Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 34g Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 19 der Prophet Elijahu als der Vorläufer des Messias und wild gauz und gar nicht als Mann des passiven Duldens, sondern als Mann der kraftvollen Tat gedacht. Es ist wahrscheinlich, daß die Verbindung beider Sagen miteinander auf einem krassen Mißverständnisse beruht. Es wird nämlich im Evangelium Matthäus erzählt, daß Christus am Kreuze in den Schmerzensruf ausgebrochen sei: „LU, eli! lomoh azabtani!" „Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!" Die des Hebräischen unkundigen, römischen Soldaten riefen bei den Worten: LU, eli! hört, er ruft den Elija an, daß er ihm helfe. Ob nun diese Annahme richtig sei oder nicht, so beruht die Verbindung beider Sagen auf einem inneren Widerspruche. Wie schon erwähnt, stellt der ewige Jude nach christlicher Ueberlieserung das Symbol der Ruhelosigkeit und ewigen Leidens dar, währenddem im jüdischen Volksbewußtsein mit der Person des Elija gerade das Gegenteil, die Erlösungsidee, der Begriff des tätigen Wirkens untrennbar verknüpft ist. In dieser Version scheint die Sage eine Ausgeburt kranker und zügelloser Phantasie zu sein, denn das Judentum hat in der dumpfen Entsagung, in der kraftlosen Ergebung, im Martyrium und in der Paffion niemals Großes und Erhabenes gefunden. Selbst der fromme Hiob lehnt sich empört auf gegen das Walten eines blindwütenden Schicksales, wie wir das Gleiche auch in der griechischen Mythologie finden, wo Niobe, Lackoon sich nur widerstrebend in ihr unverschuldetes Geschick fügen. Wenn wir nun bedenken, daß im indischen Buddhismus, im Christeutume und zum Teil auch im Islam das Leiden, Entsagen und Versinken im Schmerze unter den Bezeichnungen: Mirwana, Pönitenz, Kismet, Fatum den Triumph und Sieg der Idee über das irdische Schicksal darstellen, so läßt sich die Annahme der Erfindung der Sage vom ewigen Juden durch christliche Autoren unschwer begründen. Trägt doch die erwähnte Sage den Stempel christlicher Anschauungen über die Juden in und an sich. Der Phantasie des Orients scheint sie schon darum nicht entsprungen zu sein, weil das Judentum als solches, bei den islamitischen Völkern keineswegs als etwas Verächtliches und Inferiores betrachtet wurde, sondern als ein Bekenntnis, würdig der Ehre und Achtung. Die Schicksale der Juden unter der Herrschaft der orientalischen Völker weisen im Allgemeinen auch keine derart erschütternden Dramen auf, wie dies inmitten der christlichen Vöcker der Fall war. Hier möchte ich noch auf eine bemerkenswerte Auffassung der Alten Hinweisen, weil sie ein treffendes Schlaglicht auf unsere Sage wirft. Diese Auffassung kommt besonders in den Werken der griechischen Tragiker zum Ausdruck und schildert das dunkle, ins Verderbnis ziehende Verhängnis, welches die Folge übermütigen Mißbrauches der Gewalt ist. Dieses fatale Verhängnis wurde mit dem Namen Hybris bezeichnet. In der Sage vom ewigen Juden finde ich die Einwirkungen der vorerwähnten Hybris, welcher Anschauung, die scholastischen Schriftsteller vielleicht unbewußt folgten, als sie diese Sage mit allen ihren Varianten in die Welt setzten. Diese Scholastiker erblickten in den Juden dasjenige Volk, auf welchem seit den ältesten Zeiten der schwere Fluch der antiken Hybris zu lasten schien. Für den angeblichen Mißbrauch ihrer Macht gegen Christus verfolgt sie eine Hybris der Völker, gemischt aus religiösem Fanatismus, instinktartiger Raffenabneigung und unausrottbarer Rachsucht. So mochte der Erfinder der an und für sich poetischen Sage, sich das Walten der Hybris bezüglich der Juden vorgestellt haben. Somit wurde mit dem ewigen Juden nicht bloß eine legendäre Einzelperson gemeint, sondern figürlich das ganze Volk der Juden, welches, unter den Völkern wandernd, niemals wirkliche Rast noch Ruhe findet. Daß diese Auffassung mit den christlichen Anschauungen über die Juden übereinstimmt, geht aus manchen Tatsachen he: vor. So finden wir selbst in der offiziellen Kirchensprache, daß der Jude mit dem Attribute p e r f i d u s in den Gebeien bezeichnet wird, d. i. als ein Mensch, der weder Treu noch Glauben verdient, und wird noch heute am Charfreitage in den katholischen Kirchen gebetet: „Orewus et pro perückis Judais.