Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 306 Lr. Blochs Wochenschrift. Nr. 16 sorgen, find im dritten Stock untergebracht, das Steueramt befindet fich in gleicher Höhe; dazu kommt, daß alle Bureauräume unzulänglich find, fast durchwegs finster, so daß. selbst im Sommer künstliche Beleuchtung nötig ist. Die Treppen und Korridore, durch welche die Beamten der verschiedenen Abteilungen verkehren müfien, sind unheizbar und dadurch im Winter eine ständige Gefahr für die Gesundheit der Beamten, welche mit anerkennenswerter Selbstv rleugnung ihren schweren Dienst versehen. Bon den Zuständen in jenen Bureaus, in denen großer Parteienverkehr herrscht, (Armcnanstalt, Chewra-Kadischa) soll lieber ganz geschwiegen werden, — eine Beschreibung würde einer Denunziation gleichsehen. Es kann mit Fug und Recht behauptet werden, daß die Errichtung eines neuen, allen modernen Ansprüchen genügenden Administrationsgebäudes, welches würdig ist, die Zentralleitung der Wiener Kultusgemeinde aufzunehmen, also die Errichtung eines neuen jüdischen Rathauses, zweifellos ein dringendes Bedürfnis ist. Dieses Bedürfnis wurde, wie erwähnt, bereits vom Kultus- Vorstand, wenigstens platonisch, anerkannt, aber kein Schritt zur Abstellung dieser Uebelstände versucht, weil mit dem Plane immer die Idee, einen neuen Tempel zu bauen, konkurrierte. Schon vor Jahren wurde in wiederholten Versammlungen der Gemeindemitglieder der Wunsch kundgegeben, es möge in der inneren Stadt ein größerer Tempel errichtet werden. Dieser Wunsch steigerte sich in der Wahlkampagne des Jahres 1906 zum Postulat, indem die Errichtung eines neuen Tempels im ersten Bezirke als ein Programmpunkt aufgestellt, dabei aber den Kandidaten fürsorglich eingeschärft wurde, daß dieser Neubau ohne Belastung der Gemeindefinanzen durchgeführt werden möge, wodurch der Tempelbau mit der Quadratur des Kreises in eine Linie gestellt werde. Die Frage, ob ein akutes religiöses Bedürfnis nach einer neuen größeren Betstätte gerade im ersten Bezirke sich bemerkbar mache, wurde niemals aufgeworfen, denn die Untersuchung dieser Frage hätte den Tempelbau vom Hause aus iu Frage gestellt. Objektiv kann weder eine Vermehrung der Zahl unserer Glaubensgenossen in diesem Bezirke, noch kann subjektiv eine Steigerung der Religiosität derselben konstatiert werden. Die innereStadt entwickelt sich immer mehr zur City, zum Geschäftsviertel, die Zahl der Wohnungen nimmt ab und die verbesserten Verkehrsverhättnifie ermöglichen den Zug nach der Peripherie der Stadt. Viele Bewohner der inneren Stadt suchen die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnifie in Nachbarbezirken: Das Quaiviertel gravitiert nach der Leopoldstadt und das Rathausviertel nach der Ncudeggergaffe. Ein Blick in den Stadttempel an Sabbathtagen beweist, daß derselbe dem ständigen Bedürfnissevollauf genügt. Zu den hohen Feiertagen verkünden alljährlich Anzeigen, daß da'elbst noch immer Sitze zu vermieten sind. Freilich dem außerordentlichen Andrange, welcher an den hohen Feiertagen sowie an Maskirtageu entsteht, vermag derselbe nicht zu genügen. Dafür muß eben, wie es geschieht, durch außerordentlichen Gottesdienst gesorgt werden. Für einige Tage des Jahres ein besonderes Gotteshaus zu bauen, wäre unpolltlsch, — die enorm hohen, nur durch Gemeindeichulden zu deckenden Auslagen wären nicht zu rechtfertigen. Das religiöse Bedürfnis für den größeren Neubau fehlt eben. Ja, aber die Hochzeiten! Nun gerade diese wären ein wichtiges Argument gegen einen den Prunk fördernden Neubau eines Tempels. Voraussichtlich werden die „Tempelherren" alle diese Argumente nicht gelten lassen, weil es sich für sie hauptsächlich darum handelt, ein größeres Repräsentationsgebäude zu schaffen, gleichgültig ob dasselbe einem wirklichen Bedürfnis entspricht, wenn nur damit der Wille zum Dasein deutlich bekundet wird, J’y sois et j’y reste. Diese Betonung des Aeußeren, diese Faffadinpolitik kann dem Zwecke nicht dienlich, eher demselben abträglich sein, denn es würde an Stelle des Beweises eines kräftiger pulsierenden