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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-30 · 18 (30.4.1909) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 308 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 18 Rosenblühs und seinem Schwiegervater Ehrenzweig in Berührung kommt, kann seine Abstammung und Religion kein Hindernis bilden. Soll vielleicht Herr Maxim am Turf, im Vergnügungsetablifsement oder am Strande eines europäischen Seebades in Gesellschaft eines verkrachten Aristokraten auf einmal die Entdeckung gemacht haben, daß die arische Moral die allein selig machende ist? In einer Versammlung des „Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", welche vor wenigen Wochen in Berlin stattgefunden hat, konstatierte ein Redner, Herr Oppenheim aus München: „Wir haben ein Interesse daran, den Standpunkt zu vertreten, dass wir dem Täufling schroffer gegenüberstehen als selbst dem schlimmsten Antisemiten, denn der Antisemit mausert sich, der Täufling nie. Er ist der charakterloseste Mensch, und einen charakterlosen Menschen gebe ich nie meine Summe.“ (Bravo.) Und ein zweiter Redner, Herr Siegfried Simon aus Köln, konstatierte seinerseits: „Es wurde von allen Seiten betont, dass es für uns keinen grösseren Feind gibt, als den Getauften, als die Taufe um des schnöden Vorteils willen, und zwar die Taufe gerade in gebildeten Kreisen, auf deren Erhaltung wir in den Kreisen des Judentums den höchsten Wert zu legen haben. Die Taufe frisst am Bückenmark unseres Judentums; sie wird, wenn sie in dieser Weise weiter grassiert, es fertig bringen, in bestimmten grossen Städten — wir am Bhein sind glücklicherweise noch davon verschont geblieben — dass das Judentum dereinst in eine traurige Lage kommen wird, besonders dann, wenn Sie diese Dinge mit dem kombinieren, was wir heute über die Jugend gehört haben. Der Antisemitismus hingegen hat bis jetzt unser Eückgrat gestärkt, und wir können ihm offen entgegentreten. Also darüber sind wir uns einig. Wenn wir den Zentralverein als Abwehrverein für den Antisemitismus gegründet haben, dann können wir vernünftigerweise zu keinem anderen Schluss kommen, als eine [Resolution zu fassen, die deutlich ausspricht, d ss wir an erster Stelle die Taufe zu bekämpfen haben. Wenn wir das tun, werden wir implicite auch den Antisemitismus bekämpfen.“ So sprach man in Berlin. Sollen die Wiener Juden in Bezug auf Ehre minder feinfühlig sein? Die Wiener jüdische Laute Lnance, die von allen Seiten angefeindet wird, müßte, wenn sie auf ihre Würde was hält, aus dem Vorgehen der Herren Direktoren der Eskompte- Gesellschaft die Konsequenzen ziehen. Das finanzielle Genie des Herrn Kraßny offenbarte fich grell in der interessanten Transaktion mit der Internationalen Transport-Gesellschaft, über welche Angelegenheit in den Wiener Tages- und Wochenblättern sehr ausführlich zu lesen war. Diese Transaktion war zugleich ein Befähigungsnachweis für seine Assimilation zur arischen Moral. Das Judentum hat durch den Verlust dieses Mannes nicht viel verloren, viel weniger würde noch die Eskompte- Gesellschaft durch seinen Abgang verlieren. _ I. Grobtuch. Me Wiener Inden im Jahre 1809. Zur Eröffnung der Erzherzog-Karl-Ausstellung Von Siegmund Husserl, Archivbeamter der israel. Kultusgemeinde in Wien. Mit auftichtiger Freude ist der Wiener Kultusvorstand der an ihn ergangenen Einladung zur Beteiligung der israel. Kultusgemeinde an der patriotischen, der Ehrung unseres ruhmbedeckten vaterländischen Heerführers Erzherzog Karl gewidmeten Ausstellung nachgekommen; kann doch unsere Gemeinde durch zahlreiche in tfjrem Archiv aufbewahrte zeitgenössische Urkunden — von denen jedoch wegen Platzmangels nur ein Bruchteil zur Ausstellung gelangen konnte — mit stolzer Genugtuung auf das aufopferungsvolle Wirken unserer Vorfahren in einer Zeit größter politischer und wirtschaftlicher Bedrängnis des Vaterlandes Hinweisen und so der heutigen Generation die seit altersher stets betätigte und loyale Gefinnung der Wiener Juden dokumentieren. Durch die bereits seit 1792 mit kurzen Unterbrechungen andauernde Kriegsperiode wurden die Wiener