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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-05-14 · 20 (14.5.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Dr. Blochs Wochenschrift. nichts für sie wirklich getan. Stolypin brauchte Zeit für die Einführung Europas in Rußland und hatte fast allmächtige Gegner — aber der lichte Riß am Horizont des Ansiedlungsrayons, die leise Hoffnung am Rande ferner Jahre hatten schon die Wirkung einer Befreiungstat. Wahrscheinlich wird Stolypin für die Juden im Laufe der Zeiten auch etwas tun. Er ist nicht ihr Freund, aber ein Freund der Zivilisation. Er ist ein Mann von Wort und hätte die jüdischen Bankiers nicht belogen wie Witte, wenn man ihm Befreiungsgesetze für den Rayon abgekauft hätte. Gerade darum hat er demissionieren müssen, ist gefallen über eine echt russische Ursache. Als er den Generalstab der korrupten Flotte modernisieren wollte, die bei Tschusima wie ein hilfloses Wrack vor den Kanonen der Japaner lag, versagte ihm der Zar die Bestätigung, gestützt auf den rechten Flügel der brüten Duma, für deren zarentreue Färbung Stolypin bei den letzten Wahlen sorgte. Das war seine große Schuld und fast sein Verderben. Denn die ganz Zarentreuen haben ihn beinahe jetzt bei der ihnen wohlgeneigten Krone abzusägen verstanden. Damit wäre aber für lange die Erwartung auf die Erhebung Rußlands zu einem europäischen Staate hinausgeschoben worden. Stolypin der Bedächtige, aber Treue wurde vom Wege nach der Kultur des Westens von einer Kamarilla verdrängt, die triumphierend das von allen Schlangen der Korruption, des Rückschritts, der Knechtung umzüngeltes Medusenhaupt erhob. In den Provinzen sollten wieder die Gouverneure zu unbeschränkten Satrapen werden, in den Städten die Polizeimeister, in den Straßen die Gendarmen und Hooligans. Auch auf die Juden wartete wieder das alte Los, der alte Verzweiflungskampf. Man wirft ihnen immer vor, daß sie die Hauptschuldigen an der Revolution waren. Unter Stolypin, der sie zur Ruhe brachte, indem er ihnen die allerärgsten Grausamkeiten schenkte, hat man die Gerechtigkeit dieser Beschuldigung gesehen. Solange Stolypin das Steuer führte, durften sie erwarten, daß man sie unter Gesetze stellen werde statt unter Ausnahmsgesetze. Wäre er gestürzt, wäre ihr Elend hoffnungslos zu seiner alten Größe emporgewachsen. Die Juden zitterten einige Tage um das bischen Hoffnung auf die Menschlichkeit Stolypins. Kibelschiitzung einst nnd jetzt. Unser hochverehrter Oberrabbiner Dr. Güdemann hat vor kurzem (19. März) in diesen Blättern die Frage: „Wie sollen wir die Bibel lesen?" in seiner uns wohlbekannten sachkundigen und anregenden Weise beantwortet. Gestatten Sie mir, daran anschließend, einiges darüber zu sagen, wie diese unsere Bibel, d. h. das Alte Testament, das jetzt von den sogenannten Ariern die sie nicht verstehen, so geschmäht, von Neubabyloniern, wohl direkten Nachkommen Hamurabis, so herabgesetzt wird, wie einst von den nach Urteil der frömmsten und angesehensten Kirchenlehrer ärgsten gottlosesten Ketzern, den Gnostikern, wie diese unsere heilige Schrift in früheren Zeilen von guten frommen Christen und geistig hervorragenden Männern fleißig gelesen, hochgeschätzt und verehrt wurde. Freilich sind zu ihren alten Gegnern neue hinzugekommen: freisinnige Naturforscher sehen in ihr eine Sammlung phantastischer Mythen, während Feinde des Christentums es minder gefährlich oder zweckmäßiger finden, ihre Angriffe nicht direkt gegen das Neue, sondern auf dem Umwege über das Alte Testament zu richten. Und dann sind es wieder fromme einseitige Christen, welche ihrem Neuen größeren Wert und höheren moralischen Einfluß verleihen zu können glauben, wenn sie das Alte