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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-30 · 18 (30.4.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 307 Kneger s Gib mb Eigenlob. Dr. Karl Lueger,- mit dem die Faulheit der Wiener Liberalen schon längst einen faulen Frieden geschlossen hat, ist mit großem Applomb zum dritten Male für sechs Jahre auf den Bürgermeisterstuhl gesetzt worden. Die oppositionellen Parteien haben zwanzig leere Stimmzettel abgegeben. Wozu dieses Vorgehen? Haben sie nicht einen tüchtigen Mann unter sich, auf den die Aufmerksamkeit der Bevölkerung zu lenken wäre? Mit den ungebrauchten Wahlstimmen begehen sie einen kolossalen taktischen Fehler. Denn sie zeigen so den Bürgern, daß sie gegen den Leiter des gegenwärtigen Regimes eigentlich nichts einzuwenden haben, und machen so ihre eigene Opposition wert- und sinnlos. In ihrer Phäakengemütlichkeit werden zwar die Liberalen und Sozialdemokraten einwendeu, daß man gegen einen schwerkranken und in gewissem Sinne patriotischen Mann — patriotisch, wenn sein Wille geschieht — keinen radikalen Kampf führen dürfe. Wenn ihre Nerven so empfindsam sind, so mögen sie immerhin die äußerste Schonung wallen lassen und drei Paar Glacehandschuhe Übereinanderstreifen, wenn sie sich mit dem Bürgermeister selbst beschäftigen. Aber das Prinzipielle darf denn doch nicht so ganz vergessen werden: das Prinzipielle, daß Lueger seine Macht skrupelloser Demagogie, der Volksverhetzung und Verdummung, dem Appell an die rohesten Instinkte zu danken hat. Ein Kampf um Prinzipien darf aber vor einer Person nicht halt machen und erst mit dem Siege des Guten aufhören. Das eine dürfen die oppositionellen Leisetreter wohl glauben: wenn Lueger an ihrer Stelle wäre und sie an seiner, würde er sie bis zum letzten Atemzuge zu vernichten trachten. Verhindern konnte man wohl nichts, nur demonstrieren. Man hätte aber ein bischen Wermut in den Freudenbecher werfen können, der anläßlich der Wahl und Beeidigung vom Oberhaupt der Stadt Wien bis zur letzten jüßen Neige geleert wurde. Man hätte wohl einiges bemerken können, sehr scharfe Kritik üben solle» an den Trinksprüchen, welche bei dieser Gelegenheit vom Statthalter und vom Gewählten gehalten wurden. Graf Kielmansegg fühlte sich verpflichtet, vor dem jetzigen Rathausgewaltigen den großen Kotau zu machen und ging in seinen freiwilligen Ehrenbezeugungen so weit, daß er sogar die Schulfreundlichkeit der Christlich- Sozialen von amtswegen lobte. Die Schulsreundlichkeit! Die allernotwendigsten Schulen zu errichten ist wohl verdammte Pflicht und Schuldigkeit des Gemeinderates. Aber wer hat den Katecheten zum Herrn über Lehrer und Schüler gemacht, die Jugendbildner mit Gewalt vom Idealismus zur Streberei und Angeberei gedrängt? Welche Charaktere sollen denn von Leuten erzogen werden, die ihrem Fortkommen zuliebe auf den Charakter verzichten? Der Herr Statthalter hat es mit der Schulfreundlichkeit ebenso ernst gemeint, wie mit den vielen großen Problemen, die er auf das Konto der derzeitigen Stadtverwaltung gutschrieb, lauter kümmerlichen Notwendigkeiten, die nach dem System der Fortwurstlerei betrieben werden. Kein Mensch siebt, daß seit achtzehn wahren etwas in den öffentlichen Angelegenheiten besser wurde, als es ein langsamer technischer Fortschritt unbedingt verlangte. Aber jeder sieht, daß die Levenshaltung und die Steuern mit rapidem Fortschritt in die Höhe gegangen sind. Wenn sich 30.000 Menschen am linken Ufer der Donau angesiedelt haben, so müssen sie eine Brücke bekommen und eine Schule — das ist kein Verdienst des Gemeinderates. Aber in den großen Fragen der Allgemeinheit, der Versorgung mit Fleisch und Kohle, der Nolkswohnungen haben die Kirchturm- und Kirchenschiffpolitiker aus dem Rathaus einfach versagt, vor den Fleischhauern, Kohlenbaronen, Hausbesitzern einfach kapituliert, um ihre Wahlstimmen und -Fonds nicht zu gefährden. Das hätte der Herr Statthalter sagen