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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-30 · 18 (30.4.1909) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seitr 322 Nr. 18 Dr. Blochs WochenschM. drapierte Synagoge getragen, wo sich bereits ein zahlreiches dichtgedrängtes Publikum eingefunden hatte. Hier bestieg zunächst die Kanzel der zweite Schwiegersohn des Verstorbenen, Herr Rabbiner Chajim Schorr aus Bukarest, um in begeisterten Worten das Lebensbild des Verblichenen zu zeichnen. Sodann sprachen die Rabbinen Dr. Lazarus aus Göding, Dr. Hoff aus Bisenz. Dr. Reach aus Gaya, jeder in seiner besonderen Art recht wirkungsvoll. Nun begann der Zug nach dem Friedhof, vor demselben wurde Schofar geblasen und die Zeremonie der siebenmaligen Hakufos vollzogen. Am Grabe sprach der Bürgermeister und Kultusvorsteher Herr Sigmund Rebenwurzel dem Verewigten den Dank der Gemeinde aus für sein segensreiches hingebungsvolles Wirken. Die Trauerpsalmen rezitierten die Kantoren Reif und Reicin. Tarnow. Vor kurzem hat hier der Verein „Haschachar" einen „Bialik-Abend" veranstaltet, bei welchem Herr Dr. O. Thon aus Krakau die Tendenzrede hielt. Es war ein überaus reiches Programm, den Glanzpunkt jedoch bildete die Rede des Herrn Dr. Thon. Es waren durchaus geistvolle und gedankenreiche Essays, die der gelehrte Redner in seiner zweistündigen Rede niedergelegt hatte. Dr. Thon faßte die bedeutendsten jüdischen Dichter seit der Zeit derMeasfim bis auf Gordon und Bialik erschöpfend zusammen und zog eine Parallele zwischen den zwei letztgenannten, größten, hebräischen Dichtern, die von seiner tiefen Kenntnis der jüdischen Literatur beredtes Zeugnis ablegte. Gordon, meinte er, war unstreitig ein glänzender Stern am Firmament der hebräischen Poesie; allein Gordon hat die jüdische Tradition in den Kot gezerrt. Gordon wollte sein Volk frei wissen, aber nicht frei, um etwas zu erlangen, sondern frei von dem althergebrachten, im jüdischen Volksleben tief wurzelnden Bräuchen und Sitten. Sowohl für Gorhon als auch für Bialik war das Beth-hamidrasch der eigentliche Nährboden für ihren schöpferischen Geist gewesen; allein während Gordon und noch andere das Bet-Hamidrasch, aus dem sie herausgewachsen, dann verspotteten, hatte Bialik, nachdem er die große Welt gesehen und nachdem er, wie selten einer, die höchste Zinne der Poesie erklommen, den Rückweg nicht verloren. Er kehrte in seine Vaterstadt zurück und begrüßte, freudig entzückt, das alte, halb geborstene, halb in die Erde versunkene Bet-Hamidrasch. Und es sind ergreifende Töne, die der Seele des Dichters sich entringen, als er diese heilige Stätte wieder betreten durfte. Auch Bialik will sein Volk frei wissen. Er will es als freies, wohlorganisiertes Volk haben, welches fähig ist, seine Tradition zu schützen, seine nationalen Rechte zu verteidigen. Er will seinem vielgeknechteten Volke Achtung und Anerkennung verschaffen. Er erhebt aber auch seine Stimme, wo es gilt, die Fehler, die sich seine Brüder im harten Golusleben aneigneten, zu geißeln. Aus zahlreichen Gedichten, die Dr. Thon in meisterhaft deutscher Uebersetzung vortrug — unter anderem das berühmte Poem „Hormatmid" („Der Fleißige") beweist Redner, daß Bialik in die geheimsten Falten der menschlichen Seele einzudringen vermag. Abraham Katz. Berlin. Rabbiner Dr. Blumenthal brach am ersten Pesachtage in der Neuen Synagoge während des Schlußgebets ohnmächtig auf der Kanzel zusammen. Man leistete ihm sofort die nötige Hilfe, sodaß er sich bald von dem Schwächeanfall wieder erholte und sich nach seiner Wohnung begeben konnte. — Herr Dr. Heinrich Loewe ist zum Bibliothekar an der Universitätsbibliothek befördert worden. — Professor Dr. B. Pick in Gotha, der Inhaber der einzigen Professur für Numismatik an der Universität Jena, hat einen Ruf als Direktor des Königlichen Münzkabinetts in Dresden