Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Dr. Blochs Wochenschrift. Nv. 17 Leite 2ü8 vor einigen Wochen ist hierfelbst eine „Allianza Hispano- Israelita" begründet worden, mit dem ausgesprochenen Zweck, um einer Rückberufung der Juden die Wege zu ebnen. Ein Ausruf zum Beitritt weist unter anderen einflußreichen Unterschriften die Namen des ehemaligen Ministerpräsidenten Moret, des früheren Vorsitzenden der Deputiertenkammer Canalejas, des Führers der Republikaner Rakens und die der Dichter Perez Galdos und Blasco Jbanez auf. Den wackeren Männern und damit der von ihnen propagierten Idee, ist soeben eine überaus wirksame Hilfe erstanden. Die „Lorrespondencia de Espana", ein alles eher als radikales oder antiklerikales Blatt, veröffentlicht in einer ihrer letzten Nummern den nachstehenden bedeutsamen Artikel ihres als Berichterstatter in die Türkei entsandten Redakteurs Julis Cambai: „In diesem babylonischen Gewirr aller Sprachen hat keine eine gleich interessante Geschichte, wie das Spanische. Als die Juden Spanien verließen, nahmen sie die Sprache mit sich wie einen teuren Schatz, und als solchen pflegten sie dieselbe auch. Ist es befremdlich, daß sie sie so pflegten, da es ja doch Juden waren? Unter ihrer Zeit hat sich das Castellanische hier durch mehr als vier Jahrhunderte laug erhalten und zwar besser noch als in Spanien selbst. Es ist fast dasselbe Castellanische, wie das des XV. Jahrhunderts, nur mit einigen ausländischen Worten vermischt. Ich will hier nicht das Tun der katholischen Könige, als sie die Juden aus Spanien vertrieben, erörtern; ich will nur bemerken, daß, wenn die Juden Anlaß zu ihrer Vertreibung gaben, sie 'sich dann durch ihre spätere Führung eine völlige Verzeihung verdient haben. Allein ihre Sprache müßte genügen, um sie der größten Sünden ledig zu sprechen. Hier in Konstantinopel, wo sich alle Idiome vermischen und verlieren, haben die Juden ihr Castellanisch wie ein köstlisches Erbe vom Vater auf den Sohn vererbt. Man muß bedenken, daß dieses Spanisch ihnen zu nichts diente, daß sie sich im Handel und Verkehr anderer Sprachen bedienen mußten. Nur unter sich redeten sie das Castellanische und immer^uur dieses. Noch heute ist es der Mutterlaut, in dem das erste Stammeln des Kindes klingt. „Für uns dient es zu nichts", sagen die Väter, „aber ihnen wird es vielleicht einmal nützlich sein". Denn so viele Geschlechter hindurch haben sie nie die Hoffnung verloren, daß ihnen das Vaterland eines Tages wieder die mütterlichen Arme offnen werde. Als Familiennamen haben sie Namen ihrer spanischen Heimatsstädte angenommen. Darum findet man unter den ersten Bankiers von Konstantinopel Namen, die dem Ohr des spanischen Reisenden so vertraut klingen: Senores» Toledo, Gebrüder Euenca. Noch viele andere Juden nennen sich mit den Namen unserer Städte: Sevilla, Cordoba, Zaragoza, Rosas, Calahorra. Dann möchte ich noch den merkwürdigen Umstand erwähnen, daß es israelitische Zeitungen gibt, deren spanischer Text in hebräischen Lettern gedruckt wird. In dieser Form erscheinen in Konstantinopel die beiden israelitischen Tageblätter „El Tiempo" und „El Telrgrafo". Jetzt ist man daran, noch eine andere Zeitung zu gründen, die in lateinischen Lettern gedruckt werden soll. Wie kommt es, daß unsere Regierungen niemals dieses so überaus wichtige Problem der Juden des Orients studiert haben? Nicht nur um der Gerechtigkeit willen hätte man sich ihrer annehmen, sondern aus praktischen Gründen sich ihrer bedienen müssen. Spanien war verpflichtet, der Stimme seiner Söhne alle Aufmerksamkeit zu widmen. Was hätte es gekostet, einige Schulen in der Türkei zu errichten, um das Castellanische der spanischen Juden zu reinigen und zu modernisieren? Welche geringe Arbeit würde es bedeutet haben, sie allmählich zu Protegierten und zu Staatsangehörigen zu machen? Im Jahre 1905 wandte sich der damalige spanische Konsul in Konstantinopel, Herr Moralh Canete, nach einer Versammlung der Juden, die im Konsulat stattgefunden hatte, an seine Regierung, um sie in dieser Frage bis in's Einzelne zu unterrichten. Vier Monate später erhielt er in einer Kabinettsorder den Bescheid, der nicht ja und nicht nein lautete, daß aber die Regierung die Anhänglichkeit der Juden an Spanien zu schätzen wiffe, daß die Sache keinen Schritt weiter gekommen. Unter dem alten Regime hatte ein ausländischer Staatsangehöriger oder ein Protegierter in der Türkei mehr