Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 279 Es ist unwahr, daß die meisten Anwesenden dagegen protestiert haben, daß die Feier am F r e i t a g und Samstag stattfinde, — wahr ist, daß nur zwei oder drei Herren Einwendungen erhoben, nicht aus dem Grunde, weil darin eine Brüskierung des religiösen Gefühles gelegen sei, sondern einzig deshalb, weil die Gegner dies als Angriffswaffe benützen könnten. Es ist unloahr, daß die noch Anwesenden mit Ausnahme des Obmannes der Rede- und Lesehalle überhaupt gegen die Veranstaltung der Feier protestiert hätten, — wahr ist, daß sie alle ihr Erscheinen und das ihrer Kommilitonen in Aussicht gestellt haben. Weiterhin ist unwahr, daß mir Jemand geantwortet, daß ich Gelegenheit gehabt hätte, am 2. Dezember mein Oesterreichertum zu beweisen, — wahr ist nur, daß Herr Paul Diamant kritisiert hat, daß die „Jüdische Zeitung" nicht einen Artikel am 18. August gebracht habe, worauf ich erwiderte, daß die „Jüdische Zeitung" dies anscheinend der „Oesterreichischen Wochenschrift" überlasse. Es ist ferner unwahr daß der betreffende Herr gesagt hat, daß die „Jüdische Zeitung" von mir verwaltet und subventioniert werde, — sondern wahr ist, daß jener Herr nur von der „Jüdischen Zeitung" als von „unserem" Organ sprach, — wahr ist auch, daß die Redaktion der „Jüdischen Zeitung" selbständig von einem Redaktionskomitee geführt wird, dem ich nicht angehöre. Erlogen ist, daß ich die Kränze für die Märzgefallenen in Begleitung meines Hausmeisters auf den Friedhof tragen mußte, — wahr ist vielmehr, daß wie alljährlich die Delegierten des demokratischen Zentralvereines, der demokratischen Vereine des VII., IX., XVI. und XIX. Bezirkes anwesend waren und die Kränze niederlegten und daß die Kränze für die zionistische Studentenschaft von einigen jüdisch-nationalen Studenten niedergelegt wurden. LucianBrunner. Wenn die vorstehenden Mitteilungen des Herrn Lucian Brunner ihre Richtigkeit haben, so haben die Obmänner der Wiener zionistischen Verbindungen tatsächlich mit Herrn Lucian Brunner eine Trauerfeier zu Ehren der Märzgefallenen für Freitag Abend — ausgerechnet für Freitag Abend — und eine Fahrt nach dem jüdischen Zentralfriedhofe für Samstag Morgen verabredet. Herr Brunner versichert, daß er am Samstag vormittags die Kränze für die Märzgefallenen nicht etwa durch seinen Hausmeister auf den Friedhof tragen ließ, sondern „daß die Kränze für die zionistische Studentenschaft von einigen jüdisch-nationalen Studenten niedergelegt wurden." Wir unsererseits wissen nicht, was unjüdischer ist, jüdischem Empfinden und jüdischer Tradition mehr zuwider: die Trauerfeier am Freitag Abend, eine Fahrt nach dem Zentralfriedhof am Samstag vormittag oder die feierliche Ueberbringung der Kränze für die Gräber! Man darf kühn behaupten, seit dem Bestände des jüdischen Volkes haben in seiner Mitte am Samstag keine Friedhofs- und Gräberbesuche stattgefunden. Und diese blöde Nachäfferei fremder arischer Sitten und Bräuche, diese abstruse Ausgeburt eines unwissenden krassen Affimilantentums wird in Wien als „Zionismus" verschleißt. Herr Brunner versichert, daß die Führer der Wiener zionistischen Studentenverbindungen gegen die Veranstaltung der Trauerfeier am Freitag Abend und Samstag Morgen keinerlei Bedenken geltend gemacht haben; nur zwei oder drei Herren haben Einwendungen erhoben und diese auch nicht, „weil darin eine Brüskierung des religiösen Gefühles gelegen sei, sondern einzig deshalb, weil die Gegner dies als Angriffswaffe benutzen könnten". Wir nehmen dies zur Kenntnis. Jnbezug auf das „Jüdische Studentenheim" bestreitet Herrn Lucian Brunner kategorisch, daß der Präses der „Jüdischen Rede- und Lesehalle" die Forderung gestellt hat, daß die Küche in diesem „Studentenheim" jüdisch, das heißt koscher geführt werde. Herr Brunner erklärt, nur jene Institutionen, .die ihm