Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 352 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 20 der Fall. Aber die römische Kirche begnügte sich nicht mit dem Nichtigen aus Unwissenheit, sie verbot das Lesen auch denen, welche lesen konnten. So Papst Jnuvceuz 111. un ^zahre 1198, unter Äerufuug auf da» Alte Testament! Denn es heißt im Meilen Buche Mosis, 19, 13: „Es soll ihn (den Berg Sinai) keine Hand anrühren, wer ihn anrührt, soll gesteinigt oder mit Pfeilen erschossen werden, es sei Vieh oder Mensch, so soll es nicht leben bleiben." Noch weiter ging man dreißig Jahre später, denn, während der Papst die Lektüre einer zensurierten Uebersetzung unter gewissen Bedingungen gestattete, verbot das Konzil von Toulouse, 1229, den Laien sogar den Besitz einer Uebersetzung des Alten oder des Neuen Testaments. Im 17. Jahrhundert verbot Gregor XV. das Lesen der Bibel in der Volkssprache gänzlich, und eine Verordnung der römischen Bücherzensur von 1757 gestattete nur eine Uebersetzung mit päpstlich approbierter Erklärung. Es sollte damit das Volk an eigener Prüfung verhindert, an die Auslegung der Kirche gebunden werden. Daraus erklärt sich auch die geringe Kenntnis des Neuen Testaments in katholischen Ländern. So erzählt der württembergische Rechtsgelehrte Johann Jakob Moser, der sich am Anfänge des 18. Jahrhunderts in Wien aufhielt, ein höherer österreichischer Beamter habe ihn, als er sich auf (den Apostel) Paulus berief, gefragt: Wer war dieser Paulus? Jetzt kennen die Christen das Neue Testament auch in katholischen Ländern wohl etwas besser, aber das Alte noch weniger. So konnte selbst ein Carneri in seiner „Grundlegung der Ethik" das „Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst", als speziell christliche Lehre anführen. Er tat dies gewiß nicht aus Judenfeindschaft, aber er scheint nicht gewußt zu haben, daß sich das Gebot der Nächstenliebe schon im dritten Buche Mosis findet. Ja, er scheint sogar übersehen zu haben, daß Jesus in der zitierten Stelle (Lukas 10, 26) sich ausdrücklich auf das „Gesetz" (die Thora) beruft. Noch deutlicher tritt aus Evangelium Markus 12, 26 hervor, daß der Schriftgelehrte hier eigentlich Jesus über seine Bibelkenntnis examinieren wollte. Und Wilhelm Soltau, vielleicht noch weniger christlich rechtgläubig als Carneri, sagt in seinem „Das Fortleben des Heidentums in der altchristlichen Kirche", von dieser Stelle: „Es ist unmöglich, bestimmter und unzweideutiger das Wesen christlicher Sittlichkeit zu definieren." In protestantischen Ländern kennt man die Bibel wohl besser als in katholischen, aber in Deutschland vorzüglich nur das Neue Testament. So konnte noch vor kurzem ein hochstehender deutscher Staatsmann „goldene Aepfel in silbernen Schalen" (Spr. Sal. 23, 11) aus Goethe zitieren. Und der große Dichter führt mich zu meinem eigentlichen Thema, der Hochschätzung der Bibel durch hervorragende große Geister, zurück. In früheren Zeiten stellte man sie höher als die griechisch-römischen Klassiker, ja hielt sie für Vorbilder derselben. So sagte Andre Datier (1651—1722) in der Vorrede zu seiner llebersetzung der Werke des Horaz: „Er kannte die Bücher Mosis und ahmte die Sprüche Salomons nach." Der große italienische Philosoph Giambattista Vico, (1668—1744) ein eifriger Katholik, der „den ungläubigen Spinoza" und die Protestanten Pufendorf und Grotius zu widerlegen suchte, hat, zum größten Bedauern seines frommen Biographen Karl Werner, das Alte Testament viel häufiger als das Neue in seinen Werken zitiert. Aber eigentlich bewunderte und verehrte er am meisten den Pentateuch. Riesengroß und Ehrfurcht einflößend, wie in dem Meisterwerk