Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 294 Dt. Vlochs Wschenschrift. Nr. 17 wie die Juden, daß sie nur Gleichberechtigung verlangen, aber in der Tat streben beide nach der Weltherrschaft, nach der Unterjochung und Ausbeutung aller anderen Völker. Vor sechzig Jahren tonnten wir, das allein zur Beherrschung aller Meere berechtigte Volk, noch drohen, wir würden die Flagge der kleinen deutschen Flotte als Seeräuberflagge behandeln, und jetzt wagt es Deutschland sogar, Dreadnoughts wie wir zu bauen! Da wäre wirklich schon ein Stöcker nötig, um die Deutschen „etwas bescheidener zu machen". Man mutz ihnen vorschreiben, wieviel Schiffe sie bauen dürfen — wie man den Juden in Rutzland vorschreibt und die Antisemiten in Oesterreich ihnen vorschreiben wollen, wieviel ihrer Kinder die Schule besuchen dürfen. So hetzt die chauvinistische englische Presse mit Lügen. Verleumdungen und geheuchelter Angst gegen das Deutsche Reich wie die antisemitische gegen die Juden. Es ist hier wie dort der Neid und Hatz der seit Jahrhunderten Bevorrechteten, der „Herrenvölker" gegen die die Gleichberechtigung Anstrebenden, seit Jahrhunderten Unterdrückten und Zurückgesetzten. Der Unterschied ist nur der, datz die Engländer ihre zur Bekämpfung der deutschen Seemacht bestimmten Schiffe aus eigenem Eelde bauen, während die Antisemiten sich gern aus fremden Taschen bereichern. M. Israels Kildrmgstrieb in der Diaspora. (Eine historische Causerie). Von Dr. Josef Hoff, Rabbiner in B i s e n z. Lange noch ehe daS sichtbare Heiligtum Gottes von der Erd? verschwand, hatten die Weisen Israels die Vorbereitungen getroffen es in den Seelen seiner Bekenner von neuem zu gründen, und so durste der den Schrecken der belagerten und dem Untergange geweihten Stadt Jerusalem entkommene Rabbi Jochanan ben Sakkai als höchste Gunst von dem römischen Feldherrn die Erhaltung der jüdischen Schulen erbitten und erlangen. Schon vor Jahrtausenden galt unseren Alten die Erkenntnis höher als der Glaube, und darum stellten sie mit Recht die Erforschung des Gesetzes über das Studium der Lehre. Wissen ist nach jüdischem Grundsätze nrcht Macht, wie die moderne Phrase lautet, — denn wir streben nicht nach Gewalt — aber „sei stark", das ist der mächtige Widerhall, der aus unserer Lehre heraus, klingt, sei stark, damit du die allgemeine Sache würdig vertreten, damit du ein selbständiges, eigenes Leben, das auch dem Wohle Anderer dient, führen könnest. Und diese Stärke hatten unsere Väter erworben — durch daS Wissen, durch die Schule. Die Geschichte der Juden seit ihrer letzten großen Erhebung gegen den römischen Despotismus ist nur eine Geschichte ihrer Leiden und friedlichen Bestrebungen: Die Palme, ihr altes Symbol, hat sie nie verlassen, sondern war ihnen stets über die ganze Erde gefolgt. Zäher und inniger als ihre Stammesverwandten, die spanischen Araber, wußten sie in Europa festen Fuß zu fassen, indem sie sich ihren Verfolgern notwendig machten. Wohin sie kamen, erstand mit dem Bcthaus die Schule, lebten die alten religiösen Gebräuche des fernen Orients wieder auf und so waren die Schule und der religiöse Gemeindeverband die beiden großen Institutionen, die das Wandervolk in die Fremde geleiteten. Keine Unterdrückungen, keine Grausamkeiten hatten es vermocht, daß die Juden in ihrer Zerstreuung ihre hohe geistige Bildung vernachlässigten. Als die Schulen von Hillel und Schammai aus Jerusalem vertrieben wurden, erblühten sie von neuem in dem fernen Osten. Es war der Stolz der Juden, daß alle ihre Kinder unterrichtet sein sollten und datz jedes derselben etwas Nützliches gelernt hätte. Während die romanischen Völker immer mehr in Verfall gerieten, während ganz Europa einer barbarischen Unwissenheit anheimfiel, blühten die alten und berühmten Hochschulen zu Sura und Pumbeditha, damals das Oxford und Cambridge der Juden Babels, zu mächtigem Ansehen empor, und als diese untergangen waren, sammelten sich die jüdischen Weisen in den spanischen Hauptstädten, vor allem in dem prächtigen Cordova, der größten Stadt des Occidents, deren Ruhm selbst bis in das sächsische Kloster G.uidersheim drang, so daß die gelehrte Aebtissin Hroswitha sie in schwungvollen Versen besang. Dort errichteten die Juden ihre Schulen und nahmen die alten Studien wieder auf. Doch nicht allein in der Auslegung des