Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 292 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 17 Schaffens wurde Dr. Friedrich Elbogen plötzlich ge- , knickt, er, der lebensprühend und hochbegabt noch bedeutsamem Wirken Vorbehalten zu sein schien. Die Gabe der Rede, die in Wort und Schrift ihm so voll eignete, kennzeichnet oder erschöpft keineswegs seines Wesens reichen Inhalt. Mochte seinen Lippen sich Jovis Donner entladen oder ihnen „Milch und Honig" entströmen, mochte dröhnendes Pathos seinen Brustkorb schwellen oder scharfsinnige Kasuistik seinen Blick erhellen, mochten die Grazien heiteren Scherzes oder die Kobolde sicher treffender Satyre seinen Mund umspielen — immer und in Allem, in seiner literarischen wie schriftstellerischen Produktion, welche schöne Früchte zeitigte, ganz vornehmlich auf seinem Berufsgebiete der vielfachen anwaltschaftlichen Betätigung und nicht zuletzt in seinem Gehaben als Freund und Genoffe bildeten den kostbaren Untergrund seines Denkens, Tuns und Empfindens edle Menschlichkeit und wahrhafter Adel des Herzens und Gemütes. Als ob des unvergeßlichen Gelehrten und Idealisten Nothnagel geflügeltes Wort, ein guter Arzt müsse auch ein guter Mensch sein, sich auf Elbogen als Advokaten übertragen und in ihm verkörpert hätte, finden wir ihn stets und überall bereit, mit der ganzen Jmpetuosität seines Charakters, mit dem Feuereifer seines Naturells das Unrecht wider den Einzelnen abzuwehren, Vorurteile und Bedrückung zu bekämpfen und unentwegt für Recht und Humanität einzustehen. Und wenn wir speziell an dieser Stelle dem Plötzlich entrissenen Freunde ein bescheidenes Gedenkblatt widmen, so ist es nur natürlich, daß wir ganz besonders auch jener hingebungsvollen Aktion gedenken, in welcher alle Vorzüge und Tugenden des Verstorbenen, jene des Advokaten und des Menschen, leuchtend sich vereinigten, und welche dem wegen berüchtigten Doppclmordes unschuldig verurteilten, hinter Kerkermauern schmachtenden Opfer eines Justizirrtums gewidmet war. Noch hören wir den mutigen Kämpfer für Recht und Wahrheit, trotzend einer Welt von Vorurteilen und Gehässigkeit, inmitten der ansehnlichen großen Volksversammlung mit flammender Beredsamkeit seine Gründe und Argumente gegen die behauptete Blutschuld und das verhängnisvolle Fehlurteil entwickeln, sehen die erregte Menge an des impulsiven Redners Lippen hasten, der sie aufruft zu einer allgemeinen Kundgebung ihrer Ueberzeugung, zu einem einheitlichen Kampfe um Hilfe und Gerechtigkeit, den er mit allen Schätzen seines Wissens und Empfindens selbstlos im Dienste der Wahrheit und des Rechtes unternommen. Dessen sei ihm hier dankbar gedacht — und wenn der Erfolg ihm noch versagt blieb, wenn die Standarte zu früh seiner gelähmten Hand entfiel, so möge dieses sein Vermächtnis von würdigen Nachfolgern aufrechterhalten und zum Triumphe der Wahrheit, zur Ehre des Judentums erfüllt werden. Wir danken dem teueren Dahingeschiedenen die überzeugungsstarke Initiative und nehmen Abschied von dem herzenswarmen, geistesstarken und wissensreichen Manne, dem als Anwalt und Freunde ein gleich ehren- und liebevolles Andenken gewahrt bleibt. Wien, 18. April 1909. Dr. Herrmann Fialla. * * * Die Teilnahme, die das Hinscheiden des Advokaten Doktor Friedrich Elbogen erweckte, kam Sonntag den 18d. M. vormittags bei der Leichenfeier zum Ausdruck. In der Zeremonienhalle der israelitischen Abteilung des Zentralfriedhofes hatten sich um 1kll Uhr außer den Familienmitgliedern eingefunden: der Präsident der Advokatenkammer Dr. Ritter von Feistmantel mit dem Vizepräsidenten Dr. Stroß und zahlreichen Kammermitgliedern, unter denen auch Dr. Herrmann Fialla, Dr. Alfted Skr ein, Dr. Marcus Spitzer, der greise Dr. Max N e u d a waren, der Vizepräsident des Journalisten- und Schriftstellervereines „Concordia" Balduin Groller mit den Mitgliedern der Verwaltung, kais. Rat Stephan Skrein, Ludwig Klinenberger, Dr. Emil K o n r a d und Alfred Pappenhe im, der Obmann des