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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-23 · 17 (23.4.1909) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 293 richtet, sagte einmal der alte Kaiser, von Stöcker sprechend, er billige zwar nicht sein Treiben, aber „halte den Spektakel für nützlich, um die Juden etwas bescheidener zu machen". Ein Wort Kaiser Wilhelms I. hat mehr Bedeutung als Hundert Festreden des Bürgermeisters Dr. Lueger, und es erscheint daher der Mühe wert, zu untersuchen, ob der kaiserliche Vorwurf berechtigt war, ob wir Juden wirklich so unbescheiden sind. Unter Unbescheidenheit versteht man gewöhnlich eine den wirklichen Wert seiner eigenen Persönlichkeit, seiner Fähigkeiten und Leistungen übersteigende Selbstschätzung, das Streben nach höherer Stellung und höherem Ansehen als wozu Verdienste, Wissen und Einsehen berechtigen. Nennt man die Juden unbescheiden, manche Antisemiten sagen sogar frech und zudringlich, so heißt es also, daß sie Aemter und Stellungen verlangen, zu denen sie nicht die nötige Eignung haben. Und, wohlgemerkt: nur deshalb werden ihnen diese von den Regierungen in Oesterreich und Deutschland nicht verliehen, nicht etwa wegen ihrer Religion, denn sie sind ja seit etwa vierzig Jahren den christlichen Staatsbürgern gleichgestellt. Die Staatsämter, heißt es in manchen Konstitutionen und Gesetzen, sind allen Bürgern ohne Unterschied der Konfession zugänglich. Mitunter erklärt auch ein Minister oder sonstiger Regierungsvertreter: die Staatsanstellungen können den Juden verliehen werden, aber sie müssen ihnen nicht verliehen werden, und setzt jüdische Beamte, Offiziere und Militärärzte gegenüber ihren christlichen Kollegen zurück. In Deutschland antwortet der Kriegsminister achselzuckend, er könne die christlichen Offiziere nicht zwingen, jüdische Kameraden in ihre Regimenter aufzunehmen. ' Ja, hat denn der deutsche Kaiser gar nichts zu sagen? Ist er nicht „oberster Kriegsherr"? Er kann einen Kriegsminister ernennen, aber keinen Leutnant! Man fragt sich bei solchen Antworten, ob darin mehr Rabulistik oder mehr Frozzelei steckt. Aber vielleicht liegt die Schuld wirklich bei den „unbescheidenen" Juden? vielleicht verlangen sie Aemter und Stellungen für die sie nicht befähigt., zu denen sie nicht geeignet sind? Sehen wir uns in den zivilisierten Ländern mm, in denen die Gesetze nicht bloß auf dem Papier, sondern auch in der Regierungsvraris existieren, so finden wir jüdische Minister. Generale, Gesandte und sonstige höhere Beamte in England. Frankreich, Italien, Holland, Nordamerika usw. Wir unbescheidenen Juden in Oesterreich und Deutschland versteiaen uns gar nicht zu so hohen Ansprüchen, wir wären schon mit einigen Bezirksvorstehern, Gymnasialdirektoren, Stabsärzten und einigen königlich-preußischen Hauptleuten zufrieden. Sind wir auch dazu nicht geeignet sind wir minderwertiger, minder fähig als unsere Brüder in den erwähnten zivilisierten, streng verfassungsmäßig regierten Ländern? Aber gehören denn nicht alle Juden einer und derselben Rasse an? Hängen nicht alle Juden eng zusammen? Sagen nicht deutsch-nationale Antisemiten „in der Rasse liegt die Schweinerei?" Aber die Juden nehmen vieles von den Völkern an. unter denen sie leben, im guten wie im schlechten: sind sie in Oesterreich und Deutschland geistig und moralisch geringwertiger. minder arbeitsam, minder patriotisch als in England, Frankreich. Italien usw., dann kann die Schuld nur an dem schleckten Beispiel der Deutschen und Slaven. unter denen sie hier wohnen, liegen. Und berechtigt nicht das ganze Treiben der deutschen und slavischen Politiker zu dieser Annahme? Der an und für sich höchst bedauerliche Nationalitätenkampf in Oesterreich ist durch