Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 345 deutet. Frau von Wechselmann hat nicht nur an der Errichtung mehrerer Millionenstiftungen ihres verstorbenen Gatten mitgeholfen, sondern seit dem Tode desselben selbst eine ganze Anzahl wohltätiger Stiftungen geschaffen und Wohlfahrtsanstalten gefördert. Die jüngste großartige Tat der Frau von Wechselmann auf dem Gebiete der öffentlichen Wohltätigkeit war die Gründung einer Blindenanstalt in Budapest. Aus Anlaß der kaiserlichen Auszeichnung kamen Frau von Wechselmann zahlreiche Gratulationskundgebungen aus den höchsten Gesellschaftskreisen Ungarns zu. Triest. In A b b a z i a haben für den Friedhof gespendet: Familie Gelles, Abbazia Kronen 50.—, Samuel Deutsch. Budapest 50.—, A. Juer, Wien 50.—, Ignatz Seemann, Budapest 50.—, Darkaw 50.—, Sarah Schreiber .Drohobycz 50.—, Nagel u. Wortmann, Abbazia 50.—, Kurarzt Dr. S. Ebel, Abbazia 50.—, Ernst Marie, Raab 30.— , Ignatz Sommer, Budapest 30.—, Max Wolf, Györ Kronen 30.—. Summe Kronen 490.—. Tarnopol. (KonstituierungdesGemeinder a t e s.) Bei der Konstituierung des neuen Gemeinderates wurden einstimmig Dr. St. Mandel zum Bürgermeister und Dr. Julius Viktor Landesberg, Advokat und Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, zum Vizebürgermeister gewählt. Auszeichnung von Juden. Auf dem Jahreskongretz der Association du Merite in Paris wurden von dem Bevollmächtigten des Ministeriums, Herrn Clavilier, die Auszeichnungen verkündet, welche die Regierung den Personen verliehen hat, die sich um die Landwirtschaft verdient gemacht haben. Unter den Berücksichtigten finden sich auch folgende Juden: Zum Offizier du merite agricole wurde ernannt Herr Henri Hirsch, Direktor des Laboratoriums Pasteur in Stuttgart, zum Chevalier du merite agricole Herr Alfred Lamp in Vic sur Seille in Lothringen. Feuilleton. Der ewige Jude. Die Geschichte der neueren Inden ist tragisch, und schreibt man über dieses Tragische, so wird man noch ausgelacht, das ist das Allertragischste. (H. H e i n e.) Eine der ergreifendsten Sagen, welche von Dichtern und Denkern in stets neuer Beleuchtung dargestellt wird, aber auch im Jdeenkreise der europäischen Völker in zahlreichen Variationen auftritt, ist die vom ewigen Juden. Die Blicke der Forscher find nicht achtlos an dieser Leidensgestalt vorübergegangen, aber selbst die gründlichsten Untersuchungen über den Ursprung und die Verbreitung, sowie über ihre im Laufe der Jahrhunderte erfolgten Umgestaltungen und Transformismen haben bisher zu keinem befriedigenden Endergebnisse geführt. Nur so viel steht fest, daß die Sage im Mythenschatze der europäischen Völker Aufnahme gefunden hat. Es sei mir gestattet, die verbreitetsten Anfichten über diese uns besonders interessierende Sagengestalt zu resümieren, die ursprüngliche Bedeutung der Mythe näher zu beleuchten und den Einfluß der fortgesetzten Umgestaltungen zu ermitteln. Vor allem sei festgestellt, daß die Sage vom ewigen Juden dem eigentlichen Oriente fremd ist, merkwürdigerweise in den orientalischen Sagensammlungen und in den ältesten deutschen Volksbüchern gar nicht vorkommt. Hieraus ließe fich folgern, daß sie im Abendlande erfunden und aller Wahrscheinlichkeit nach von irgend einem mittelalterlichen Mönche erdichtet und in Umlauf gefitzt wurde. Diese Annahme ist umso gerechtfertigter, als diese Sage ihrer Tendenz und Wesensart nach nichts anderes ist als ein Ausdruck des ewigen Antagonismus zwischen dem Christen- und Judentum?, eine Art Illustration für die Theorie der Erbsünde, welche dem Juden einen Makel anheften sollte, von dem er sich nicht befreien, eine Sünde andichten, die ihm nicht vergeben werden kann. Dieser Auffaffung mochte der Erfinder der Sage, wahrscheinlich ein fanatischer Mönch aus der