Michelangelos, erscheint bei ihm die Gestalt des Moses: Der Prophet und Gesetzgeber steht ihm höher als Plato, er ist „in gleichem Maße höchster Historiker, Philosoph und Gesetzgeber"; das Alte Testament ist ihm das einzige verläßliche Eeschichtswerk, die mosaische Gesetzgebung die beste von allen, die Juden das auserwählte Volk, das unter Gottes Leitung stets den geraden Weg des ewigen Rechtes ging, während die Heiden sich verirrten und Umwege machten. Wie um seine Glaubensgenossen über seine eigene Rechtgläubigkeit zu beruhigen, fügt Vico dann einige tadelnde Worte über Pharisäer und Kabbalisten hinzu und erklärt, die Zerstreuung der Juden für göttliche Fügung zur Ausbreitung des Christentums. Nach dem Vorgang des englischen Bischofs Robert Lowth (1711—1787) „De sacra poesi iieüuieonim“ schrieb Herder: „Vom Geist der hebräischen Poesie", aus dem alle die Bibel lobpreisenden, übrigens wohlbekannten Stellen anzuführen es hier an Platz fehlt. Wilhelm von Humboldt schrieb am 12. September 1724 (Briefe an eine Freundin I. 172): „Zu den kraftvollsten, reinsten und schönsten Stimmen, die aus grauem Altertum zu uns herübergekommen sind, gehören die Bücher des Alten Testaments, und man kann es nie genug unserer Sprache verdanken, daß sie, auch in der Uebersetzung, so wenig an Wahrheit und Stärke eingebüßt haben. Ich habe oft darüber mit Vergnügen nachgedacht, daß es möglich wäre, etwas so Großes, Reiches und Mannigfaltiges zusammenzubringen als die Bibel, die Bücher des Alten und Neuen Testaments enthalten. . . . Das Volk hat in ihr ein Ganzes menschlicher Geisteswerke, Geschichte, Dichtung und Philosophie, und alles dies so, daß es schwerlich eine Geistes- oder Kefühlsstimmung geben könnte, die nicht darin einen entsprechenden Anllang fände." Von deutschen Schriftstellern, die nicht Theologen vom Fach waren, ist aber keiner mit der Bibel in'Luthers Uebersetzung so vertraut gewesen, hat sie so oft zitiert, ihre Aussprüche so häufig angewendet wie Goethe. Es ist merkwürdig, daß Schiller, der so viel weniger Vibelkenntnis und Sympathie für die Bibel batte als Goethe, bei den Juden bis in die neueste Zeit viel populärer war, als dieser. Liegen dem sein größerer Enthusiasmus, sein manchmal orientalischer Schwung und Bilderreichtum oder seine Freiheilsliebe und höhere Sittlichkeit zu gründe? Und rührt Goethes .große Bibelkenntnis von seiner Frankfurter Abstammung her? Aber er scheint den vollen Wert der heiligen Schrift erst im Alter erkannt zu haben. Alle seine Bibelzitate hier anzuführen, würde zu viel Raum in Anspruch nehmen und wäre auch überflüssig. Denn wir besitzen ein sehr lesenswertes Büchlein „Goethe und die Bibel", von Dr. Hermann Henkel, (Leipzig 1890) wozu der Verfasser noch einen Nachtrag in den „Studien zur vergleichenden Literaturgeschichte", Band 1, Berlin 1901 geliefert hat. Von seinem Buche sind 16 Seiten der allgemeinen Einleitung, 33 dem Alten und ebensoviel dem Neuen Testament gewidmet. Goethe zitierte und benutzte die Bibel nicht bloß m seinen literarischen Werken, sondern auch in Briefen und Gesprächen. Manche Stellen hat er, wie Henkel nachweist, mehr als einmal angewendet. So z. V. die bereits erwähnte „goldene Aepfel in silbernen Schalen" fünfmal. H'enkel verdanken wir auch den Nachweis, daß der Anfang des vielzitierten „Wer nie sein Brot mit Tränen aß" (aus Wilhelm Meister) eine Kombination von Psalm VI, 7 und LXXX, 6 ist. Sehr anregend und den Wert der Bibel mit voller Sachkenntnis darlegend, wenn auch geringen Umfanges, (nur 38 Seiten) ist des christlichen Theologie-Professors Dr. Emil Kautzsch in Halle: „Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments." (1902.) Wir haben