Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Serie 282 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 16 Trauerkundgebnng in der Plenarsitzung. Zu Beginn, der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultnsgemeinde am 7. d. M., um 1I28 Uhr abends, in welcher sämtliche Mitglieder erschienen, hielt der Präsident Dr. Alfred Stern eine Ansprache, welche von allen Anwesenden stehend angehört wurde und in der er sagte: „Bevor wir an die heutige Tagesordnung schreiten, geziemt es uns, eines Mannes zu gedenken, dessen Hinscheiden unsere Gemeinde, sowie die ganze österreichische Judenschaft in tiefste Trauer versetzt hat, eines Mannes, der durch seine hohe Kunst eine hervorragende Rolle in dieser Stadt, in unserem Vaterlande und weit über deflen Grenzen hinaus spielte. Es kann hier an dieser Stelle nicht unsere Aufgabe sein, den hohen künstlerischen Leistungen Adolf Ritter von Sonnenthals die ihnen entsprechende Würdigung zuteil werden zu lassen. Wohl aber möchte ich hier hervorheben, welch treuer Bruder der Verewigte unserer Glaubensgemeinschaft war: So war er unter anderem auch Mitbegründer und Vorstandsmitglied der „Gesellschaft zur Sammlung und Konservierung historischer Denkmäler des Judentums", eines Instituts, dessen Ausgestaltung sehnlich zu wünschen ist und dem der Verewigte nicht nur seinen glanzvollen Namen lieh, sondern das er in jeder Weise, so auch durch eigene Vorlesungen zu fördern bemüht war. Und unter diesen Vorlesungen ist mir besonders eine in lebhafter Erinnerung geblieben, die des Rabbi von Bacharach. Nur ein Jude, der sich als Jude fühlte, deffen Empfindungswelt beherrscht wurde von dem Jammer und Weh, welchen die fluchwürdige Blutlüge über unsere Vorfahren gebracht hat, welcher noch heute nicht aus den Köpfen unserer Zeitgenoffen geschwunden ist und noch heute ihre Opfer fordert, konnte den Ausdruck finden, der bei der Zuhörerschaft jene tiefmächtigen, unverwischbaren Empfindungen auslöste. Er war ein gottbegnadeter Künstler, ein edler Mensch, ein guter Jude. Sein Andenken wird immerdar ein gesegnetes bleiben." Der Präsident setzt sohin fort: „Vor mir liegt ein Schreiben vom gestrigen Tage, welches soeben in meine Hände gelangt, und der Schreiber weilt nicht mehr unter den Lebenden. Vom Tage seines Todes ist das Schreiben datiert. Oskar Marmorek hat dem Kultusvorstande nur wenige Jahre angehört, hat aber in der kurzen Zeit eine lebhafte Tätigkeit für das Interesse unserer Gemeinde bekundet, sich dem Dienste derselben mit unermüdlichem Eifer gewidmet. Die Richtung, welche er vertrat, war nicht die des Gesamtvorstandes oder deffen weitüberragender Majorität, aber seine liebenswürdige Persönlichkeit, die ehrliche Ueberzeugungstreu?, der Enthusiasmus, mit welcher er seine Meinungen zum Ausdrucke brachte, all dies gewann ihm unsere Herzen, so daß ich wohl sagen kann, daß er in unserem Vorstande nur Freunde hatte. Entsprechend seinem Berufe war seine Tätigkeit insbesondere in unserem Baukomitee, sowie überhaupt in allen technischen Angelegenheiten unserer Gemeinde von großem Werte und so hat er auch im Aufträge des Vorstandes den Bau einer rituellen Anstalt, über welche er Jahre hindurch die eingehendsten Studien machte, begonnen und geführt; leider nicht zu Ende geführt. Aber welches Jntereffe er dem Werke entgegenbrachte, bezeugt der vorliegende Brief, der sich damit beschäftigt, den er noch am Tage seines Todes an den Vorstand richtete. Wir alle, alle werden dem tüchtigen, vortrefflichen Manne, ein treues Andenken bewahren." lieber einstimmigen Beschluß wurden diese Trauerkundgebungen dem Protokolle einverleibt. Antisemitismus unter Spitalsärzten. In Nr. 13 vom 26. März a. c. unserer „Wochenschrift" war die Nachricht enthalten, daß einzelne antisemitisch angelegte Herren des ärztlichen Korps des Kaiser Franz Joseph- (Epidemie-) Spitales in ihrer Verblendung so weit gingen, einen Strohsack in den gemeinsamen Restaurationsräumen in der Tür anzubringen, um sich so vor der Berührung mit jüdischen Kollegen zu schützen, nachdem