Reformationszeit, wohl Ausdruck geben wollen, als er die Zähigkeit und Unausrottbarkeit bes biblischen Volkes, welches seit der Zerstörung Jerusalems, einem Volksgespenste gleich, durch alle europäischen Länder irrte, in der Gestalt des Ewigen Juden personifizierte, indem er diesen als Vertreter des jüdischen Volkes, zur Strafe für das an Christo angeblich begangene Verbrechen, gleichsam als abschreckendes Beispiel darstellte. Unerfindlich wird es wohl bleiben, warum er ihm den Namen Ahasver beilegte, welcher Name bei den Juden ziemlich in Mißkredit gestanden ist. Erinnerte fie doch dieser Name an den despotischen Perserkönig Achaschwerosch, deffen Tyrannenlaune das Purimfest seinen eigentlichen Ursprung verdankt. Der Name Kain wäre als Symbol für das Unstäte und Flüchtige bezeichnender gewesen, bezweckt doch die Sage die Ruhelosigkeit und Unrast des nach Anschauung unseres Sagenerfinders fluchbeladenen jüdischen Volkes zu kennzeichnen. Auch RobertHammerlinghatin seinem „Ahasverus in Rom" den ewigen Juden in diesem Sinne aufgefaßt, für ihn ist der Ewige Jude „das erste Menschenkind und der erste Rebell, der in die Welt den Tod gebracht". Ahasver ist also in Wahrheit der ruhelos wandernde Kain. Auerbacher erzählte vom Ewigen Juden im Münchener Volksbüchel (1837): „Christus mit dem Kreuze belastet, will vor Ahasverus' Tür einen Augenblick ausruhen, doch der Jude stößt ihn zurück worauf Christus spricht: „Weil du dem Menschensohne keine Rast vergönnt hast, darum sollst du rastlos irren und wandern, bis ich wiedertommen werde". Dieser Fluch soll nun an Ahasver fich erfüllt haben, und seit jener Zeit irrt er unstät und flüchtig umher — eine wandelnde Elegie. Nach den ältesten Quellen erzählt zuerst vom ewigen Juden Matthäus Paris in der Historia anglica 1228, er nennt ihn aber Cartophilus, was Archivar bedeutet. Dieser Cartophilus sei bei Pilatus Türsteher gewesen und habe Jesu, bei seinem schweren Gange nach Golgatha (Schädelstätte) spöttisch auf die Achsel geklopft und ihm zugerufen: „Gehe schneller!" Jesus soll hierauf geantwortet haben: „Ich will gehen, du aber sollst warten und wandern, bis ich wiederkommen werde". Seit jenem Tage irrt Cartophilus durch die Welt, wartend auf den jüngsten Tag. an welchem er erst Ruhe finden wird. Dieselbe Geschichte wiederholt auch Moesken in einer flandrischen Reimchronik und Chrysostomus Daduläus (1617) erklärt sogar in der „Newen Zeitung vom Juden Ahasverus". daß im Jahre 1547 in Danzig und 1601 zu Lübeck ein uralter, schlecht gekleideter, gespenstisch aussehender Mann, mit gramdurchfurchten Zügen, mit langem, bis zum Gürtel herabwallendem weißen Barte aufgetaucht sei, der von sich behauptete, einst als Schuster in Jerusalem zur Zeit Christi gelebt zu haben und von ihm verflucht worden zu sein. In diesem Büchlein spricht Daduläus eingehend über diesen Mann, „welcher fürgibt, bei der Kreuzigung Christi gewesen und bishero von Gott, dem Allmächtigen bei dem Leben erhalten zu sein" und setzt noch hinzu: „mit glaubwürdigen Historien und Exempeln illustriert". In den scholastischen Schriften des Mittelalters war der ewige Jude unter dem Namen Gregorius und Bettad e u s bekannt, in einer Brüsfeler Chronik als I s a k Laguedem. Auch die Kreuzfahrer brachten von ihm Kunde unter dem Namen Zarib ibn Elia" und soll er im Jahre 16 der Hegira, d. i. im Jahre 638 nach Christi, einem arabischen Feldherrn begegnet fein. Kenner des Orients bestreiten die Glaubwürdigkeit der Sage und behaupten, daß fie eine freie Erfindung der Kreuzfahrer gewesen sei. Interessant ist hier bloß die Verbindung der Sage vom ewigen Juden mit den jüdischen Ueberlieferungen über Elijahu, den Propheten aus Tisbi. Die Berküpfung beider Sagen miteinander ist gänzlich unzutreffend und unbegründet. Gilt doch