Penfionsfonds der „Concordia" Dr. Gustav S t e i n b a ch, viele Mitglieder der „Concordia", dann Militärsuperintendent a. D. Dr. Seberinyi, Oberlandesgerichtsrat Dr. S p i tz k o p f, die Landesgerichtsräte v. M a r q u e t, Dr. Feßler, Ritter v. Czerny und Dr. Flu ß, der zweite Staatsanwalt Doktor Schuster, die Staatsanwaltsubstituten Prettenhof und Mayer, die kaiserlichen Räte Wilhelm P o l l a k, Ignaz Wilhelm, Duschnitz und zahlreiche Schriftsteller, die Maler Conte L i p p a y und Isidor Kaufmann, Direktor Karl Langkammer und Gemahlin, Komponist Charles W e i n b e r g e r, die Vorsteher der Chewra-Kadischa S. Ste in er und S. Simon, Abordnungen des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus mit dem Oberinspektor Engel und des Oesterreichischen Bundes für Mutterschutz rc. Um 1I%11 Uhr stimmte Oberkantor Fuchs die Trauergesänge an. Dann nahm namens der Advokatenkammer Dr. Ritter von Fei st mantel vom Toten Abschied. Advokat Dr. Viktor R o s e n f e l d sprach den Scheidegruß der Kollegen. Dann wurde der Sarg zum Grab getragen und in die Tiefe gesenkt. Der Kaufmännische Gesangverein, dessen Vorstandsmitglied Dr. Elbogen war, sang Mendelssohns „Es ist bestimmt in Gottes Rat". Am offenen Grabe sprach Vizepräsident Balduin Groller für die „Concordia". Nachdem noch Konzipient Dr. Otto Z e i s c l im Namen der Kanzlei Abschied von dem Chef nahm, trat kais. Rat Wilhelm P o l l a k, Vorstand des Wiener kaufmännischen Gesangvereines, an das offene Grab, und nahm im Namen dieses Vereines mit folgenden Worten Abschied von dem Verblichenen: »Zum letzten Male, Friedrich Elbogen, grüsse ich, was sterblich an Dir war. Unvergesslich wirst Du sein in unser aller Angedenken, Du unser langjähriger Vorstand, an dessen Lippen wir alle hingen, wenn sie edle Worte des Kunstsinns zu uns sprachen. Du warst ein trefflicher Mann, der viel geleistet hat und der bei aller Tatkraft und Energie durch die Liebenswürdigkeit seines Wesens aller Sympathien zu gewinnen wusste. Wer ihn als Mensch gekannt, hat ihn geliebt, wer ihn als Redner gehört, war hingerissen, wer ihn zum Anwalt hatte, war geborgen und hochbeglückt, wer ihn zum Freund gehabt, wie iih! Und wenn wir vom Gesangverein nicht vollzählig wie ein Mann hierher gewallt sind an sein Grab, ihm unseren letzten Sängergruss zu singen, so gab’s nur eine Pflicht, die heiliger war als diese: Unserem Kaiser, unserem Monarchen, dem Fürst des Friedens und der Gnade, unsere Huldigung heute in Schönbrunn treumütig darzubringen. Auch wir, die wir hier am Grabe Eibogens stehen, wir werden unseren Sangesbrüdern nacheilen. Wir werden, wenn wir unsere Stimmen vor unserem Kaiser werden klingen lassen, eingedenk sein eines letzten Werkes Eibogens, das er, ein zweiter Zola, für einen schmachtenden Unglücklichen begonnen hat! Begonnen, ach noch nicht vollendet. Und aus unseren Stimmen wird noch etwas klingen von der Wärme, von der Wehmut, die uns an diesem Grabe ergreift. Eibogens Andenken wird nicht erlöschen, solange noch ein Herz warm schlägt in einer Brust, solange noch ein Ton in unseren Sängerkehlen wohnt. Stimmt an den Abschiedsgruss. Hebt an! Mächtig tönte über die Gefilde des Friedhofes das herrliche Mendelssohn'sche Lied: „Es ist bestimmt in . Gottes Rat . . . ." Dir Unbescheidenheit der Inden. Vor kurzem ist der Hofprediger und antisemitische Agitator Adolf Stöcker gestorben. Er gab sich bekanntlich für einen sehr frommen, königstreuen, patriotischen Deutschen aus, was ihn aber nicht hinderte, in unehrlicher Weise gegen den Fürsten Bismarck, der Deutschland geeinigt und den König von Preußen zum Deutschen Kaiser gemacht hatte, zu intriguieren und zu agitieren. Aber ich will mich mit dem toten Agitator Md Jntriguanken jetzt nicht weiter beschäftigen, nur an eine Aeußerung des Kaisers Wilhelm I. über ihn, an die ich jetzt wieder erinnert wurde, anknüpfend, einiges zur Widerlegung eines den Juden oft gemachten Vorwurfes sagen. Wie Fürst Hohenlohe in seinem Tagebuchs be-