Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Vlochs Wochenschrift. Sette 323 stand weltlicher und geistlicher Obrigkeiten, der Wüten auf französischem Gebiete behindert hatte. Und so konnte ihr Blutvergießen beginnen. Am Sabbath, 8. Jjar (3. Mai 1096) kamen sie nach Speier: zehn Märtyrer fielen unter ihren Streichen. Der menschlich denkende Bischof nahm sich der Juden an. Die Mönchschronik beschuldigt ihn natürlich, er sei von den Juden bestochen worden. Die alte, oft gehörte Anklage. Doch hören wir die Worte unseres Dichters Kalonymos: „So weine mein Auge, so klage mein Mund Üeber die, die gefallen in schrecklicher Stund' Zu Speier am Rhein; im Jjar am achten Da erfüllte sich der Boshaften Trachten: Die Alten gemordet, die Jüngling' erschlagen. Sie weihten ihr Leben, doch ohne zu klagen, Dem einzigen Gott; in heldhaftem Mut Vergessen für ihn sie ihr Heldenblut." Auch in Worms bot der Bischof den Juden seinen Schutz dar. Aber nur einen Teil der Gemeinde vermochte er bei sich aufzunehmen. Die übrigen erlagen den wütenden Horden. Setzen wir also unsere Sephirah fort. Es war am 23. Jjar (18. Mai). Und nun lassen wir Kalonymos sprechen: „An diesen Kummer, an diesen Schmelz Knüpft andern Jammer mein blutendes Herz, Wenn ich der fernen Bluttaten denke, Im Geiste auf Worms meine Blicke hinlenke, Die Stadt der Großen und Herzensreinen, Wie sie sich Hingaben dem Einzig Einen; Im Jjar und Siwan ein sind da gedrungen Ins Gotteshaus, da man das Hallel gesungen. Die Mörder und metzelten alles nieder. . . ." Zur Erklärung der Mordtat im Siwan sei folgendes gesagt. Nach 7 Tagen erklärte der Wormser Bischof denen, die er scheinbar ausgenommen hatte, er wolle sie nicht nicht länger schützen, wenn sie sich nicht taufen ließen. Sie erbaten sich eine Bedenkzeit und, als man die Türen öffnete, lagen sie alle in ihrem Blute. Sie halten sich gegenseitig getötet. Das traurige Datum dieses Martyriums ist der 1. Siwan (25. Mai) 1096. Aehnliche Szenen wiederholten sich am 3. Siwan (27. Mai) in Mainz. 1300 Leichen wurden aus dem Palast des Erzbischofs Ruthard, der die Juden zu schützen versprochen hatte, herausgetragen. Doch hören wir darüber die Klage des Zeitgenossen Kalonymos: „Auch die Großen von Mainz, der berühmten Gemeine, Erlagen dem Tod im heil'gen Vereine . . . Der Schrecken brach aus an Siwans 3. Tage Die Straße erfüllend mit Kummer und Klage. Nah war doch das Fest der Gesetzesgebung Es sollt nrch erfüllen mit Kraft und Belebung — Doch an ihm, da die Thora zu Erd' war gekommen, Am selbigen Tag ward' sie uns genommen." . . .y So schildern die Greuel jener blutigen Sephirah die synagogalen Dichter der Zeit, ergreifend in ihrer Wahrheit, erschütternd in ihrem Leide. David ben Meschullam, Samuel ben Juda, Benjamin ben Chija und andere stimmen mit den Worten des Kalonymos überein. Auch die Sephirah des Jahres 4907 (1147), da der 2. Kreuzzug stattfand. verlief blutig und furchtbares geschah am 2. Tage des Wochenfestes (8. Mai). Als Kaiser Conrad mit den Rittern und dem Hauptheere ins heilige Land zog, übten die Nachzügler ungestraft ihre Mordtaten aus. (Anfangs Mai 1147.) — Doch auch über dieses Jahr wollen wir einen Zeitgenossen sprechen lassen. Es ist Ephraim bar Jakob, auch Ephraim aus Bonn genannt, der uns eine Schilderung des 2. Kreuzzuges überliefert hat. Er wurde in Bonn 1133* 2) geboren, y Vgl. aucv Konteros Geseroth Tatnu, Bericht des R. Elieser bar Nathan aus Mainz, hggb. von Jellmek, 1854. 2) Gestorben um 1200. Wir besitzen von ihm auch ein chal» däisches Bußgebet „Ta Schema.