Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. IS Dr. Bloch’s Jahrgang IXil Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -□. - Wim, 7. Mai 1909 Brscbetnt jeden Freitag. ' Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. o u =D o "P Vrprgsprris für Oesterreich: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal- 2 tene Petitzeile 24 Heller. G O O 'rOQ og p O o Q D. k. Postsxarkasterramt Slearing-Verkebr Mr. S10.S76. Redattton und Administration: 9 Wien u/i, Hahngasse Nr. 15. _ Telefon Nr. 14.847. w OQ ■ . ■ ■ ■■ -Oo Inhalt: Leitartikel: Saloniki, die Stadt der Freiheit. — Allgemeiner Oesterreichisch-Jsraelitischer Gemeindetag. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Oesterreichische Finanziers im Dienste des Staates. Ein jüdisches Militarkorps in England. Die Kunst im Leben des jüdischen Kindes. Baruch Spinozas wahres Bildnis. — Die Verfassung der jüdischen Religionsgemeinschaft in Preußen. Die Wiener Juden im Jahre 1809. — Korrespondenzen: Festgottesdienst im türkisch-israelitischen Tempel. Berlin. Professor Dr. Benno Badt. Carassa in der jüngtürkischen Bewegung. Petersburg. Die Richtung der russischen Auswanderer Aufklärende Vorlesungen auf Emigrantenschiffen. Die hebräische Sprache als Prüfungsgegenstand in den amerikanischen Mittelschulen. New-Aork. Eine erschütternde Szene auf Ellis Island. — Vermischtes. — Feuilleton: Der ewige Jude. — Literatur. — Neue Bücher. Inserate. Saloniki, die Stadt der Freiheit. Das schlaue Spiel der großen Jildisschmarotzer und Sultanspione ging für sie verloren. Einige von ihnen haben dabei den Kopf verloren, Abdul Hamid den Thron und die Freiheit. Man hätte nicht gedacht, daß das Ende so rasch kommen werde. Als die sultantreuen Truppen Konstantinopels ihre Offiziere niedergemetzelt, das Parlament zerniert, die Verfassung fast abgefchafft hatten, da hatte es den Anschein, als könnte sich die jungtürkische Bewegung von diesem Schlage nie mehr erholen und als würde die Türkei neben Rußland auf absehbare Zeit ein Reich der Alleinherrschaft und Tyrannei bleiben. Aber dann kam das große Duell zwischen Saloniki und Konstantinopel, der grandiose Zug der zornfiebernden Rächer, die in der Flamme ihrer Wut in Stunden vollbrachten, wozu sonst Kriegsheere Wochen brauchten. Dreißigtausend Gewehre retteten die von sechstausend Gewehren bedrohte Verfassung und die Herrschaft, die den Jungtürken nur scheinbar entglitt, ging den türkischen Klerikalen und Reaktionären tatsächlich verloren. Keiner wird es mehr wagen, in der Hauptstadt der Türkei dunkle Umtriebe anzuzetteln. Denn Konstantinopel hat einen Wächter, einen unbestechlichen, tapferen und kraftvollen Wächter: Saloniki. Diese Provinzstadt ist die Burg, welche die Straße des öffentlichen Lebens in der Türkei beherrscht. .Jedes Herz und jede Waffe darin gehören der Freiheit und sie werden diese so tapfer zu verteidigen wissen, wie sie sich immer im aufreibenden Bandenkrieg in Mazedonien und jetzt beim Sturme gegen die Kasernfestungen am Goldenen Horn bewährten. Mag Mehmed V.. mögen die Ratgeber des neuen Sultans welche Absichten immer haben, es ist nichts von ihnen zu fürchten, so lange Saloniki die Garantie der Neuzeit und des Fortschrittes bedeutet., Saloniki, die Judenstadt. Das ist bemerkenswert. Von den 150.000 Einwohnern der Hafenstadt sind die Hälfte sephardische Juden, die in allen Berufen beschäftigt sind, bekannt durch ihre Bildung, vielleicht mehr noch durch die weltberühmte Athletenkraft der ausschließlich jüdischen Lastträger. Als kürzlich die jungtürkischen Truppen gegen Konstantinopel zogen, waren sehr viele der Salonikier Juden unter den begleitenden Freiwilligen, wie man überrascht den Zeitungsmeldungen entnahm, die zugleich von der Tapferkeit dieser Juden zu berichten wußten. Das war neu für die Türkei, aber nicht für die Weltgeschichte. Saloniki, die Judenstadt, war und bleibt ein Hort der Freiheit wie jedes Haus, wie jeder Ort, den Juden jemals bewohnten. Sind nicht von Jerusalem der Freiheitsgedanke, nicht das verfassungsmäßige Gesetz, nicht die Menschenrechte auch für den Sklaven ausgegangen? Diese große Tradition haben die Juden in die Verbannung mitgenommen und vieltausendfach mit ihrem Blute besiegelt. Wo ist das Land, wo in den Kämpfen des Jahres 48 Juden nicht in der ersten Reihe standen und ihrem Ideal ihr Blut zum Opfer brachten? Die Politik, die Poesie, die Publizistik der Juden hat stets nur der Freiheit gegolten. Für die Freiheit sind ungezählte Juden in Rußland gefallen, sterben sie zollweise in den Bergwerken Sibiriens. Seitdem man um Ideale kämpft, in der ganzen modernen Zeitgeschichte wird nirgends der Name der Frecheit genannt, ohne daß der Name eines Juden daneben steht. Immer war die Judenstadt ein Saloniki des Fortschrittes und waren jüdische Freiwillige in den ersten Reihen der Freiheitskämpfer. Hämische Antisemiten haben schon ihr Argument bereit: Niemals hätten die Juden für die Freiheit schlechtweg gekämpft, sondern immer nur für ihre Freiheit. 48 ebenso gut wie jetzt in Rußland, waren sie nur darum bekümmert, ihr niedergedrücktes Sklavenleben aufzurichten und zu verschönern. Sehr gut. Was aber war jetzt in der Türkei? Der entthronte Abdul Hamid II. war nicht nur kein Feind, er war sogar ein erklärter Freund der Juden und hat ihnen viele Beweise seines Wohlwollens gegeben. Während die revolutionären Armenier massakriert wurden, während fast gegen alle christlichen Völkerschaften in der Türkei zeitweise ein Zustand großer Erregung herrschte, hob sich niemals ein Wort oder eine Hand gegen die Juden. Diese hätten ein großes Interesse an dem Fortbestand einer Herrschaft gehabt, unter welcher ihr Wohlergehen gesichert war. Aber sie schlugen sich ohneweiters auf die Seite und an der Seite der Verfaffungskämpfer, als die Freiheit in Gefahr war. In ihrem Saloniki ist die Neuzeit der Türkei von Niazi Bey Proklamiert worden. Dieser tapfere Soldat hätte mit seinem