Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021838--18291-3043211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 326 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 19 kleinen Häuflein, mit welchem er im Juli des Vorjahres in die Berge zog, niemals den großen Erfolg gehabt ohne den zustimmeuden Jubel der Bevölkerung. Die in Konstantinopel geschlagenen Jungtürken hätten wohl niemals das von Hodschas aufgereizte Korps von Saloniki gegen den Jildis in Marsch gebracht ohne den zustimmendeu Jubel der Bevölkerung. Der Bevölkerung in der Judenfladt Saloniki, wo mau niemals wissen konnte, ob der Sultan nicht doch die Oberhand gewinnen uud sich au der Stadt und den Juden furchtbar rächen werde. Wo man niemals wissen konnte, ob von den jüdischen Freiwilligen auch nur ein einziger zurückkehren werde. Wo zu befürchten war, daß so wie in allen anderen Ländern die tätige Freiheitsliebe der Juden dm Antisemitismus der bisher liberalen Regierung wecken werde. Aber mau nahm keine Rücksicht aus Furcht oder Klugheit. Man ließ sich von keinerlei Egoismus zurückhalten. Wie bei den abendländischen Brüdern schlug man sich ohne zages Bedenken für die Freiheit, die man nicht im Kopf, sondern im Blut und Herzen hatte in Saloniki, der Judeustadt. Allgemeiner Oesteereichisch -Israelitischer Gemeindetag. Dienstag, den 4. Mai, 10 Uhr vormittag, begann im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 4, der vom „Allgemeinen Oesterr.-Jsrael. Bund" einberufene diesjährige „Gemeindetag", der Dank der energischen zielbewußten Leitung einen überaus würdigen Verlauf nahm. Auf der Tagesordnung stand: „Beschlußfassung über den vorgelegten Entwurf zur Schaffung einer autoritativen Eesamtorganisation der Juden Oesterreichs." Im Laufe von zwei arbeitsreichen Tagen wurde der Entwurf durchberaten und mit einigen unwesentlichen Aenderungen zum Beschlüsse erhoben. Ein vorstechendes Merkmal dieser Tagung war die Abwesenheit jedes Vertreters irgend einer galizischen Kultusgemeinde. Sämtliche Kultusgemeiuden Westösterreichs uud der Bukowina haben Mandatare entsendet, von Galizien nicht eine einzige. Die Großgemeinden, wie Lemberg und Krakau, haben in ausführlichen Darlegungen erklärt, daß sie zu einer gemeinsamen, aber freiwilligen Arbeit in der bisherigen Form des „Gemeiudebundes" gerne bereit, daß sie aber der geplanten staatlichen Zwangsorganisation sich zu unterwerfen nicht gewillt sind. Den gleichen Standpunkt nehmen auch die anderen Großgemeinden Galiziens ein, welcher zweifellos von Rücksichten auf die politischen Machtfaktoren des Landes eingegeben ist. Aber auch die kleineren Gemeinden Galiziens haben sich von der Beteiligung ferngehalten. In diesen Gemeinden sind orthodoxe Majoritäten maßgebend und sie befürchten, durch eine Zwangsorganisation, die sie mit dem neologen fortschrittlichen Westen zusammenkettet, dem neologen Einfluß zu verfallen. Das darf nicht überraschen, denn auch die Vertreter der orthodoxen Minorität im Westen selber wehren sich gegen die einheitliche Zwangsorganisation. Da die Versammlung keine Souveränität besitzt und sie lediglich beschließen kann, im Wege einer Petition den ausgearbeiteten Organisationsentwurs der Negierung mit der Bitte zu unterbreiten, denselben den beiden Häusern des Reichsrates vorzulegen, so ist es klar, daß man über die 900.000 Juden Galiziens nicht Beschlüsse fassen darf, ohne ihre legalen Vertreter eiuvernommeu zu haben. Angesichts des einmütigen ablehnenden Verhaltens der galizischen Gemeinden waren sowohl der Präsident der Brünner Kultusgrmeiude Doktor H. F i a l l a, als auch der Präsident Herr Dr. Sonnenschein aus Troppau in Nebereinstimmuug mit dem Vorsitzenden, Präsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, der