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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-23 · 17 (23.4.1909) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 17 Dr. Bloch’s Jahrgang XXVI Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wim, 23. April 1909 Lrscbetnr jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, ix/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. 0(p O i ÖO Q K. k. Postfxarkaffrna«U Sleartng--Verkebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: » Virn IX/i, Hahngaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. w Q O ■■ ..- Qo O Ci " ■ — —üO p Vrprgsprri» für Vrsterrrich: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig £0 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal- O tene Petttzeile 24 Heller. C nO ■ -Oo Inhalt: Leitartikel: Keine Gnade. — BomJahrmarktdesLebeus: König Earol von Rumänien. T-tluahme der Juden von Saloniki am Marsche auf Konstantinopel. Türkische Toleranz. Entscheidung des Berwaltungsxerichtshoies in Angelegenheit der Kultussteuer eines aus dem Judentum Ausgetretenen. Dr. Friedrich Elbogen. Die Unbescheidenheit der Juden. Israels Bildungstrieb in der Diaspora. — Korrespondenzen: Die Söhne Sonnenthals beim Kaiser. Duell und Ehrengericht. Chewra- Kadischa Fünfhaus. Baden. Nyiregyhaza. Alliance Jsraelite Universelle. London. Der dänische Bischof D. G. Monrad über die Juden. Rückberufung der Juden nach Spanien. Sabbath-Militärmusik in Jerusalem. Juden in Südafrika. — Vermischtes. — Feuilleton: Rabbi Aron Kornfeld aus G.-Jenikau. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Keine Gnade. Wenn man nicht wüßte, daß die Engländer keine spaßhafte Nation sind, so könnte man die neueste Tat des Herrn Erzbischofs von Westminster, des Papstes der presbyterianischen Kirche, nicht anders denn als einen Witz auffassen. Der Herr Erzbischof reformierte — kein kleines Ding im konservativsten Lande der Welt, wo die reichen Citychefs noch offene Gasflammen im Bureau haben, weil ihre Großväter offene Gasflammen im Bureau hatten. Es handelte sich natürlich um kirchliches Gebiet. Die Bürger seiner englischen Majestät belieben am Charfreitag auch der anderen Konfessionen freundlich zu gedenken, und zwar in einem besonderen Gebet, das mit den Worten schließt, „der Herr möge die Christen beschützen und sich der Ketzer erbarmen, der Türken und der Juden, damit diese auch bald Christen werden". Das war ein sehr hübsches Gebet, so lange sich die politischen Verhältnisse nicht geändert hatten und die Engländer nicht nur im Gebet, sondern auch an Bmd ihres Mittelmeergeschwaders die väterlichen Protektoren der Türken waren. Nun aber kam die jungtürkische Bewegung und aus dem bevormundeten Mündel wurde ein gleichberechtigter, vielgesuchter Bundesgenosse, dessen Gefühle als Titulatur Herren von Egypten und als Kerkermeister der russischen Schwarzen Meer-Flotte, als großen Konsumenten von Patronen und Konzessionsverleiher die Engländer in erhöhtem Maße zu schonen gedachten. Der englische Botschafter in Konstantinopel gewöhnte sich die Befehlsform ab, schrieb Oel und redete Balsam; der erste Lord der britischen Admiralität ließ nicht mehr Schiffsungetüme mit drohendem Viertelmeterkaliber der offenen Kanonenmündungen im Bosporus paradieren, sondern beeilte sich, für die Reorganisation der Türkenflotte die tüchtigsten Ingenieure zur Verfügung zu stellen. Der Sultan und der König lauschten Geschenke und auch der Herr Erzbischof von Westminster glaubte zur allgemeinen Politik der Versöhnung einiges beitragen zu sollen. Zu diesem Behufe nahm er sich das Charfreitagsgebet her, in welchem die Türken als Konfeffionäre niederer Ordnung dargestellt werden, deren Bekehrung zum Christentum sehr wünschenswert sei. Die Stelle mit den Türken wurde ausgelassen. Wie gesagt, es war nicht leicht. Die Engländer wollten auch das religiöse Protektorat der übrigen Welt nicht so ohneweiters und leichten Herzens niederlegen. Der Erzbischof mußte sich selbst mit einer großen Predigt und ausführlichen Hirtenbriefen bemühen, worin er darlegte, daß nun die Jungtürken einen so moralischen und geordneten, sollte wohl heißen englandfreundlichen Zustand herbeigeführt hätten, daß man wohl ihre Religion nicht mehr beleidigen dürfe und ihnen gestatten müsse, nach ihrer eigenen, vom Koran genau beschriebenen Fasson selig zu werden. Der Antrag wurde nach eingehenden Erwägungen angenommen, der Einfluß der Politik auf die Frömmigkeit blieb in Kraft, die Ketzerei der Türken wurde gestrichen und nur mehr die der Juden bleibt bestehen. Nach wie vor beten Millionen Engländer für unsere Umwandlung in Christen, wofür sie den Charfreitag am geeignetsten halten. Wir hoffen, daß sie keine größeren Sorgen haben, und da sie ein freisinniges Volk sind, wünschen wir, daß ihre andere Sehnsucht sich besser erfülle. Aber wir Juden, die vom Erzbischof von Westminster unmöglich begnadigt werden konnten, haben an ihn und seine Gläubigen eine Bitte. Die Engländer beten nämlich nicht nur für uns, sie geben auch für uns jahraus jahrein ein Heidengeld (welch passender Ausdruck) für Bekehrungen aus. Man hat noch nie für so große Summen so schlechte Ware gekauft. Es ist bekannt, wie groß das Budget der englischen Judenmission ist, welche alljährlich etwa ein Dutzend Ketzerseelen erbeutet und zwar immer die miserabelsten Subjekte, welche sich niemals nach dem Katechismus bekehren, sondern immer nach dem Rechenbuch. Diese Täuflinge müssen geradezu eingebildet werden, denn ein Stück von ihnen kommt auf ungefähr 60.000 Kronen zu stehen, abgesehen von der Mühe, welche die Funktionäre der freiwilligen Seelenrettungsgesellschaft haben. Es ist auch schon im Schoße der englischen Gesellschaft eine heftige Opposition gegen die christliche Judenmission entstanden, zumal die bekehrten Ketzer gar nicht darnach aussahen, als ob sie im christlichen Himmel mit besonderem Wohlgefallen empfangen werden würden. Doch wird die Erscheinung sobald nicht aufhören, daß fromm gewordene Damen und nach Abschluß der Geschäfte pietistisch gewordene Kaufleute sich die himmlischen Mächte durch einen größeren Beitrag für die Judeumiffion geneigter

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