Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-23 · 17 (23.4.1909) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021836--18253-3043171
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sit. 17 beite L8v Dr. Blocks Wochenschrift. zu machen wünschen. Wir sind nun zwar nicht der Vormund der Engländer und wollen sie nicht daran hindern, mit Hilfe vM guten Pfunden Sterling aus schlechten Juden schlechte Christen-zu Machen. Aber in unserem Ketzergemüt sind wir doch voll Mitleid mit den vielen tausend Arbeitslosen Londons, welche an den Themseufern die kalten Nächte verbringen und kraftlos dem. Hungertode verfallen. Für diese bitten wir die englische Mission flehentlich, nur die Hälfte für die Taufe eines Juden zu zahlen, der dem Himmel gerettet werden soll, und die andere Hälfte unter den arbeitslosen Christen Londons zu verteilen, welche dadurch auf Erden ihren Kindern gerettet werden könnten. Die Stufen zum Himmel, die sich eifrige Presbyterianer im Ghetto errichten, sind teuer und baufällig. Viel höher und billiger kämen die gottgefälligen Werke an den Ufern der Themse. Auf dieses Gebiet sollte die englische Judenmission ihre Tätigkeit verlegen, wir sind dafür bereit, trotzdem uns der Erzbischof von Westmlnster nicht mit den Jungtürken in eine Linie stellen will, in unseren ketzerischen Gebeten einen Passus aufzuuehmen „Gott möge sich der Christen erbarmen, die in London in Kälte und Hunger zugrunde gehen, ohne daß sie jemand rettet." Vom Aabrmarkl des Lebens. König Carol von Rumänien. König Carol von Rumänien feierte den 70. Geburtstag, und wir erlebten in Oesterreich das Schauspiel, daß auch die sogenannten liberalen Blätter, mit den reaktionären wetteifernd im Byzantinismus, in allen Tönen und Farben die angeblich hohe Staatsweisheit dieses Hohenzollernfürsten priesen. Daß unter seiner Regierung die Juden die ärgsten Leiden und Verfolgungen zu erdulden hatten, würde selbstverständlich verschwiegen. Unter türkffcher Herrschaft' waren die Juden der Moldau und Walachai freie Männer und Vollbürger, gleich den anderen Bewohnern des Landes, unter der Herrschaft des christlichen Königs Carol von Hohenzollern wurden sie zu Parias, zu rechtlosen Heloten. Rumänien ist jetzt das klassische Land der Bauernunruhen und des Antisemitismus. Die sozialen Zustände dieses Landes sind die entsetzlichsten. Ruinänien leidet unter der barbarischen Despotie von Regierungen, die bald unter konservativer, bald unter liberaler Flagge die eigene Unfähigkeit durch die Niedertretung aller Volksrechte zu verschleiern bemüht sind. Die Ministerposten sind nach einem wohl nicht kodifizierten, aber um so mehr in der Praxis gehandhabten Erbrecht in einer ganz kleinen Zahl bestimmter Junkerfamilien erblich, die sich höchstens dadurch unterscheiden, daß die „liberalen" Staatsvertreter in ihrem Liberalismus so weit gehen, reiche Juden anzupumpen, während die „Konservativen" dergleichen Geschäfte nur bei den reichen griechischen Grotzkaufleuten in Galatz und Braila abwickeln. In den Präfekten, Verwaltungsbeamten, deren amtliche Stellung etwa mit der eines preußischen Regierungspräsidenten zu vergleichen wäre, haben diese Regierungen brauchbare Werkzeuge. Daß solche Regierungen einer Justiz nicht entraten können, die mit drakonischer Strenge jede Aufklärung und jeden Versuch nach der minimalsten Verbesserung der Zustände als schwere ^Verbrechen bestrafen muß ist selbstverständlich; ein Blick hinter rumänische Kerkermauern, hinter denen mancher „Feind des Vaterlandes" seine Jugend vertrauert, würde manchen rumänienbegeisterten Zeitungsschreiber überzeugen, daß mit dem in Europa gepumpten Gelde wichtigere Aufgaben zu erfüllen wären als die 'Haltung eines Heeres von Spitzeln, die an Niederträchtigkeit der GInnung nicht einmal von