Gesetzes suchten die Juden der iberischen Halbinsel zu glänzen, sie machten sich auch durch Tüchtigkeit in allen Staatsgeschäften bemerkbar; kaum war eine Ministerkrisc in den maurischen Reichen an den Säulen des Herkules entstanden, da war auch schon ein jüdischer Schriftgelehrter zur Hand, der, vertraut mit ollen Spielarten der damaligen Diplomatie, die ganze Staatsverwaltung übernahm, und sie mit Geschick und Ehrlichkeit führte. Auch die Dichtkunst stand damals in höchsten Ehren und so wetteiferte denn das Israel Andalusiens mit dem Islam in den sanften Spielen der Muse und verband sich mit ihm zur Veredlung des Geistes und zur Pflege aller freien Künste. Aber Talmudstudium, Staats - geschäft und Dichtkunst genügten dem strebsamen Geist der Juden noch immer nicht, denn wir sehen sie bald auch in der Mathematik, in der Astronomie und Astrologie das Höchste leisten, was damals in Europa geleistet wurde, und was die Arzneikunde betrifft, so ist es eine bckanute Tatsache, daß an allen Höfen des Mittelalters die jüdischen Heilkünstter den Vorrang hatten. Sie waren Leibärzte bei den karolingischen wie bei den griechischen Herrschern, bei den Chalifen wie bei den Sultanen, bei den Königen von Spanien, Frankreich und England, ja mitunter auch bei Päpsten. Durch ihre Abhandlungen über Philosophie, Medizin und Mathematik legten die Juden Spaniens den Grundstein für die modernen Wissenschaften und hielten unbestreitbar eine geistige Oberhoheit über alle Völker der Erde aufrecht; sie waren die ersten Träger der Kultur. Erst als die Kriege zwischen den Mauren und den Spaniern begannen, eine Stadt nach der anderen in Trümmer ging und in die Macht der katholischen Könige fiel, da sank auch der Glanz des spanischen Judentums alsbald dahin; eine neue finstere Zeit brach über das gesegnete Land herein und der intolerante, ungebildete Priester begann ^herrschen. Die Inquisition erstand. Raub und Mord waren die bewegenden Momente in der Priesterherrschaft. An Stelle der Schulen und Universitäten würden nun Klöster errichtet/ in denen die Dominikaner sich in Ausschweifungen ergingen und die Fesseln für die Menschheit schmieden halfen. Wissenschaft und Geistesbildung siechten vor ihrem Pesthauch dahin und als im Jahre 1492 — da bereits eine neue Aera in der Zivilisation der Menschheit leise zu dämmern begann — die Königin Jsabella, die Begründerin der Inquisition, die Juden aus Spanien zu vertreiben beschloß, da ward Spanien für immer dem Verfalle unrettbar preisgegeben. Mit der Austreibung aus Spanien hatten die Leiden der Juden ihren Höhepunkt erreicht, und von fttzt an begann sich ihr Geschick zu wenden. Langsam kamen sie zu neuem Gedeihen empor. Die Reformation fing an ihre Früchte zu tragen und eine gerechtere Beurteilung wurde den Juden zuteil. Die Kultur und das W i s s e n, welche sie selbst in den f i n st e r st e n Zeiten ihrer Geschichte zu bewahren verstanden hatten, halfen das Vorurteil zerstreuen und das Gefühl einer allgemeinen Humanität'stärken. Die Menschheit erkannte immer mehr den Wert der Geistesschätze, welche die Juden gerettet hatten. Mit den Psalmen Davids verließen die Hugenotten Frankreich, zogen die schottischen Convenanters in die Schlacht, mit den zehn Geboten in der Hand gründeten die Puritaner in Amerika sich eine neue Heimat. Mit dem Schwerte von Gideon bekämpften die Niederlande die Inquisition, eroberte Cromwell dem englischen Volke seine Freiheit- Ueberall Machte sich der Einfluß jüdischen Denkens fühlbar, und Philosophie und Dichtkunst baute bis in die heutige Zeit hinein auf dem Grundstein weiter, den das Judentum in seinen Schriften gelegt hatte. So haben sich die Juden in der Diaspora unter a l l e n Nationen als die geistigen Beweger des Menschengeschlechtes bewährt. Wie ein langer glänzender Lichtstreifen durchleuchtet ihre höhere geistige Bildung das Dunkel aller Jahrhunderte. Ihre großen Gelehrten und Männer der Wissenschaft, ihre Gesetzeskundigen/ihre Aerzte pflanzten sich in gleicher Tüchtigkeit von Jahrhundert zu Jahrhundert fort. Von allen europäischen Völkerrassen gerieten die Juden allein nicht in die tiefe Geistesfinsternis, welche über ganz Europa lagerte, denn selbst zur Zeit des größten Druckes, wo unter Nichtjüden Lesen und Schreiben eine seltene Kunst war, wuchsen-sie nicht ohne Wissen heran; war es