können, aber nur an einer einzigen Stelle seiner Rede fand er es für notwendig, der christlichsozialen, der in ihrem Wesen gesetzwidrigen Partei als hoher Staatsbeamter so etwas wie ein ernstes und wahres Wort zu sagen. Das war, als er vor der Eidesleistung Luegers zur Wahrung der Gerechtigkeit ermahnte. War das nicht eine Ironie? Zweimal und jetzt schon zum drittenmal hat Lueger den Eid auf Verfassung und Gerechtigkeit geleistet. Die jüdischen Beamten der Stadt, die jüdischen Lehrer, alle Juden, auf welche sich die Wirksamkeit der Gemeinde direkt oder indirekt erstreckt, sind Zeugen dafür, wie dieser Eid gehalten worden ist. Der Jude soll unparteiisch behandelt, soll angestellt, soll wie jeder andere gefördert werden, aber er muß nicht — diese Jesuitenmoral hat sich der Antisemitismus zu eigen gemacht und betrügt uns um unsere Rechte. Das ist schon tausendmal gesagt worden und ist verhallt, aber es muß immer wieder wiederholt werden, wenn ein hoher antisemitischer Würdenträger feinen Eid auf die Gerechtigkeit ablegt. Den Juden werden die Wiener wohl nicht helfen, vielleicht aber sich selber. Ihnen wird weniger maßgebend sein, was Lueger beschwor, als was er sagte oder vielmehr verschwieg. Er hat sich selber kolossales Lob gespendet — es ist natürlich, daß unter Klerikalen der Weihrauchkessel dampft — er hat eine ganze Reihe von Werken aufgezählt, die er vollendet oder begonnen habe, '^ir haben schon ausgeführt, wie kl» in und wie von der Notwendigkeit erzwungen diese Arbeiten waren und daß man der Bevölkerung die Hauptsachen schuldig blieb. Was aber Lueger in seinem Eigenlob vergaß, das sind die riesigen Anleihen und die daraus entspringenden Steuern, welche seine Werke kosteten. Viele Jahrzehnte werden die Bürger daran zu zahlen haben, was Lueger gütigst für sie anzuschaffen geruhte, Lueger der Patriot, der jetzt die Wiener Bevölkerung zu Huldigungen zum Kaiser führt und sagen wir, nichts dagegen hatte, als dieselben Leute während einer ungarischen Krise sehr auffällig gegen den Monarchen demonstrierten. Kein Lüftchen regt sich im Walde der Opposition, keines im Blätterwalde. Aber eine Stimme soll wenigstens sagen, auf wie tönern-schwachen Füßen moralisch und materiell die christlichsoziale Herrschaft steht. Vielleicht weckt sie einen Lueger gegen die Christlich-Sozialen, gegen die vormärzliche Nepoteupartei, einen Oppositionsmann, wie es der heutige Bürgermeister gegen den vorigen war. Das eine Kompliment können wir dem Herrscher des Rathauses machen: Er hat die Liberalen mit viel weniger belastendem Material gestürzt, als man heute gegen ihn hat. Aber leider fehlt der Mann, dessen Kraft und Geist von den chriftlichfozialen Schwächen Gebrauch zu machen verstehen. Der „bekehrte" Kankbirektor. Das Märchen von den „Judenbanken", das unsere Feinde so gerne in Wählerversammlungen oder in ihren Hetzorganen erzählen, wird wiederum, wie schon so oft. durch die jüngst stattgefundene Taufe des ersten Direktors der Niederösterreichischen Eskompte-Gesellschaft „Maxim" Kraßvy grell beleuchtet. Wie groß kann der Einfluß, den die Juden auf diese Bank ausüben, wohl sein, wenn die leitenden Bankdirektoren ohneweiters dem Judentum den Rücken kehren? Mit Feilchenfeld, dem Germanen, begann es, ihm folgte der Direktor Stransky und damit sich diese edlen Seelen nicht einsam fühlen, trat „Maxim" dem Bunde als Dritter bei. Wenn sich ein Jude, der in Staatsdiensten steht, zur Untreue verleiten läßt, um sich dadurch die materielle Lage zu verbeffern, so ist das zwar auch eine elende Gesinnungslumperei, die indeß vom Staate prämiiert wird. Kann Herr Direktor „Maxim" etwa gleiche Argumente für seinen Glaubenswechsel ins Treffen führen? Unter den Aktionären der Eskompte- Gesellschaft dürften mindestens Zweidrittel Juden seiu, die Zahl der Kommittenten des Institutes werden wahrscheinlich im gleichen Verhältnisse stehen. An der Börse, wo er mit den AbeleS

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