Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 287 noch immer den lieben feinen Peter Hille erstaunt und betroffen dastehen in seinen nassen Segeltuchschuhen. Draußen in Dreck und Schnee heulte der rheinische Karneval, den dieser westfälische Heiligenbruder und Dichter zu sehen gekommen war,* *) mit dem noch einmal ein Stück Romantik Heinescher Art in unserer Zeit seine krausen Fetzen flattern ließ. Man kann nicht anders, man mutz an den Großen Hirschgraben in Frankfurt denken und an das grotzmächtige Patrizierhaus daran und an das reichsstädtische reiche Bürgertum, an die weltkluge Frau Rat und den unerbittlich stolzen kaiserlichen Rat und Sammler von Kunstgegenständen. Dort tonnte der in sich selber ruhende Olympier geboren werden. Der aus der Enge dieses „leichtsinnkranken Höschens" (Peter Hille, „Blätter vom fünfzigjährigen Baum", Seite 107) in der deutschen Welt zur Geltung kommen wollte, dem waren weniger gerade Wege vorbestimmt. Denn wenn auch seine Eltern im Jahre 1809 in das gegenüberliegende Haus der Bolkerstratze zogen, das noch heute eins der stattlichsten Häuser in der Düsseldorfer Altstadt ist, so kann die bürgerliche Festigkeit niemals besonders stark gewesen sein, weil nach dem noch vorhandenen Kaufbrief im Jahre 1820 der fallite Samson Heine (Ellen- und Modewaren en detail) das Haus an den „Gastgeber" Bender für 10.620 Reichstaler verkaufen mutzte (Dr. Asbach). Während der Sohn auf dem Pariser Kirchhof die wunderbaren Perlentäschchen hat, darin sich immer wieder die Karten still gekommener Verehrer sammeln,*) sind die Gebeine seiner Mutter, die er so sehr verehrte auf dem alten jüdischen Friedhöfe in einem gänzlich verwahrlosten Grabe. In den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat Baron Gustav Heine für die Instandhaltung des Grabes gesorgt,- seitdem ist nichts dafür geschehen. Man weiß aus seinen Werken genügend, daß Heinrich Heine seine-Vaterstadt niemals vergessen hat, und wer den alten Düsseldorfer — nicht den modernen von der Königsallee, sondern den von der Volker- oder Flingerstratze — kennt, der weiß auch, wieviel von diesem spottsüchtigen zynischen Geist der niederrheinischen Gassen seiner Natur sich beimischte. Es wird wenig bemerkt, wie gerade die schärfsten Witze im „Simplizissimus" vom Niederrhein herkamen; denn sonst möchte man genötigt sein, aus dem angeblich jüdischen Witz Heines manches auf das Konto Niederrhein zu schreiben. Insofern könnte das Heine-Haus in der Bolkerstratze, wenn es für die „grünverschleierten Engländerinnen" wirklich etwas zu sehen gäbe, eine bodenständige („heimatkünstlerische") Sehenswürdigkeit sein. Unterdessen aber ist in der „Kunst- und Gartenstadt am Rhein" ein neuer Pharao aufgekommen, der nichts von Josef und seinen Brüdern wissen will. Die rheinischwestfälische Jndustriehauptstadt, als nationales Bollwerk gegen den unpreußischen rheinischen Katholikengeist mit dem besonderen Wohlwollen preußischer Minister gesegnet, hat keinen Geschmack an Bolkerstratzenwitzen, und die Erinnerung an den größten Sohn der Stadt und an jene Zeit, wo sich der „Kurfürst bedanken" ließ, weil über Nacht die Nachbarn vom Westen eingezogen waren, und schließlich Napoleon selbst auf seinem Schimmel durch die Ratingerstraße ritt, durchaus nicht vom Haß und Fanatismus der Bevölkerung umwittert; diese Erinnerung paßt so wenig in ihre neuen königlich preußischen Verhältnisse, daß es ein peinliches Kapitel geworden ist um Heine in Düsseldorf. Freilich, eine solche Banausengesellschaft, wie man draußen hören muß, waren die Stadtväter nicht, die *) Uebrigens, wie er sagte, vom „Berliner Tageblatt" gesandt. *) Oskar