Vorteile als alle Türken. Er bezahlte keine Steuern, er genoß die Privilegien der Verträge und durfte auf die Hilfe seiner Landesvertretung in allen gerichtlichen Dingen rechnen. Darum wollte kein Jude türkischer Untertan werden. Noch heute entbehrt ihre Mehrzahl einer gesetzlichen Staatszugehörigkett. Die Verfassung wird nun aber in diesen Zuständen gründlich Wandel schaffen. In Zukunft dürfte der Ausländer keinerlei Bevorzugung vor dem Türken genießen. Dann werden sich also die 500.000 oder 600.000 . Israeliten der Türkei in türkische Bürger verwandeln, und Spanien wird eine Ungerechtigkeit und einen Irrtum zugleich bereuen müssen. Es wird eine Quelle beträchtlicher Einkünfte, ein Stück reicher Zukunft seines'Handels und ein mächtiges Element zur Verbreitung seiner Sprache für immer verloren haben. Sieben Nationen weiß ich zu nennen, die, klüger als Spanien, sehr viele Jsraelüen des Orients mit ihrem Banner schützen, nämlich Italien, Frankreich, Griechenland, England, Deutschland, Oesterreich und Persien, Ja, sogar Persien!" Sabbath-Militärmz-sik kn Jerusalem. Der Platzkommandant von Jerusalem, Generalmajor Djsmal Vey, richtete an den Herausgeber der hebräischen Zeitung „Ehabazeleth" in Jerusalem das folgende interessante Schreiben: .»Ich bin sehr erfreut über den überaus warmen Empfang, den die geehrte jüdische Gemeinschaft der Militärplatzmusik am vorigen Montag zu Ehren des Purimfcstes im Stadtpark bereitet hat, sowie über die lobenden und schmeichelhaften Anerkennungen, welche mir und meiner Mannschaft in den jüdischen Journalen gezollt wurden. Ich fühle mich verpflichtet, der jüdischen Bevölkerung für diese Anerkennung meinen innigsten Dank auszusprechen. Um mich nun dieses mir gespendeten Lobes auch in Hinkunft würdig zu zeigen, habe ich das Vergnügen, bekannt zu geben, daß die Militärkapelle die Ehre haben wird, vom nächsten Sabbath angefangen, in erster. Zeit jede zwei Wochen und nach kurzer Zeit jeden Sabbath ein Konzert zu veranstalten. Mit wiederholtem Danke Ihr Djemal m. p." Juden in Südafrika. Die jüdische Bevölkerung in Südostafrika, hauptsächlich in Transvaal wird laut der letzten statistischen Kundmachung auf ungefähr 50.000 Seelen abgeschätzt. Es dürften sich Juden befinden in Transvaal 25.000, in Kapland 20.000, in Natal 1700, im Oranje-Freistaat 1500, in Rhodesien 600. Außerdem leben ungefähr 300 Juden in den portugiesischen Kolonien, hauptsächlich in der Stadt Lourenco-Marques. Die meisten Juden leben in Johannesburg, wo auf eine Gesamtbevölkerung von 85.000 Weißen 15.000 Juden kommen. In der Stadt Kapstadt wird die'gaftze Bevölkerung auf 80.000 Mann abgeschätzt, darunter dürften 8000 Juden sein. In Prätoria leben 1200 Juden und die ganze Bevölkerung dieser Stadt ist ungefähr 22.000 Mann stark. Die Hauptstadt von Oranje, Blumfontein, hat ungefähr 1000 Juden bei 8000 Einwohnern. Die größte Stadt von Natal, Durban, hat 1250 Juden bei einer Bevölkerung von 60.000 Seelen. Einen Begriff des jüdischen religiösen und gesellschaftlichen Lebens in Südafrika kann folgende Bekanntmachung über jüdische Gemeinden und religiöse Anstalten im letzten Heft des „Emigranten" geben: In Johannesburg befinden sich sechs Schulen und Bethäuser, eine große Zahl von Betstuben, eine Genossenschaft, welche arme Emigranten unterstützt, ein Frauenkomitee, welches ein „Asyl für Verwaiste" unterhält, eine Schule für Emigrantenkinder und einige andere Anstalten. Ueberdies hat die Stadt eine Religionsschule und eine Bibliothek. In Kapstadt sind drei Schulen, ein Verein zur Unterstützung von Armen, ein Frauenverein zur Unterstützung von Kranken, ein Asyl für Verwaiste, eine Gemeindeschule, einige Klubs. Solche religiöse und gesellschaftliche Vereinigungen existieren auch in folgenden Städten: Prätoria, Kimberley, Port-Elisabeth, Vlumfontein, Kronstadt, Marizberg und Durban. In Durban. der Hauptstadt von Natal, ist der englische Gouverneur Sir Mathias Nathan ein Jude. Im allgemeinen beschäftigen sich die Juden dort mit denselben Erwerbszweigen, mit welchen sie sich in Europa beschäftigt haben. Die Mehrzahl von ihnen besteht , aus Hausierern und kleinen Krämern. In den jüdischen Krämereien werden die unterschiedlichen Warenarten verkauft, die auf den einfachen Geschmack der Kaffern und Buren berechnet sind. Die reicheren europäischen Käufer haben nur mit den großen, englischen Geschäftsläden zu tun. Aber auch die von der Kultur schon beleckten Kaf-