyrik" in den Psalmen, von den grohartigen Naturschilderungen im Buche Hiob, dieses „einzigartigen Meisterwerkes", von „einzelnen Bekundungen eines sittlichen Zartsinns", wie z. B. Exodus 23. 4. Deuteron. 22, 1, 24, 10, „zu denen man im gesamten Bereich antiker Gesetzgebung vergeblich Parallelen suchen würde". — „Eine solche Durchdringung des gesamten Wesens und Lebens mit religiösen Gesichtspunkten und den durch sie bedingten sittlichen Grundsätzen, wie im Buche Ruth, hat in der heidnischen Literatur seines gleichen nicht." Deshalb meint er auch: „Alle Versuche, diese Erzählungen (Ur- und Patriarchengeschichte) für die Unterweisung der Jugend in wohlerwogener Auswahl, durch irgendwelche Surrogate, seien es nun Robinsonaden oder Bilder aus der germanischen Vorzeit oder gar aus der Odyssee zu ersetzen, müssen als gründlich verfehlt und darum verwerflich bezeichnet werden." In bezug auf die Bibel als historisches Werk weist Kautzsch darauf hin, dah viele der neuentdeckten babylonischen Inschriften erst durch die Aussagen der Bibel wahrhaft verständlich wurden, und dah „es noch zahlreiche Gebiete gibt, für die wir nach wie vor ganz allein auf die Bibel angewiesen sind". In der Geschichte des Königs David zeigt er, wie alle schlechten Handlungen desselben offen und unumwunden erzählt werden und „dennoch den Gesamteindruck einer höchst bedezitenden, ihre Umgebung hinreihenden, mit einem Worte verehrungswürdigen und königlichen Persönlichkeit verbleibt". In ähnlicher Weise spricht der fromme Katholik Pascal (1623—1662) von der bewunderungswerten Offenherzigkeit der Iuden und der Treue mit der sie an der Bibel hängen, in der doch ihre Undankbarkeit gegen Gott, wie sie ihn durch ihre Abgötterei erzürnt haben, und wie er sie dafür gestraft hat, erzählt wird. „Und an diesem Buch, das so viel Schlechtes von ihnen erzählt, hängen sie mit ganzem Herzen, verteidigen es auf Kosten ihres Lebens. Das ist eine beispiellose Aufrichtigkeit."*) Aehnlich wie Kautzsch äußerte sich der gelehrte und geistreiche italienische Literarhistoriker und Unterrichtsminister Francesco De Sanctis (gest. 1882) über die Bibel, besonders das Buch Hiob: „Ich habe in der ganzen mir bekannten klassischen Literatur nichts gefunden, das sich mit ihm an Gröhe vergleichen liehe. Ich las das Buch meinen Mitschülern vor, und als ich es geendigt hatte, waren alle davon hingerissen. Cs war für uns wie eine Reise in ein unbekanntes Land. Wir vergaßen unsere Klassiker und sprachen Monate lang nur von der Bibel. Es hatte sich unser ein erhebendes und religiöses Gefühl bemächtigt. — Ich wundere mich, dah in unfern Schulen. wo so viel unnützes Zeug gelesen wird, keine biblische Anthologie benutzt wird, die doch geeignet wäre, unser religiöses, das heißt höchstes moralisches Gefühl, lebensvoll zu erhalten." Ein groher Kenner und Verehrer der Bibel war auch der bekannte englische Kunstkritiker Iohn Ruskin. „Fast keine Seite seiner Werke", sagt sein Biograph, „ist ohne Bibelzitat, fast kein Gedanke, der nicht durch Bibelstellen mit begründet wäre." Von allen Büchern der Bibel sind es aber die Psalmen, welche die meiste Verbreitung gefunden haben, am populärsten geworden sind. Sie bilden einen unersetzlichen Teil der Gebete und des Gottesdienstes der Christen. Schon ihr