Pcmizza hat diese Karten durch einige Jahre kontrolliert und alles merkwürdige daran gebucht. Werneiß, wo die Notizen geblieben sind? sein Denkmal ablehnen mußten. Und es wird gern vergessen, daß der erste Aufruf für ein Heine-Denkmal in Düsseldorf die Unterschrift des damaligen Oberbürgermeisters Lindemann, sowie der angesehensten Bürger trug, sticht bürgerliche Beschränktheit, sondern pfäsfischer Geist hat dann die Sache verhindert. Als durch die übergroße Spende der Kaiserin von Oesterreich die Kostenfrage erledigt und dadurch das Dentmal gesichert schien, steckten sich die Kirchenorüder (nach dem Muster, das sich auch heute noch bewährt: siehe Virchow-Denkmal und die Aerzte in Berlin) hinter den Kaiser. Was dann Geheimes passiert ist, darüber hört man sehr vielerlei. Daß den Hohenzollern der Name Heinrich Heine unanegenehm ist, kann man ihnen beim besten Willen nicht verübeln, er hat sie sürchterlich gehaßt. Daß die Stadlrüte einer au,strebenden und beträchtlich auf die Gunst der Regierung gestellten Stadt eine königlich preußische Ungnade nicht ristieren wollten, wird man verstehen können. So traurig es ist, daß wir in Deutschland bis heute noch nicht zu jener Bildung gekommen sind, aus der die Schätzung eines Künstlers nur im Künstlerischen allein möglich ist. Was nachher kam, weiß man ja, und daß die Kaiserin Elisabeth ihre Zeichnung zurücknahm; auch wohl aus Rücksicht auf Berlin? Ebenso wie es durch eine Ironie des Schicksals ihrem persönlichen Heine-Denkmal auf Korfu erging. Auch die Groteske mit dem vergebens feilgebotenen Heine-Denkmal Danny Gürtlers ist nicht so alt, daß ich davon erzählen könnte. Ich wollte nur von Heine in Düsseldorf sprechen, dem es in seiner Vaterstadt trotzdem nie an treuen Bewunderern fehlte, unter denen merkwürdigerweise der verstorbene Dr. Asbach einer der eifrigsten war-, was an dem katholischen Direktor eines königlichen Gymnasiums in Preußen immerhin auffällig ist. Neuerdings hat er in dem Direktor der Landesvibliothek Dr. Nörrenberg einen eifrigen Nachfolger gefunden. Während das abgelehnte Denkmal im Reich herumwanderte, hat er in treuer Pflicht alles daran gesetzt, ein Heine-Archiv zu gründen, das in einem besonderen Zimmer der Bibliothek auch die Büste des Dichters von Schmieding enthält. So besitzt Düsseldorf tatsächlich, wenn auch im Verborgenen, sein Heine-Denkmal, und kein unwürdiges. Nun hat man ziemlich überflüssig zu der Marmortafel an dem Vorderhaus in der Bolkerstraße auch noch ein Bronzerelief geheftet. Es wäre schöner, Dr. Nörrenberg mit allen Mitteln zu unterstützen, daß sein Heine- Archiv eines Tages in das angekaufte Haus zu einem Heine-Museum übersiedeln kann. Hieran wird hoffentlich auch keine Kirche den bekannten „Anstoß" nehmen, und auch im Schloß zu Berlin wird man schwerlich eine „Demonstration" darin erblicken können, die schlimm genug wäre, eine Stadt wirtschaftlich empfinden zu lassen, daß sie das Unglück hatte, einen der Dichter aller Zeiten und Völker und den Sänger des deutschen Volksliedes v^u der Lvreiey als eruen Sohu der Stadt ehren zu müssen. Irgendwo in der Nähe des Stahlwerkverbandes in weißem Marmor eine Lyra halten zu müssen, steht ihm nicht so gut, wie mitten drin im alten Düsseldorf sein grüngekalktes Höfchen zu haben und das Haus davor in treuer Pflege als die Sammelstätte aller Erinnerungen an ihn. Die Frankfurter hätten nicht allzuviel verloren, wenn ihr bronzener Kolossal-Goethe nicht mehr zum Gutenberg und den anderen Genossen der schwarzen Kunst hinüberguckte; aber ihren Goethe-Erinnerungen wäre das Herz genommen, wenn am Großen Hirschgraben das reiche Patrizierhaus nicht mehr stände.