fortschrittlich genug erscheinen, unterstützen zu wollen, Ein „Jüdisches Studentenheim", welches den Söhnen jüdischer Familien, die ein jüdisches Haus führen, verschlossen bliebe, welches den eigentlichen und wirklichen Juden den Eintritt versagt! Und noch eine weitere Enthüllung bringt der Brief des Herrn Brunner. Unsere Leser kennen die Affaire der jüdischakademischen Verbindung „Unitas" mit dem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Herrn Dr. Alfred Stern. Die „Unitas" veranstaltete aus Anlaß ihres 30. Semesters ein Fest am Freitag den 26. Februar abends und tagsdarauf, am Samstag, eine gemeinsame Auffahrt zur Universität und Technik. Der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern wurde durch eine Deputation zu dieser festlichen Veranstaltung eingeladen, und er erklärte rundweg, daß er diese Einladung für seine Person ablehne und auch nicht in der Lage sei, die Beteiligung von Vorstandsmitgliedern an dieser Veranstaltung zu empfehlen. Die gesamte jüdische Oeffentlichkeit des In- und Auslandes hat die Erklärung des Präsidenten Dr. Alfred Stern in hohem Maße gebilligt, ja ein alter politischer Gegner des gegenwärtigen Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde sagte dem Schreiber dieser Zeilen: „Die Antwort war ebenso würdig, als sachlich gerechtfertigt; ich hätte es vom Standpunkte der Gemeinde aufrichtig bedauert, wenn diese Antwort nicht erteilt worden wäre." Herr Lucian Brunner erzählt nun, er habe die Studenten der „Unitas" abgekanzelt, weil sie sich diese Antwort von Dr. Stern gefallen ließen, und das geschah solcher „Art", daß ihnen schließlich nichts übrig blieb, als — abzuziehen. Das offizielle Organ der Wiener zionistischen Partei „männer" gibt der Oeffentlichkeit hiervon die geziemende Mitteilung und fügt bloß hinzu: Gelobt sei der Herr Lucian Brunner! Wir haben bereits die Motive angedeutet, die es uns ratsam erscheinen ließen, die unleugbar höchst intereffanten Mitteilungen des Herrn Lucian Brunner nicht ohneweiters der Oeffentlichkeit zu übergeben. Die allzu naiven Soldschreiber des Herrn B r. begießen uns darob nach ihrer Manier mit Kübeln voll Jauche, „jedes Wort ein Nachttopf und kein leerer", was uns weder überrascht noch entrüstet; diese Tintenkulis haben nach Bedarf ihre eigenen Führer, z. B. Dr. Leopold Kahn und Oskar Marmorek, nicht anders und nicht anständiger behandelt. Wenn jemand es unglaubwürdig oder anstößig findet, daß jüdische Studentenverbindungen eine Trauerfeier am Freitag abend und eine gemeinsame Fahrt nach dem Zemralfriedhof am Samstag vormittag veranstalten, so kann, nach der Meinung dieser sogenannten „Zionisten", das bloß eine ganz gemeine Bosheit sein — die Bosheit darüber, „daß die „Jüdische Zeitung" durch die Opferwilligkeit ihrer Anhänger, namentlich des Herrn Lucian Brunner, eine gesicherte Existenz hat." Die Redakteure des zionistischen Parteiorgans glauben auch mit der Veröffentlichung des Schreibens des Herrn Brunner „die Kampfesweise der „Wochenschrift" genügend gekennzeichnet zu haben. Der Umstand, daß man einem Manne gegenüber, der jederzeit uneigennützig und überall, wo es jüdischen Zwecken galt, hilfreich eintrat, in einem Blatte, welches sich als „Zentralorgan für die gesamten Jntereffen des Judentums" bezeichnet, so böswillig, gemein und feig handelt, dürfte Manchem die Augen öffnen." — 0 sancta simplicitas! Von einem angesehenen Mitglieds unserer Gemeinde erhalten wir folgende Zuschrift: „Wien, 11. April 1909. Sehr geehrter Herr Redakteur! Aus einem in den zionistischen Blättern abgedruckten Schreiben des Herrn Lucian Brunner erfährt man, daß jüdische Studentenverbindungen Freitag den 13. März abends eine Gedenk- und Trauerfeier für die Märzgefallenen und des anderen Tages, also Samstag, eine Fahrt nach dem jüdischen Zentralfriedhof veranstaltet haben. Aehnliche Gerüchte find be-