Testament, das den Menschen das „schwere Joch des Gesetzes" auferlegt hat. herabsetzen. Für uns 2uden bleibt es immer, von dem ersten Buche Mosis Seite 351 bis zum letzten der Chronik, das einzige heilige Buch. Und das war es auch den ersten Chrlsten. Nicht bloß, weil sie sich stets bei ihren Disputationen mit Juden, bei ihren Belehrungen von Heiden auf ihre Lehren, auf ihre willkürlich ausgeleglen Prophezeiungen beriefen, sondern weil sie kein einziges anderes heiliges Buch besaßen. Erst als sie, etwa um die Mute des zweiten Jahrhunderts, eine Sammlung der unter ihnen zirkulierenden, noch nicht als inspiriere geltenden Levensgeschichten Jeju, VZundererzählungen, Lehren, Reden, Briefe und Parabeln zusammengestellt hatten, wurden ihnen diese, im Vergleich mit den kanonischen jüdischen, so modernen, größtenteils nur in griechischer Sprache abgefatzten Schriften zum Neuen Testament. Mit diesem Titel werde ich sie in folgendem bezeichnen, während ich für unsere hellige Schrift das Wort Bibel gebrauche, außer da, wo es sich um Hervorhebung des Unterschiedes handelt: da wir einen neuen Bund und ein neues Testament nicht anerkennen. In dem Maße nun, als das Christentum sich ausbreitere, das Reue Testament mit dem Alten an Heiligkeit und Autorität gewann, in dem Maße als Belehrungen viel leichter mit Hilfe der christlichen Staatsgewalt als durch Argumente aus der Bibel sich bewerkstelligen ließen, verlor diese an Ansehen und Verbreitung. Dazu kam noch, daß der grüßte Teil der Neubekehrten das hebräische Original, die im weströmischen Reiche auch die griechyche Uebersetzung, die Septuaginta, nicht lesen könnte. Rur die Psalmen konnten die Christen in ihren Kirchen nicht entbehren. Und dies ist zum Teil noch jetzt der Fall. Auch galt das Psalmenlesen als besonders heilsam. So pflegte der Mönch Dominik, genannt der „Gepanzerte" (gestorben 1062) an manchen Tagen zwei- bis dreimal den ganzen Psalter herzusagen und sich dabei mit Ruten zu schlagen. Während er 10 Kapitel hersagte, gab er sich 1000 Hiebe. Das macht für das ganze Buch 15.000 Hiebe, während schon 3000 gleich einem Jahre Buße gerechnet wurden. In sechs Tagen sagte er zwanzigmal den ganzen Psalter her mit 300.000 Hieben und ersetzte damit 100 Jahre Buße für andere, auf Bestellung. Auch fromme Juden ließen manchmal zum besten Schwerkranker Psalmen rezitieren, aber ohne Rutenstreiche. Die römische Kurie hat noch das Alte Testament so heüig gehalten, daß sie den großen Naturforscher Galilei, weil er, im Widerspruch mit dem Buche Josua, die Bewegung der Erde um die Sonne lehrte, von dem Jnquisitionsgericht einkerkern und zum Widerruf zwingen ließ. Bis zu seinem Tode hatte er Hausarrest und stand unter Aussicht von Delegierten der Inquisition. Alle seine Gnadengesuche wurden vom Papst Urban zurückgewiesen, und Galilei sagte darauf: „Ich dürfte erwarten, Verzeihung und Begnadigung zu erhalten, wenn ich gefehlt härte: denn Fehler sind es, welche dem Fürsten zur Ausübung von Gnade Anlaß geben können, während es sich gegenüber einem unschuldig Verurteilten geziemt, die ganze Strenge aufrecht zu erhallen, um zu zeigen, daß man dem Rechte gemäß vorgegangen sei." Solche Motive sollen auch in neuester Zeit in bezug auf einen unschuldig Verurteilten wirksam gewesen sein — nicht in Rom. Doch kehren wir zur Bibel zurück: Die von her römischen Kirche approbierte lateinische Uebersetzung ward in Westeuropa der einzige authentische unantastbare Tert, obwohl die neubekehrten ungebildeten Germanen, Gallier usw. ihn ebensowenig als den hebräischen oder griechischen verstanden. Es genügte, daß die Priester und Mönche ihn verstanden. Und auch das war nicht immer

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