heiliger Ambrosius, der die ganze Bibel eine Weide, auf der wir uns erholen und stärken, nannte, sagte von den Psalmen: „Wie ein weicher 'Tau steigt ihr heiliges Lied nieder vom Himmel zur Erde und übergieht den Gläubigen mit dem Regen geistiger Gnade. Der Psalter ist das Saiteninstrument jeglicher Tugend." Die Psalmen haben aber nicht bloß eine religiöse, sondern auch eine politische, man könnte sagen, militärische Bedeutung. Manche derselben sind in der Zeit der Makkabäer entstanden und sind wohl in den Schlachten gegen die syrisch-griechischen Bedränger gesungen worden. Und so haben sie auch später den Kämpfern für Freiheit und religiöse Toleranz gedient. Psalmen singend zogen die Hugenotten (französische Reformierte) in die Schlacht. Aber die Engländer begnügten sich nicht mit den Psalmen. Cromwell rief seinen Soldaten zu: „Vertrauet auf Gott und haltet euer Pulver trocken!" Und nächst Pulver und Blei war ihnen die Bibel ein unentbehrliches Ausrüstungsstück. Aus der English historical Review (Bd. 10, 1895) erfahren wir. dah das Kriegskommisiariat am 3. August 1652 an die bei Dublin befindlichen Truppen für jeden Zug Infanterie und Kavallerie eine Bibel liefern lieh, zwei Wochen später sandte es hundert Bibeln an die um Galway stationierten Truppen. Bei den Musterungen muhten die Offiziere sich den Armeeinspektoren gegenüber über die pünktliche Verteilung der Bibel ausweisen. Am 9. Iuni 1655 bestellte der Staatsrat 2000 Bibeln, nach vorgelegtem Muster für die Truppen in Westindien. Außerdem lieh ein Privatunternehmer eine Auswahl kriegerischer Stellen aus der Bibel für die Soldaten drucken. Also eine Art „Wacht am Rhein". Von den Soldaten Napoleons hat man gesagt, daß jeder den Marschallstab im Tornister trug. Die Soldaten Cromwells trugen statt dessen die Bibel und haben sich ebenso tapfer wie die Napoleons geschlagen, aber bessere Manneszucht gehalten. Vielleicht wird man auch beim nächsten Kriege auher Zigarren und Bier, wenigstens den jüdischen Soldaten, Bibeln und Gebetbücher als „Liebesgaben" schicken. In England werden aber auch zu Missions- und Bekehrungszwecken masienhaft Bibeln in fast allen Sprachen der Welt (jetzt in 150 Sprachen und Dialekten) gedruckt. Die Oxford University Preh verbraucht dazu jährlich zwölflausend Zentner Papier, worauf eine Million Exemplare, im Durchschnitt 30 bis 40 in der Minute, gedruckt werden. Wir haben bis nun gesehen, wie die Bibel beim Gottesdienst, zur Erbauung und Belehrung, zum ästhetischen Genuh und sogar zum Kriegführen gedient hat. Man benutzte sie aber auch zur Weihe und Verschönerung groher staatlicher Zeremonien. Von den Hymnen, die bei der Krönung König Eduard VII. gesungen wurden, lauteten die Texte: „Ich war froh, als sie zu mir sagten, laß uns in das Haus des Herrn kommen", (Psalm 122, 1) und „Königs werden sehen und ausstehen." (Ieaia 49. 7). Und im Hirtenbrief der ungarischen Bischöfe zum Iubiläum unseres Kaisers sind nicht weniger als fünf Stellen des Alten Testaments zitiert. Renan sagt in seiner Histoire du peuple d’Israel „Einem Volke, das die Bibel gemacht hat, kann man verzeihen, dah es den Talmud gemacht." Aber bedürfen wir denn der Verzeihung für den Talmud? Und hat er nicht manchmal als Schutzwehr der Bibel gedient? *) ksvsäes sur 1a religion VIII.