Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Iahrgkmg XXVI Nr. 18 Dr. Bloch’s Zentraloroan für die gesamten Vnteressen des Judentums. -D-. - Wien, 30. April 1909 Lrscbeint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie». Ii/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. oo ■ -oo? Drrugsprris für Vrsterrrirh: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 2O Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal- O tene Petttzeile 24 Heller. C, oO -. .Oo OC? p Do o S. k. PofisparksflenÄNil Slearing-Verk ebr Mr. S10.S76. Redaktion und Administration: » Wien n/i, Hahugaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. oP -.— ■ — —De Inhalt. Leitartikel: Tempel oder Rathaus. — Luegers Eid und Eigenlob. — Der „bekehrte" Bankdirektor. — Die Wiener Juden im Jahre 1809. — „Oesterreichisch-Jsraelitische Union". — Vom Jahrmarkt des Lebens: Neue Gutachten über das Schächten. Sozialdemokraten gegen das Schächten. Zum Juden „gestempelt". Assur. Luigi Luzzatti über Judentum und Liberalismus. — Korrespondenzen: Schreckenstage für die Juden von Mersina. Wien. Der Hilfsverein der deutschen Juden. Kurort Routka. Die zionistische Konferenz in Lemberg. Das Martyrium eines jüdischen Ingenieurs. Der Begründer des modernen Weltbades Pistyan gestorben. Meraner Genesungsheim des Vereines „Asyl für mittellose, kranke Israeliten". Die Amtssprache des Chacham Baschi von Konstantinopel. Mitteilung aus dem deutschen Bureau der „Alllance Jsraälite Universelle". Die Qualen eines gewesenen jüdischen Dumadeputierten. Aus den Geheimnissen der russischen Reaktion. — Vermischtes. — Feuilleton: Sephirah. — Briefkasten. — Inserate. Tempel oder Rathaus. Betrachtungen eines Kultusvorstehers. Seitdem die Gemeinde Wien den sogenannten Dreifaltigkeitshof angekauft hat, schwebt das Damoklesschwert der Regulierung über dem Stadtteil, der von der Mariengaffe und Marc Aurelstraße begrenzt wird. Die Ingenieure des Stadtbauamtes haben bereits die Baulinien gezogen; der Fleischmarkt soll in direkte Verbindung mit der Sterngaffe gesetzt werden und eine ganze Reihe von alten- Häusern wird dadurch der Demolierung verfallen. Bald wird in diesem Viertel der bekannte „Krowot" erscheinen und lachend ein Stück Alt-Wien niederlegen, bei dessen Fall selbst die empfindsamsten Lokalpatrioten keine Träne vergießen werden. Die Judengasie, die nicht bloß Judengaffe heißt, sondern es auch ist, wird verschwinden und die von Herrschaften abgelegten Kleider, welche jetzt verlockend bis in die Fahrbahn der Straße hinausragen, werden eine andere Stätte aufsuchen müssen, wo fie ungestört sich in das bürgerliche Privatleben zurückziehen können. Nichts wird von der Judengaffe übrig bleiben, vielleicht nicht einmal ihr Name. — Mitten in diesem der Regulierung verfallenen Häuserkomplex steht das Gemeindehaus der Wiener Kultusgemeinde. Dasselbe wird wohl durch diese Regulierung nicht unmittelbar betroffen, aber wenn ringsum neues Leben aus den Ruinen sprießen wird, werden alte Wünsche, Hoffnungen und Pläne lebendig werden und es wird an den Kultusvorstand die ernste Frage herantreten: Soll das alte Wiener Gemeindehaus einem Neubau weichen und welchem Zweck soll dieser Neubau dienen? Soll das in jeder Richtung unzulängliche Verwaltungsgebäude demoliert werden, um einem modernen, allen Anforderungen entsprechenden Rathaus Platz zu machen, oder soll das schon lange an maßgebender Seite befürwortete Projekt, einen großen Prachttempel in der inneren Stadt aufzuführen, alle anderen Pläne in den Hintergrund drängen? Hie Tempel — hie Rathaus! Es wird schon in der nächsten Zeit eine der wichtigsten Aufgaben des Kultusvorstandes sein, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Diese Frage trifft aber den Kultusvorstand keineswegs un- . vorbereitet. Bereits seit Jahren besteht im Schoße des Vorstandes ein aus den hervorragendsten Fachmännern in Bau-, Finanz- und Administrativsachen gebildetes Komitee, welches fich mit der Frage des Neubaues eines Administrationsgebäudes und damit im Zusammenhang mit dem Neubau eines Tempels befaffen sollte. Doch machten die Platz- und insbesondere die Finanzfrage solche Schwierigkeiten, daß in keiner Richtung bisher ein Resultat erzielt wurde. Das einzige positive Ergebnis war, daß der Kultusvorstand durch Ankauf des dem alten Administrationsgebäude benachbarten Hauses den Willen bekundete, seinen Amtssitz nicht zu verlegen, sondern auf der historischen Stätte seines bisherigen Wirkens zu verbleiben. Ueber die Frage des Neubaues eines Administrationsgebäudes konnte das Komitee nicht schlüffig werden, selbst dann nicht, als im Plenum im Vorjahre diesfalls ein Dringlichkeitsantrag gestellt wurde. Dieser Antrag verwies auf die im Administrationsgebäude bestehenden, ganz unhaltbaren Zustände, auf die Unzulänglichkeit der Bureauräume und die dadurch bedingte Schädigung der Verwaltung, welche die Errichtung eines neuen Gebäudes gebieterisch fordern. Tatsächlich ist für jeden, der, sei es als Mitglied der Verwaltung, sei es als Partei, in dem Gemeindehaus zu verkehren bemüffigt ist, klar, daß der Neubau eines Verwaltungsgebäudes zu den allerdringlichsten Postulaten gehört. Als vor mehr als achtzig Jahren dieses Haus errichtet wurde, war die Gemeinde in der Lage, alle ihre Institutionen, Tempel, Religionsschule, Bureaus, ja sogar eine Mikwah, in demselben unterzubringen und überdies Räume für die Wohnungen des Predigers, Oberkantors, Kantors und der Diener zu erübrigen. Seitdem jedoch durch das Jsraelitengesetz und namentlich durch die Vereinigung der Vorortegemeinden die Agenden angewachsen find, ist das Bedürfnis nach Erweiterung der Bureaus gestiegen, ein Bedürfnis, welches selbst durch Einbeziehen von Wohnungen und Heranziehung des zu diesem Ende angekauften Nachbarhauses nicht befriedigt werden konnte. Selbst wiederholte Adaptierungen konnten eine richtige Plazierung der nötigsten Departements nicht zuwege bringen, was die Administration äußerst erschwert und den Geschäftsgang zu einem schleppenden gestaltet. Um einen der wichtigsten Mängel anzudeuten, sei erwähnt, daß das Sekretariat, welches unausgesetzt mit dem Präsidium in Kontakt stehen muß, von diesem durch den Sitzungssaal und zwej Kommissionssäle getrennt ist. Die Hilfsämter, die den Ein- und Auslauf der Akten, das Zirkulieren in den Bureaus be-