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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-05-14 · 20 (14.5.1909) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 350 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 20 eigentlich zugute halten. Sie befanden sich offenkundig in einer üblen Situation, in einer solchen, in welcher es recht schwer fällt, die gute Laune und den guten Humor zu bewahren. In den vorbereitenden Sitzungen des „Gememdevundes" haben sie feieruch versichert, daß Hunderte von galizischen Kultusgemeinden hinter ihnen stehen und daß sie nach Hunderten Vollmachten produzieren werden — von Kultusgemeinden, welche für die geplante Zwangsorganisation des österreichischen Judentums einzutreten entschlossen sind. Diesen Beteuerungen hatte man vertraut, diesen Zusicherungen Glauben geschenkt, und, darauf bauend, den Gesetzentwurf — entgegen unserer Warnung und unseres ablehnenden Verhaltens — auf Galizien ausgedehnt. Man hatte sämtliche Kultusgemeinden Galiziens eingeladen, mit Vollmachtsformularien hinreichend versehen und zur Entsendung von Delegierten aufgefordert. Die zionistischen Teilnehmer an der Vorbereitungsarbeit wußten davon, hatten Zeit und Gelegenheit, durch Agitation und „aufklärende Tätigkeit" die Gemeinden in ihrem Sinne zu beeinflussen. Dessen ungeachtet kamen sie zum großen „Gemeindetag" mit leeren Händen, ohne die zuversichtlich angekündigten Vollmachten und Delegierten. Diese Tatsache allein ist hinreichend, die Situation zu beleuchten. Wenn dann noch 227 kleinere orthodoxe Gemeindevorstehungen, und zwar über Anregungen von auswärts — sich dazu verstanden haben, auch einen geharnffchten Protest gegen den Organisationsplan zu unterzeichnen, so war es nach Lage der Dinge durchaus unangebracht, sie vor der Oeffentlichkeit als — Stampiglienfälscher zu verdächtigen und als Betrüger zu diffamieren. Am wenigsten hätten Wortführer aus Galizien solche Anklagen erheben oder auch nur stillschweigend dulden dürfen. Ein jüdischnationaler Wortführer überraschte die Versammlung mit der Tatsache, daß er von einer kleinen galizischen Gemeinde eine Vertretungsvollmacht für den „Gemeindetag" produzierte, welche nachträglich dem Proteste der 227 Kultusgemeinden gegen den Organisationsentwurf sich angeschlossen hat. Sind das wirklich solch unerhörte und unbegreifliche Tatsachen? Anfänglich Kalte der betreffende Vorsteher in der gemeinsamen Organisation keine Gefahr für die Religion zu erblicken vermocht; später erhielt er von den Führern der Orthodoxie in Wien Mahnungen und Warnungen und die eindringliche Aufforderung zu einem Protest. Vielleicht hat er inzwischen auch von der Tatsache Kenntnis erlangt, daß die Gesinnungsgenossen jener Leute, welchen er die Vollmacht erteilt hat, in Wien eine Trauerfeier für die Märzgefallenen am Freitag Abend und eine öffentliche Fahrt nach dem Zentralfriedhof am Samstag Vormittag veranstaltet haben. Wenn ihm nun Bedenken aufgestiegen sind, ob es ratsam sei, auf die Kultusinstitutionen seiner orthodoxen Gemeinde einer Organisation in Wien Einfluß zu gewähren, in deren Mitte vielleicht solche Leute und Parteimänner (sogenannte „Brunnerianer". Anmerk. d. Red.) später einmal das große Wort fuhren könnten, so war dieser Kultusvorsteher mit seinen Erwägungen vielleicht auch nicht gar so sehr hirnverbrannt. Er hat es sich also überlegt und nachträglich den Protest unterschrieben. Kommen solche Dinge außerhalb Galiziens, in dem zivilisierten Westen, niemals vor? Die Anklagen gegen uns zeigen von ebenso wenig Gerechtigkeit, als von Verständnis für unsere besondere Lage in Galizien, und ich möchte zum Schlüsse die geehrten Redner des „Gemeindebundes" nur an das alte Wort der Talmudisten erinnert haben: „Verurteile nicht deinen Nächsten, ehe du in seiner Lage bist gewesen." Mit der Bitte um Aufnahme der vorstehenden Zeilen verbleibe ich, ganz ergebenst Ein. galizischer Kultusvorsteher. A«s Rußland. Der