“ Aber auch andere geschichtliche Tatsachen beweisen zur Genüge die Feindseligkeit, mit welcher die Juden zu allen Zeiten von den Anhängern der „Religion der Liebe" behandelt wurden. Ueber das Leben und Vermögen der Juden bestimmten Jahrhunderte hindurch Konzile, päpstliche Bullen und Gesetze der Fürsten. Papst Jnnocenz III. dekretierte, daß das ganze Volk der Juden, seiner Schuld an Christo wegen, zu immerwährender Sklaverei vor Gott und Menschen bestimmt sei. Thomas von Aquino, eine der größten Leuchten der katholischen Kirche, lehrte, daß die Fürsten über das Vermögen der Juden wie über ihre eigenen Güter frei verfügen könnten. Dies war die praktische Umwertung und Anwendung der Sage vom ewigen Juden, der für seine Schuld gestraft werden müsse. Nach dem „Schwabenspiegel" habe der König Titus die Juden zu eigen gegeben „in des Reiches Kammer" (Kammerknechte). In Toulouse, Beziers, Worms wurden alljährlich am Palmsonntage die Vorsteher der Judengemeinden, als die öffentlichen Vertreter des Judentums, wegen des angeblichen Verbrechens an Christo öffentlich beschimpft, verhöhnt und gepeinigt. (Die Vorsteherschaft war also schon damals ein angenehmes Amt.) Und dieser ewige Jude lebt noch heute, trotz tausendjähriger Bedrückung und Rechtsverkürzung. Er kann mit Recht die Worte eines spanischen Rabbis auf sich anwenden, welche er vor der Austreibung aus Spanien im Jahre 1492 seinen Bedrückern ins Gesicht schleuderte. Sein Ausspruch lautete: „Wir sind ein gesegnetes uud zugleich auch mit Fluch beladenes Volk. Ihr wollet uns ausrotten, was euch nie gelingen wird, denn wir sind gesegnet; ihr werdet uns dereinst emporheben wollen, aber auch dies wird euch nicht gelingen, denn wir sind verflucht." Die Worte dieses Rabbi waren begründet, denn tatsächlich begleitete den Juden stets ein Fluch, der Fluch, welcher in dem mangelnden Gerechtigkeits- und Billigkeitsfinne der Völker gegen Israel besteht, der den Bekennern der mosaischen Religion nie einen Schmerz, nie eine Träne, nie eine Kränkung ersparte. Möge man ihre Vorzüge noch so sehr anerkennen, ihrer Enthaltsamkeit und Mäßigkeit, ihrem wohlgeordneten innigen Familienleben noch so viel Lob zollen; immer und ewig haftet ihnen in der christlichen Auffassung das dogmatische Vorurteil von der angeblichen Erbsünde an, welche vom ewigen Juden auf jedes einzelne Mitglied dieser Nation übertragen wird. Nach all dem Erwähnten ist es nun klar, daß die Sage vom ewigen Juden, zahlreiche Züge von Mißachtung und Ungerechtigkeit, falscher Verdächtigung und übelangebrachten Bedauerns enthält. Als solche ist sie schädlich, da sie geeignet ist, Mißtrauen und Haß gegen ein Volk zu erzeugen und zu nähren, welches als moralischer Weltpol — sich um die Menschheit unverwelkliche Verdienste erworben hat. Mißtrauen und Haß jedoch sind Gefühle, ebenso traurig für den, der sie hegt, als demütigend und erbitternd für den davon Betroffenen. Die Menschheit steht heute auf einer höheren Warte der Humanität und Gerechtigkeit als in vergangenen Zeitläuften, darum sollten alle Dichter und Denker, deren Wahlspruch das Wort der Sophokleischen Antigone ist: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!" endlich einmal der Ewigkeit dieser Sage vom ewigen Juden das wohlverdiente Ende bereiten. Nathan Schwarz. Literatur. Jonathan und Tirzah. Drama in vier Akten von Samuel Berthold Rosner. Miava, im Selbstverläge des Verfassers. Ein Drama aus der Zeit des großen jüdischen Aufstandes in Jerusalem. Im Rahmen einer weiten historischen Handlung spielt sich die Tragödie einer Liebe zwischen Jonathan und Tirzah ab. Sie nimmt einen so breiten Raum ein, daß alles andere nur Hintergrund bleibt. Schon der Titel deutet ja darauf hin, daß wir es mit einer Liebesgeschichte zu tun haben. Es ist ein leises Anklingen an Lessings Nathanmotiv, sowohl in der Gestalt des Patriziers Rabbi Josef Hanadib, als noch viel mehr bei Tirzah, seiner Pflegetochter, doch nicht so, daß es