Gemeindelebens bald nur das Bckd einer schwächlichen Scheinexistenz bieten. Es ist überdies sehr fraglich, ob der Platz, der in Aussicht genommen wird, für den Tempel geeignet ist. Die Wirttmg jedes Gebäudes hängt im hohen Maße von der Umgebung ab. In einem Viertel, welches vollständig reguliert wird, muß in dieser Richtung mit vielen derzeit unbekannten Faktoren gerechnet werden. Nur ein Faktor ist schon jetzt bekannt, das ist die unmittelbare Nähe der Rupprechtskirche. Dieses kleinste und älteste Kirchlein Wiens wird auf einem durch Böschungen abgegrenzten Platze von der neuen Straße aus sichtbar sein, und, da die beiden Häuser, die jetzt eine Scheidemauer bilden, fallen werden, in einer Front mit dem neuen Tempel zu flehen kommen. Die Parallele zwischen dem bescheidenen Kirchlein und dem größeren Monumentalbau, welcher vielleicht mit Kuppel und Türmen ausgestattet sein wird (denn in den letzten Jahren wurde in Wien kein Tempel ohne Türme gebaut), würde zu scharfer Kritik herausfordern; wir haben aber gewiß allen Grund, alles zu vermeiden, was Rischas zu erzeugen geeignet wäre. Das Tempelbauprojekt muß aber auch deshalb zurückgestellt werden, weil es geeignet wäre, den Bau des viel dringlicheren Administrationsgebäudes zu beeinträchtigen. Denn für Tempel und Rathaus ist der zur Verfügung stehende Platz unzureichend. Man muß zunächst daran festhalten, daß der bestehende Tempel, das älteste israelitische Gotteshaus in Wien, ein wahres Meisterwerk des Empirestiles, nicht demoliert werden darf: es wäre Pietätlosigkeit und Vandalismus zugleich. Kein Kultusvorstand würde zu solchem Ansinnen seine Zustimmung geben. Gliedert man nun dem bestehenden Tempel einen größer n Tempelbau an, so erübrigen nur schmale Platzfragmente, d;e kaum zureichen, die nötigen Bureauräume, geschweige denn einen Sitzungssaal mit entsprechendem Fassungsraume aufzunehmen. Gegenwärtig ist der Raum im Sitzungssaal so beschränkt, daß die Vorsteher „eingekeilt in peinvoll fürchterlicher Enge" ihres Amtes walten müssen. Auch die Besucher der öffentlichen Sitzungen wissen von den beschränkten Platzverhältnissen zu berichten. Solange kein Sitzungssaal mit hinlänglichem Fassungsraum geschaffen wird, kanndem berechtigten W unsche dv^r.Wählerschaft nach Vermehrung der Mandate des Kultusvorstandes nicht entsprochen werden. Der Wiener Kultusvorstand braucht einen durch zwei Slockwerke reichenden Sitzungssaal mit einer Galerie, zumindest von der Größe des Sitzungssaales der Berliner Repräsentarmn. Wenn dieser Sitzungssaal an die Hauptfront des Rathauses verlegt wird, so daß die durch zwei Stockwerke reichenden Fenster die Fassade beherrschen, wird hiedurch dem Gebäude der Charakter eines öffentlichen Zwecken dienenden Bauwerkes gegeben. Durch entsprechende Ausgestaltung des Sitzungssaales könnte derselbe an den wenigen Tagen des stärkeren Besuches für Gottesdieustzwccke verwendet werden. In diesem Saale, könnten die histori« schen Vorträge, die Sitzungen der jüdischen Vereine und sonstige Beratungen der Wiener Judenschaft abgehalten werden und so dieses Rathaus zu einem wirklichen jüdischen Gemeindehaus ausgestaltet werden. Das wäre das richtige Gebäude, welches Würde und Ansehen der Gemeinde zu heben im Stande wäre. Und der Plan eines monumentalen Tempels für die innere Stadt soll ganz zur Seite gestellt werden? Nicht für immer, aber für so lange, als nicht die rechte Zeit für denselben gekommen wäre und der rechte Platz gefunden werden würde. Vor Jahren, als noch die Liberalen im Wiener Gemeinderat herrschten, legte der verewigte Baurat Fleischer demselben ein Projekt für einen neuen Tempel am Rudolfsplatz vor. Das Projekt fand den Beifall der maßgebenden Persönlichkeiten, wurde aber aus Respekt vor der bereits erstarkten Opposition ad acta gelegt. Es ist gewiß kühn, zu glauben, daß die Gewaltigen des Rathauses jetzt dem Projekt günstiger gestimmt sein könnten. Aber der Kultusvorstand wird gut tun, diesen Plan im Auge zu behalten, sonst sehen wir eines Tages auf dem Rudolfsplatz statt eines Tempels — eine Moschee.