Juden weit härter als die andern Bevölkerungsschichten mitgenommen. Diese langwierigen Feldzüge übten nämlich den verderblichsten Einfluß auf ihre Erwerbsfähigkeit aus, da sie die gänzliche Lahmlegung des Handels — des einzigen ihnen damals erlaubten Nahrungszweiges — sowie die völlige Zerrüttung des Geldwesens zur Folge hatten. Trotz dieser für unsere Voreltern so kritischen Zeit haben ihnen die Behörden keine Erleichterung in der Erfüllung der an sie gestellten Anforderungen gewährt; unnachsichtlich wurden die ihnen stets aufgebürdeten besonderen Abgaben*) eingetrieben und ihnen, die doch gleich ihren christlichen Mitbürgern mit Kriegslasten (Zwangsanlehen) reichlich bedacht wurden, noch besondere Kriegs-Kontributionen auferlegt. Dennoch haben unsere Vorfahren nicht gesäumt, in den Kriegsjahren 1805 und 1809 zahlreiche nach Wien gebrachte verwundete Krieger freiwillig in ihrem Spitale aufzunehmen und ganz auf eigene Kosten zu verpflegen. In einem vom 19. April 1806, Z. 9757, datierten Dekrete spricht die niederösterreichische Landes-Regierung aus diesem Anlasse den damaligen Spitals-Vorstehern Aron Leidesdorfer**) und Kaspar Kohn „für die an den Tag gelegte Menschenliebe und den abermaligen Beweis ihres Patriotismus die Anerkennung aus." Mit Dekret des Wiener Magistrates vom 10. Mai 1806, Z 7654, wird auch den Vertretern im Namen der Regierung „für das schöne Benehmen und für die dem österreichischen Staate durch die unaufgefordert erfolgte Aufnahme und Pflege***) verwundeter Krieger gebrachten Opfer" das „verdiente Lob" kundgegeben. Aus diesen mehrfachen Anerkennungen und bei dem Umstande, als die Behörden unsere Vorfahren diesbezüglich nicht gerade sehr verwöhnten, muß geschloffen werden, daß die Genannten damals ganz Außerordentliches geleistet haben. Tatsächlich gestaltete fich sowohl die Unterbringung einer größeren Anzahl Soldaten in den beschränkten Räumen des nur auf einen Krankenstand von durchschnittlich zehn bis fünfzehn Personen berechneten, israelitischen Spitales, als auch deren Verpflegung äußerst schwierig. In letzterer Hinsicht war es nämlich mitunter ganz unmöglich, Lebensmittel in genügender Menge herbeizuschaffen. So sahen sich beispielsweise die Vertreter gezwungen, am 26. Mai 1809 — es befanden sich an diesem Tage 160 Krieger in Spitalspflege — diesbezüglich die Intervention der Landesregierung anzurufen; diese wußte aber auch keinen Rat und wies die Vertreter an, sich „in Ansehung der Lebensmittel um möglichst tunliche Unterstützung an den Magistrat zu wenden". Welchen Erfolg das noch am selben Tage bei dieser Behörde erfolgte Einschreiten hatte, ist leider nicht zu konstatieren. Mit Dekret der k. k. Stadthauptmannschaft vom 6. Mai 1809 wurde das Anerbieten der tolerierten Judenschaft, täglich 25 bis 30 Mann zu den Schanzarbeiten beizustellen und diese auch zu besolden, angenommen. (Laut Kassabuch Ausgabspost *) Diese betrugen pro 1809 für die damals zum ständigen Aufenthalte in Wien berechtigten (tolerierten) 119 Familien: Toleranzsteuer (für die Bewilligung des ständigen Aufenthaltes) ..C. M. fl. 16.809*— Klassensteuer.. ... „ „ 22.001*59 Außerdem hatten Einzeln e noch zu entrichten: Kommerzsteuer (nur die 10 Großhändler) . . „ „ , 3.770'— Tax- und Umgeld (für den Wein- und Branntweinhandel) . „ „ 477*30 Domestical und Schutzsteuer (für Beibehaltung der . Familienstellen in Böhmen, Mähren, Galizien und Ungarn) . . ..„ „ „ 2.064*46 **) Urgroßvater des derzeitigen Kultusgemeinde-Präsidenten Dr. Alfred Stern. ***) Laut Dekret der Stadthauptmannschaft vom 25. Jänner 1813, Z. 2057, wurde dem damaligen Verwalter des israelitischen Spitales Ascher Matzel über Allerhöchste Entschließung „zur Belohinung der während der feindlichen Invasionen durch uneigennützige Aufopferung, Toleranz und Menschenliebe am Tag gelegten Verdienste" die goldene Zivil-Ehren-Medaille verliehen. Der Genannte führte damals noch den Titel „Oberkrankenwärter"; erst' mit Dekret der niederösterreichischen Landesregierung vom 9. November 1814 wurde ihm gestattet, sich als „Spitalsvater" bezeichnen zu dürfen.

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