ihren russischen Kollegen übertroffen werden. Die gesetzgebenden Körperschaften, die Kammern, setzen sich infolge einer von der Regierung mit den verwerflichsten Mitteln betriebenen Wahlkorruplion, bei der der „Rakiu" (Schnaps) eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, in ihrer Majorität stets aus Anhängern des jeweiligen Regiörungssystems zusammen, dem sie'bei der Erlassung der perfidesten Ausnahmegesetze und Entrechtungsverördnungen kritiklose Gefolgschaft' leisten. Nur wenn eine neue Anleihe auf dem europäischen Geldmärkte ausgenommen werden soll, wird ein wenig. Komödie gespielt und das eine oder das andere soziale Gesetz beraten, das aber selten angenommen und.sicher nie dürchgeführt wird. Abnorme politische Zustände schaffen mit eiserner Notwendigkeit jene unglücklichen sozialen Verhältnisse, die sich in regelmäßig wiederkehrenden Befreiungsversuchen äußern, — und die ganze Welt hat keine Ahnung, daß in diesem unglücklichen Lande Millionen hungern und alljährlich Tausende buchstäblich Hungers sterben. Solange der Bauer auf freier Scholle ungestört seinen Pflug führen durfte, hatte er an den Vorgängen des öffentlichen Lebens kein Interesse: sie waren ihm alle, gleich, die Armenier und Juden, die Griechen und Türken, die für das der Erde mühevoll Abgerungene anständige Preise zahlten und ihm einen neuen Markt für die Erzeugnisse seiner Arbeit eröffneten, Es wurde bald anders. Die durch keinerlei Argumente zu begründende bürgerliche Entrechtung der Juden hat für die Entrechteten in erhöhtem Maße abnormale Lebensbedingungen geschaffen, die mit den Interessen der Allgemeinheit nicht immer im Einklang stehen können: denn der Verfolgte und Unterdrückte wird oft im Interesse der Selbsterhaltung zum Verfolger und Unterdrücker. Hier liegen die Wurzeln vieler Uebel. Angesichts dieser Sachlage werden die auf sich selbst gestellten Juden gezwungen, sich mit schwerem Gelde Freiheiten aller Art zu erkaufen, die, weil nicht anerkannt und geregelt, als Geschenke der Laune bestechlicher Regierungen zu schwe-, rem Mißbrauch führen. Die Juden sind, trotzdem ihre Familien, auf ru-. mänischem Boden Jahrzehnte leben, nach einer jesuitischen Verfassungsauslegung Fremde. Als solchen ist ihnen der Erwerb von Grund und Boden verschlossen. Allein sie wissen sich zu helfen: durch eine kluge Einschmuggelung des Instituts der Erbpacht haben sie es verstanden, große Güterkomplere an sich zu bringen und so die gegen sie gerichteten wirtschaftlichen Ausnahmebestimmungen zu durchbrechen. Der Pächter, der jederzeit unter dem Damoklesschwert der willkürlichen Ausweisung steht, treibt Spekulation, setzt an Stelle einer rationellen Bewirtschaftung den Raubbau und wird zum Ausbeuter der landwirtschaftlichen Arbeiter und der Kleinbauern, — so lange es ihm gelingt, durch schweres Geld die Gunst der Mächtigen zu erkaufen. Daß diese jüdischen Pächter sich auch den .Haß der, niederen Bevölkerung zuziehen, ist den regierenden Männern in Bukarest eben so gleichgiltig, wie die dadurch herbeigeführte Verarmung und Verelendung der Massen. Die willkürliche Behandlung der Juden durch die Regierung ruft in chen unwissenden, durch Alküholismus und Pellagra zum Teil entnervten Bauern den Glauben hervor, daß eine gewaltsame Erhebung gegen die jüdischen Pächter, die im letzten Grunde doch nur das Produkt der demoralisierenden Entrechtung sind, ihnen etwas nützen kann. Und ihr Elend treibt sie immer zu neuen Revolten, die dann von der Regierung zum Nutzen der Großgrundbesitzer im Blute erstickt werden. Jede neue Niederlage der Bauern bedeutet dann natürlich vermehrtes Elend und gesteigerte Ausbeutung. : Nur eine vollständige Aenderung des ganzen' Systems kann die Bauernunruhen verhindern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.