russische Ministerpräsident wollte abdanken. Der italienische und spanische Ministerpräsident danken auch,ab, aber das erregt kaum Aufmerksamkeit, geschweige denn Spannung. Diesmal aber fühlte sich das gebildete Europa bewegt. Denn Stolypins Sturz wäre der Regierungswechsel eines Systems, genau umgekehrt wie er jetzt in der Türkei erfolgte. Irgend ein Jünger des großen Reaktionärs Pobjedonoszew stand schon mit seinen allrussischen Pogromhäuptlingen im Hintergrund, um das Erbe eines Mannes anzutreten, dessen Namen vielleicht für das Zarenreich der Beginn der Neuzeit sein wird. Rußland, das so viele Bombenfabriken hat als Universitäten und Kaminschlote, Rußland, dessen Bauern und Juden von der Tyrannei der Herrschenden stets in revolutionäre Verzweiflungsakte hineingepeitscht wurden, war seit Monaten so ruhig wie irgend ein zivilisierter Staat des Westens. In Frankreich geschahen mehr Attentate als in Petersburg. Woher kam das? Das Ansehen, die Ehre, der Wille eines einzigen geradlinigen und ehrlichen Mannes waren daran schuld und dieser Mann heißt Stolypin. Der russische Ministerpräsident, der schließlich in seinem Amte verblieb, gilt als ein Mann des sozialen Fortschrittes in jeder Form. Aber er ist kein Stürmer und Dränger. Seine Arbeit glich vielmehr der unhörbaren, unsichtbaren Arbeit der Wasseradern in den Bergen, deren zähe Geduld und Unablässigkeit schließlich die schwersten Felsen sprengt. Was er wollte, zeigte er aller Welt und er gewann großes Vertrauen, weil er sich selber treu blieb. Stolypin hatte das Programm der naturgemäßen Entwicklung und verbrauchte seine Kraft nicht für Phantasien. Für den Umsturz und die Gewalt war er nicht zu haben. Uneingeschüchtert durch das seinerzeitige Nihilistenattentat auf seine Sommervilla zeigte er den Revolutionären stets die Faust. Allerdings war er nicht für die Schlächtereien der Feldgerichte, für das administrative Verfahren und für alle derartigen Greuel, sondern für die ordentlichen Instanzen und maßvolle Gerechtigkeit. Er konnte den barbarischen Tschinnowniks ihre Methode nicht so rasch abgewöhnen, aber es . ging immerhin auch in dieser Beziehung mit kleinen Schritten vorwärts.. Die Rubrik der Todesurteile in den Blättern wurde merklich kleiner, langsam erhob sich das Gesetz über die Willkür in Justiz und Verwaltung. Denn ebenso wie gegen die Revo-, lutionäre machte Stolypin energisch Front gegen die Reaktionäre. Die Gouverneure und Polizeimeister begannen seine zähe Hand zu fühlen, er trieb die Korruption in den G,?- richtssaal, wo er sie fand. Die zweite Feindschaft, die gegen die Rückschrittler, besiegte die erste, die gegen die Radikalen. Obwohl Stolypin den Revolutionären nicht uachgab, erlosch dennoch die Revolution. Eine merkwürdige, aber in der Weltgeschichte unwandelbare Tatsache wurde bewiesen. Es zeigte sich, daß ein Volk nur einen Schimmer von Hoffnung braucht, um mit der unglaublichsten Geduld auf eine friedliche Erlösung zu warten. Hätte Ludwig XVI. seinem Volke nur den Hafer zum Brote gelassen, wäre er in seinem Bette gestorben statt auf dem Schaffot. Hätte Metternich den Wienern ein bischen Freiheit auch nur versprochen, so wäre 1848 nur ein Datum im Kalender gewesen statt in der Weltgeschichte. So durfte Stolypin gegen den Anarchismus Vorgehen wie er wollte. Das Volk blieb ruhig, in den Fabriken wurde wieder gearbeitet, an der Universität wieder studiert, bloß weil man dem Ministerpräsidenten vertraute und vertrauen durfte, daß er in ferner Zukunft die allerärgsten Ecken und Härten der tyrannischen Selbstherrschaft abschleifen werde. .Auch die Juden, denen in ihrem Käfig, ihrem vergitterten Ansiedlungsrayon der Gouverneur und das künstlich hervorgerufene Elend immer wieder -den. Browning und die Bombe in die Hand drückten, ließen siH das Schicksal gefallen, wie es kam, bloß auf die in dunstigen Worten zugesagte Erleichterung ihrer Lage. Man hat

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