Auffassung, welcher sie in einem Antrag Ausdruck gegeben haben, die Organisation zunächst bloß für die westlichen Länder Oesterreichs zu schaffen und den Gemeinden Galiziens es frei zu lassen, sich der Organisation nachträglich anzuschließen. Während der eventuellen Beratung des Gesetzes im Reichsrat werden die Führer Galiziens hierfür noch hinreichend Zeit haben. Durch die Abstinenz Galiziens sollen die westlichen Juden in ihren Bedürfnissen und Interessen nicht geschädigt werden. Im Laufe ins Tages erschien Herr Schreiber aus Drohobycz und überbrachte dem Präsidenten eine Protesterklärung von 207 galizischen Gemeinden gegen die geplante Zwangsorganisation. Nachdem man niemanden zur Liebe zwingen und gegen den eigenen Willen glücklich machen darf, so haben die beiden vorgenannten Redner mit einleuchtenden Argumenten dafür plaidiert, von der Eingliederung Galiziens vorläufig abzusehen und ihm den nachträglichen Beitritt offen zu halten. Allein die in der Versammlung anwesenden drei zionistischen Wortführer aus Galizien, die Herren Doktor B r a u d e, die Abgeordneten Dr. Gabel und Stand, erklärten, die galizischen Volksmassen wären alle für die gemeinsame Zwangsorganisation begeistert, die vorliegenden Proteste der Gemeinden seien Schwiudelprodukte und Fälschungen, in Galizien habe jeder halbwegs gutsituierte Mensch eine Gemeindestampiglie in der Tasche, um nach Bedarf Proteste zu fabrizieren!! Noch nie wurde in einer jüdischen Versammlung vor Vertretern des jüdischen'Westens über galizische Juden soviel Nachteiliges, Abfälliges und in solch geringschätzenden Ausdrücken gesprochen als auf diesem jüdischen Bundestag. Allein diese Urteile und Aburteile über unsere galizischen Brüder vernahm man vornehmlich in den Reden und aus dem Munde der Herren Braude und Gabel. Sie erklärten sich für die Einzigen, welche über die Stimmungen und - Strömungen innerhalb der Million galizischer Juden wahrheitsgemäß informiert sind und wahrheitsgemäß berichten. Welches Ausmaß von Vertrauen diese drei Herren bei der jüdischen Bevölkerung Galiziens genießen, wie winzig der Einfluß, den die Herren selber auf ihre Konnatioualen und Landsleute sich zumuten, konnte man erfahren, als sie dem Präsidenten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern allen Ernstes und mit starkem Nachdruck den Vorwurf zuschleuderten, daß er allein an der Situation schuld sei, weil er es verabsäumt habe, nach Galizien zu gehen, um dort in öffentlichen Versammlungen die „irregeleiteten", jüdischen Massen „aufzuklären". Lächelnd antwortete darauf der greise Präsident der Kultusgemeinde, er habe geglaubt, daß eine solche Aufgabe am besten die Herren aus Galizien selber besorgen können und zu besorgen hätten. Herr Dr. Gabel ruft in einer hitzigen Rede dem Präsidenten des Wiener israelitischen Kahals zu: „Sie müssen uns helfen, Sie dürfen uns nicht fallen lassen". Allein der Präsident antwortet mit dem Hinweis, daß es doch nicht Sache und Aufgabe des Wiener Kultusvorstandes sein kann, in den internen Streit der jüdischen Parteien Galiziens einzugreifen. Trotz alledem wurde der vernünftige Antrag F i a l l a - S o n n e n s ch e i n von der Versammlung abgelehnt. Dr. Bloch stimmte für den Antrag. Nichts ist in solchen Sachen schädlicher als die Gewaltpolitik, welche erfahrungsgemäß das Gegenteil von dem erzielt, was man sich von ihr verspricht. Wir fürchten sehr, daß der Versuch, die jüdischen Gemeinden Galiziens in die Organisation mit Gewalt einzuzwängen, das ganze Werk zum Scheitern bringt, während der vorläufige Ausschluß Galiziens eine stufenweise, allmälige Entwicklung ermöglicht hätte. Nachstehend der Bericht über die Verhandlungen: \