abgelehnt. Rom. Bei den letzten italienischen Wahlen wurden 14 jüdische Abgeordnete gewählt, der frühere Schatzminsster Luzzatti sogar zweimal. — Der Oberadvokat am Kassationshofe in Rom, Lodovico Mortara, wurde zum Oberstaatsanwalt am Kassationshofe in Palermo. dessen Bruder Aristo M o r t a r a. Präsident des Zivilgerichtes in Mailand zum Senatspräsidenten am Appellgericht daselbst ernannt. Beide sind Söhne des seligen Rabbiners Mortara in Mantua. Petersburg. Zum Kronrabbiner in Kischinew wurde ein gewisser Prilusky gewählt; zu seinem Gehilfen Rabbiner Zirelsohn. Ein Apotheker, Morosensky und die anderen Kandidaten verzichteten auf die Wahl. Wie man sieht, kann in Rußland jeder, wer nur Lust dazu hat, Rabbiner werden! Selbst in einer so großen Gemeinde, wie in der Kischinewer — der Hauptstadt Bessarabiens —, treten Apotheker usw. als Kandidaten für den Rabbinerposten auf. — In den kaukasischen Bädern dürfen in diesem Sommer keine Juden wohnen, nicht einmal jüdische Musiker in den Kurorchestern. Feuilleton. Sephirah. Der Glückliche zählt s eine Tage nicht. Ihm fließen Tage, Monde und Jahre dahin, kaum merkt er. wie rasch der Zeitenstrom an ihm vorüberrauscht. Anders der Unglückliche, der Leidvolle. Am Morgen spricht er: ,,Wer gäbe Abend!" und am Abend: „Wer gäbe Morgen!" Nie ist das Geschick Israels mit herberen Worten geschildert worden, als mit diesen der „Tochachah" in dem furchtbaren 28. Kapitel des 5. Buches Mosis. Israel wurde geboten, die Tage zu zählen, die Tage und die Iahre, denn bange ward es ihm vor dem Anblicke seiner Augen, den es erblicken mußte. Sephirah, Zählung der Tage zwischen Pessah und Schabuoth, an traurige, düstere Frühlingstage erinnert sie uns und es ist gut, ihrer zu gedenken, wenn sie auch längst dahingegangen. Man liest sie nicht mehr die Piutim, jene Dichtungen, welche ein schmerzvoller Ton durchzittert und aus denen das ganze Weh' uns entgegenschreit, das Israel betroffen in jenen Jahren, als fanatisierte Scharen auszogen, um, wie sie sagten, ein Gott gefälliges Werk auszuführen, und dies damit begannen, unschuldige Menschen hinzumdrden und mit ihrem Blute die Wogen des Rheines und der Donau zu färben. Das war eine traurige Sephirah-Zeit in den Jahren des ersten und zweiten Kreuzzuges 1096 und 1146/47. Wir schlagen die Dichtungen und Geschichtswerke der damaligen Zeit auf und horchen auf die Rufe unsäglichen Leids, die sie uns künden. Unsere Väter lasen noch die Piutim an den Sabbathen der Sephirah und Wort und Weise stimmten in schmerzlicher Harmonie überein. Es sind meist Wechselgesänge zwischen Gott und seinem Volke, in denen das Leid Israels und sein Vertrauen geschildert werden. Meschullam bar Abraham spricht: „Mein Eigentum! Mit königlicher Pracht gürtete ich dich, nahm dich auf mit Herzensliebe, aus der Grube rettete ich dich, zog dich mir nach, mit ewiger Liebe liebt' ich dich, du mein auserwähltes Eigentum." So spricht der Herr zu Israel. Und Israel zu seinem Gotte: „Geliebter! Dein Name ist meines Antlitzes Stolz, Licht meiner Augen. Nur zu dir erhebt im schweren Drucke sich mein Herz, dir will ich lobsingen, so viel meiner Iahre sind, zu dir erhebt sich mein Auge, mein Geliebter!" Und so geht es fort in herzbewegender Wechselrede. Aehnlich singen Ephraim ben Isak aus Regensburg und Ephraim ben Jakob aus Bonn. Von K a l o n y m o s ben I e h u d a, der in Mainz oder Speier zur Zeit des ersten Kreuzzuges lebte, besitzen wir ein Klagelied auf die Märtyrer zu Speier, Worms und Mainz im Iahre 1096, das uns in vortrefflicher von Sulzbach angefertigter Uebersetzung vorliegt und aus welchem wir die traurigen Sephirahtage jenes furchtbaren Jahres kennen lernen. Die Schwärme zusammengelaufenen Pöbels, welche dem eigentlichen Heere der Kreuzfahrer vorauszogen, fanden, auf deutschem Boden angelangt, nicht mehr den Wider-

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