“ ihr wohnte in Neuß und Köln und ist wohlbekannt als Dichter von Klageliedern. Als der fanatische Mönch Rudolf am Rhein gegen die Juden predigte, wandten sich diese, da man sich der Greuelszenen der blutigen Sephirah von 1096 noch erinnerte, um Schutz an den Staufen. Kaiser Konrad, und an die Kirchenfürsten. Der Erzbischof Arnold von Köln räumte ihnen die Wolkenburg (bei Königswinter) ein, wo sie sich mit Waffen verteidigen konnten. Damals war unser Ephraim 13 Jahre alt, und auch er befand sich mit den Seinigen auf der Burg. Seine Schilderung der Greuel des 2. Kreuzzugs wurde auch von Josef Kohen im „Emek Ha-Bacha" benutzt und der deutschen Uebersetzung dieses Werkes (von Wiener) angefügt. Ephraim läßt in seiner Schilderung-^) dem Abte Bernhard von Clairvaux und seiner Füriprache für Oie Juden Gerelnigkeit widerfahren: „Dieser sprach folgendermaßen zum Volke: Es ist schön von euch, daß ihr gegen die Ismaeliten ziehen wollt: jedoch wer einen Juden anrührt, um sich an dessen Leben zu vergreifen, das ist so sündlich, als rühre er Jesum selbst an: mein Schüler Rudolf, der gegen sie gesprochen hat, um sie zu vertilgen, hat nur Unrichtiges gepredigt, denn es steht über sie im Psalmbuche geschrieben: „Tötet sie nicht, damit mein Volk nicht vergessen werde!" Und nun lassen wir uns von Ephraim erzählen, was am 2. Tage des Wochenfestes <8. Mai 1147) geschah. „An diesem Tage versammelten sich die Irrenden von Rameru und drangen in das Haus unseres Lehrers Jakobi (bar Metr, Rabbenu Tam). Sie schleppten ihn aufs Feld, redeten strenge mit ihm wegen seiner Religion und faßten den Anschlag, ihn zu töten. Fünf Wunden versetzten sie ihm am Kopfe, indem sie sprachen: „Du bist ja der Angesehenste in Israel, so wollen wir an dir die Rache für den Gekreuzigten üben und wollen dich so verwunden, wie ihr unfern Gott mit 5 Wunden geschlagen habt." Da fügte es der barmherzige Schöpfer, daß ein hoher Fürst gerade auf jenem Felde des Weges daher kam. R. Jakobs rief ihn um Hilfe an und versprach ihm ein Pferd, 5 Mark an Wert, als Geschenk." So wurde R. Jakob gerettet. Können wir uns wundern, daß aus den Piutim, die unsere Väter an den Sabaihen zwischen Pessach und Schebuoth lasen, nicht nur das Leid eines vielverfolgten Volkes, sondern auch eine tiefe Verbitterung uns entgegentönt? Jedes bittere Wort wurde durch Ströme Blutes erpreßt. „Geherrscht hat über mich Scheschach, gefangen hat mich Seir, Jawan und Persien, zerstreut wurde ich durch Elam, Meschech und Tiras und auch Ismael wütete gegen mich." — Was sich die Peitanim unter allen diesen altertümlichen Völkerbezeichnungen dachten, das wußten nur sie, aber wir fühlen mit ihnen, wenn wir ihre Dichtungen und die Berichte der gleichzeitigen Geschichtsschreiber lesen. Zu diesen Dichtern, deren Klagen in die Liturgie der Sephirah-Sabbathe ausgenommen wurden, gehört auch der als Tossaphist bekannte Ephraim ben Jsak aus Regensburg im 12. Jahrhundert. Wir besitzen von ihm talmudische Scholien, einen Kommentar zu den „Sprüchen der Väter", viele Rechtsbescheide und viele synagogale Poesien. Diese übertreffen die der Zeitgenossen in Frankreich und Deutschland, sie sind kurz und klar, und ihren Schmuck bilden zahlreiche biblische und talmudische Anspielungen. Sie erinnern an spanische Muster, richten sich mit besonderer Schärfe gegen den o) Quellen zur Geschichte der Juden in Deutschland II. Berlin, 1892. Im Austrage der historischen Kommission für Geschichte der Juden, in Deutschland herausgegeben von A. Neubauer u. M. Stern, übersetzt von S. Baer. 4) Enkel Raschis.