den Antisemitismus und Klerikalismus noch mehr verbittert worden, und die Nationalitäten befolgen das Beispiel der Antisemiten. — Siehe Boykott, Streit um Aemter und Anstellungen in Böhmen, Verleihung solcher nicht nach Befähigung, sondern nach Zugehörigkeit zu Nationalität oder Konfession u. dergl. Niemand kann zwei Herren zugleich dienen, steht schon im Evangelium. Man kann in einem aus vielen Nationalitäten bestehenden Staate nicht gleichzeitig national und freiheitsliebend sein. Das haben die liberalen Deutschen sich gemerkt als sie den Juden und den wirklich Freisinnigen den Eintritt in ihren Klub verwehrten. Dagegen liebäugeln sie mit den Christlichsozialen, lassen sich von ihnen ins Schlepptau nehmen oder — an der Nase führen. Nur weitz man nicht warum sie sich noch liberal oder freisinnig nennen. Und im deutsch-demokratischen „verjudeten" Verein wird wieder mit den deutschnationalen Antisemiten geliebäugelt. Schon bei der Gründung diefes Vereines, im Oktober 1907 äußerte Freiherr von Hock sein Bedauern darüber, daß die Deutschnationalen sich von ihm fernhalten. „Wertvolle Kräfte", sagte er, „gehen uns dadurch verloren, wir wünschen, daß sie ihre Isolation verlassen!" Und ein Dr. Bernart sagte: „Das nationale Programm des Vereines ist so. daß jeder ehrliche Deutschnationale sich ihm anschließen könne." Glücklicherweise haben die Deutschnationalen sich diesem Entgegenkommen gegenüber spröde verhalten: glücklicherweise sagen wir, denn sonst wäre auch dieser Verein antisemitisch geworden. Nicht bloß in bezug auf Aemter und Offiziersstellen werden die Juden in Deutschland schlechter behandelt als ihre christlichen Mitbürger, man nimmt es ihnen auch übel, wenn sie so „unbescheiden" sind, den Schutz des Staates gegen Beleidigung und Bedrohung zu verlangen. Wie man in Oesterreich gegen den Boykott erst dann energisch einzuschreiten ckegann, als Christen von ihm bedroht wurden, so hat man in Deutschland den berüchtigten Grafen Pückler jahrelang zur Beraubung und Ermordung der Juden hetzen lasien. Erst als er noch dazu einen Grafen Reventlow beschimpfte, schritt man ernstlich gegen ihn ein.*) Und auch da übernahm der Staatsanwalt beinahe die Rolle des Verteidigers, bezweifelte Pücklers Zurechnungsfähigkeit und führte als Beweis dafür seine seit vielen Jahren fortgesetzte agitatorische Tätigkeit an, „trotz der Erfahrungen, die er in kriminalistischer Beziehung an sich selbst hat machen müsien". — Nach dieser Logik müßte man eigentlich jeden Gewohnheitsdieb, jeden rückfälligen Verbrecher für geistig defekt erklären. Aber die „Unbescheidenheit" der Juden wirkt ansteckend. Jetzt beginnen schon die christlichen bürgerlichen Deutschen über die Bevorzugung des Adels beim Militär und in der Diplomatie zu klagen, und andererseits entrüsten sich die Engländer über die Unbescheidenheit und Zudringlichkeit der Deutschen. Was, rufen sie, dieses Deutsche Reich, das noch vor fünfzig Jahren nur ein geographischer Begriff war. das will jetzt eine Weltmacht sein? Wir haben es ungefähr zu derselben Zeit, als es die Juden emanzipierte, par courtoisie als Großmacht anerkannt, aber es soll, wie die Juden, sich mit der Anerkennung auf dem Papier begnügen. Es war früher auf dem europäischen Kontinent wie in einem Ghetto eingeschloffen, wir haben es gnädig geöffnet, aber das soll nicht heißen, daß sie sich überall unbescheiden vordrängen, sich Paläste auf der Ringstraße erbauen, will sagen. Kolonien gründen, in Asien und Afrika unserem Handel Konkurrenz machen. Es will nur seinen Platz an der Sonne haben, sagt Deutschland. *) Di e Gerichtsverhandlung fand im Jänner 1907?s1att/ Ob der edle Graf doch verurteilt wurde ist mir^nicht erinnerlich.

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