sie vorher die Roheit begingen, auf den Eingang zur gemeinsamen Kegelbahn eine Tafel mit der Aufschrift: „Juden ist der Eintritt verboten" anzubringen. Der Verein „zur Abwehr des Antisemitismus" erachtete es nun als seine Aufgabe, um nähere Aufklärung des Sachverhaltes sich an die Direktion des genannten Spitales zu wenden, welche mit folgendem Schreiben antwortete: Direktion des k. k. Kaiser Franz Joseph- Spitales Wien X. Wien, am 1. April 1909. An den geehrten Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Wien, II., Castellezgasse 1. Bezugnehmend auf die geschätzte Zuschrift vom 30. März 1. J. beehrt sich die gefertigte Direktion mitzuteilen, dass auf der von mehreren Hilfsärzten der hierort’gen Anstalt auf Anstaltsgrund errichteten Kegelbahn weder gegenwärtig eine Aufschrift des Inhaltes »Juden ist der Eintritt verboten« vorhanden ist, noch auch früher oder vorübergehend vorhanden war. Was die Angelegenheit des Speisezimmers anbelangl, beehrt sich die Direktion mitzuteilen, dass mit Rücksicht auf die räumliche Unzulänglichkeit des früheren Speisezimmers im Administrationsgebäude und in Ermanglung eines einzigen grösseren Raumes für diese Zwecke, gelegentlich der vollständigen Neueinrichtung der betreffenden Ubikationen, ein zweiter an das bisherige Speisezimmer anstossender Raum zu dem gleichen Zwecke herangezogen wurde. Nachdem daher ausser den Speisezimmern in der Infektions-Abteilung und Kinderabteilung noch zwei Speisezimmer für die Hiifsärzte zur Verfügung stehen, ist allerdings die Möglichkeit gegeben, dass sich die Aerzte je nach ihrer politischen oder nationalen Gesinnung in diesen Speisezimmern zusammenfinden, ein Vorgang, wie er tagtäglich in Restaurationen und ähnlichen Lokalen stattfindel. Die Direktion ist zwar bemüht, auf die zahlreichen, teilweise diametral entgegengesetzten Anschauungen der Hilfsärzte im Interesse eines gedeihlichen Zusammenwirkens ausgleichend einzuwirken, doch ist sie nicht in der Lage, auf politische, nationale oder konf. ssionelle persönliche Ansichten der Hilfsärzte Einfluss zu nehmen, muss vielmehr gegenüber Allen den streng objektiven Standpunkt gleichen Rechtes eInhalten. Wo lte man alle Unwahrheiten in den Tages- und Fachblättern berichtigen, so würde ein ganz unverhältnismässiger Aufwand an Zeit und Arbeit nötig sein, welcher nur auf Kosten des eigentlichen Anstaltsbetriebes mit seinen viel Zeit und Mühe erfordernden Arbeiten erfolgen könnte. Der k. k. Direktor: Dr. Friedinger m. p. Dasselbe enthält leider die Bestätigung, daß der Antisemitismus in diesem Aerztekorps traurige Blüten treibt. Wir können es nicht fassen, daß sogar in diesem Stande ein so niedriges Vorurteil Fuß fassen kann, und bedauern im Vorhinein die Patienten, welche Leuten überantwortet sind, die statt Forschung und Prüfung vorgefaßte Meinung zu ihrer Devise gewählt haben. Sie können nicht einmal „schmutzigen Wettbewerb" zu ihrer Entschuldigung ansühren — da eben jede Voraussetzung hiezu fehlt! Prag. (Zenlralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten.) Hugo Salus, der heimische, jedoch weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus berühmte Lyriker und ^Novellist, hielt am 3. d. im Prunksaale des Zentralhotels, über Einladung des Zentralvereines, zu Gunsten deffen Abteilung zur Heranbildung jüdischer Handwerker eine Vorlesung ab, die eine überaus zahlreiche, distinguierte Zuhörerschaft herbeilockte, so daß der geräumige Saal alle Herbeigeströmten kaum zu fassen vermochte. Die Hörer, deren größtem Teile ja Salus' Name und Art schon wohl vertraut war, wurden von den Darbietungen des Dichters auch reichlich belohnt, denn neben manchem Bekannten, insbesondere der Ballade vom hohen Rabbi Löw, dem glutatmenden „Esterl mein Schwester!", dem schwermütigen Poem ..vom gläsernen Vüchsel, silbernen Nirel und vom goldenen Wart ein Weil", hörte man Neuschöpfungen, wie das prachtvoll raffige „Lied vom Blute", und von Prosadichtungen, die an fein hingezeichneten Stimmungen reiche „Totenfeier", sowie die .^Phantasien