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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-09 · 15 (9.4.1909) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 365 lassen, sondern müssen rechtzeitig Maßnahmen ergreifen, um die Pogroms unmöglich zu machen. Er begrüßt daher die „Jto" als eine prophylaktische Bewegung und fordert die Anwesenden, insbesondere die Juden des Mariahilfer Bezirkes auf, dem „Jto"-Vereine beizutreten. Mit einigen Dankesworten für die zahlreiche Beteiligung und das Interesse, welches die Anwesenden den Vorträgen entgegenbrachten, schloß der Vorsitzende die Versammlung. Oskar Marmorek, k. k. Kaarat geb. zu Skala inGalizienam9. April 1863, gestorben zu Wien am 7. April 1909. Ein Feuerbrand ist erloschen! Hochauf loderte er eine Weile, leuchtete weit umher und liegt nun ausgebrannt, verkohlt, zerschmettert in der feuchten Erde. Ein Feuerbrand. Das war Oskar Marmorek, und wie im Aufleuchten und Brennen schuf er seine genialen Werke. Denn genial war der Gedanke, alte Kulturstätten aufleben zu lassen, wie er sie in Alt-Wien schuf, das er im Jahre 1892 in der Theater- und Musikausstellung als stärkste Anziehung hingestellt hatte. Kaum eine Ausstellung nachdieser, die Marmoreks Gedanken nicht nachgeahmt hätte, er selbst spann ihn in „0e8 Budavar“ und „Venedig in Wien" weiter. Auch die Fontaine lumineuse brachte er nach Wien, den Leuchtbrunnen und in tausend Farben erstrahlte sein Werk, das seinen Namen verklärte und weit und immer weiter bekannt machte. Aber auch dauernde Werke in Ziegel und Stein hatte er geschaffen, Bauten, die von seinem feinen Kunstverstande Zeugnis geben, das mit einem großen Stück Zweckbewußtsein gepaart war. Was uns jedoch mehr bedeutet und seine Gestalt für lange hinaus lebendig erhalten wird, das ist sein Wirken für das Judentum. Marmoreks Vater hatte seine Praxis von Skala nach Wien verlegt, wo sein Haus ein Mittelpunkt echt jüdischer Bestrebungen wurde. Die patriarchalische Führung der Familie jedoch hinderte nicht die modernste Entwicklung der Söhne, von denen einer der bekannte Serumforscher Dr. Alexander Marmorek ist. In dieser Familie war man jüdisch-national, ehe es einen Zionismus gab, wofür die Tatsache spricht, daß Oskar Marmorek seinerzeit in Budapest dadurch Aufsehen erregte, daß er in seinem Meldzettel unter die Rubrik Nationalität „jüdisch" schrieb. Fast mit selbstverständlicher Gewalt führte es die Brüder Marmorek in den Kreis von Theodor Herzl, an dessen Seite Oskar und Alexander seit dem zweiten Baseler Kongreß mit Eifer tätig waren. Oskar Marmorek bekleidete von diesem Tage an bis zum Tode seines Freundes Herzl die höchste Ehrenstelle eines Mitgliedes des engeren Aktionskomitees. Er hatte für die Partei zahllose Reisen unternommen, unter Anderem eine Expedition auf die Sinai-Halbinsel, um den Landstrich El arisch auch auf seine Eignung für jüdische Kolonisation zu untersuchen. Nach dem Tode Herzls, als die Leitung der zionistischen Partei nach Köln verlegt wurde, begannen in Wien verwerfliche Quertreibereien gegen diesen opferwilligen Mann, die ihren Höhepunkt erreichten, als Oskar Marmorek, der inzwischen in den Kultusvorstand gewählt worden war, in der Affaire Tauffig den neuaufgetauchten zionistischen Parteigrößen nicht willig genug schien, seinen Kollegen zur Demission zu zwingen. Seit jener Zeit ging es mit Oskar Marmorek, der inzwischen mit dem Titel eines k. k. Baurates ausgezeichnet worden war, sichtlich bergab. Er nahm sich die Hetzereien einiger halbwüchsiger Bursche und maniakalischer Stänkerer viel zu sehr zu Herzen. Der Gedanke, von Jenen verunglimpft zu werden, die ihm seiner Meinung nach zu Dank verpflichtet waren, ließ sein Empfinden nicht zur Ruhe kommen. Wiederholt bat er seine alten Freunde zu sich, damil sie itm vor Verleumdungen schützen, worüber in diesem Blatte des Oefteren berichtet wurde. Er mag auch seinem eigenartigen Temperament zufolge formal manchen Fehler begangen haben, denn er war nun einmal ein Feuerbrand — aber Oskar Marmorek war ein Ehrenmann, ein treuer Sohn, von seltener Liebesfähigkeit und Opferwilligkeit, ein so guter Bruder, wie er ein seinem Volke leidenschaftlich ergebener Jude war. Auf seinem Charakter ruht kein Makel, und daß man es gewagt hatte, die innere Redlichkeit feines Wesens, die Treue zu seinem Volke, zu seiner Partei zu bezweifeln, das grub sich tief in seine Seele. Wer kann sagen, wie die Psyche eines Menschen sich gestaltet, wenn das Empfindungsleben einmal durch einen gewaltsamen Ruck aus dem Gleichgewicht gebracht ist? Zu diesen Aufregungen, die er viel zu schwer nahm, gesellten sich körperliche Schmerzen, besonders ein peinliches Kieferleiden, das eine Operation notwendig machte und eine langandauernde peinliche Nachbehandlung zur Folge hatte. Sein Bewußtsein trübte sich, er verstand die Welt nicht mehr, der leuchtende Brand wurde zur zehrenden Flamme, und als er fühlte, daß sie im Marke seines Lebens wühle, da zog er hinaus zum Grabe seines Vaters und rief den Tod herbei, auf daß er mit dem geliebten Vater vereinigt sei — für immer. Eine künstlerisch hochbegabte Frau, eine trostlose Mutter und zärtlich liebende Geschwister trauern an seinem frühen Grabe, die Wiener Kultusgemeinde und der Jüdische Kolonisationsverein verlieren an ihm ein eifriges Vorstandsmitglied — das jüdische Volk aber nimmt ihn auf in die Reihe jener, die sich ihm ergaben und geopfert haben! Und sein Name wird nicht sobald erlöschen. . Friede seiner Seele. Ehre seinem Andenken. Volkswirtschaftliches aus Galizien. Was seit langem nur ein frommer Wunsch aller galizischen Juden und ihrer Führer war. scheint nun Leben und Gcstalt anzunehmen. In Lemberg fand gegen Ende des vorigen Monats eine Konferenz statt, in der d:e Errichtung eines Krrditinftitutes zur Hebu-g der ökonomischen Lage der galiztschen Juden beschloffen wurde. In der Konferenz, an der auch Herr Lucian Brunner aus Wien teilnahm, berichteten die Herren Dr. Brande und Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel, daß für das Institut bereits 140.000 Kronen gezeichnet wurden und daß Wiener und Prager Banken ihre finanzielle Unterstützung zugesagt haben. Jedermann, der die gegenwärtige ökonomische Lage des galizisch-jüdischen Gewerbe- und Kaufmannstandes kennt, wird wohl die Errichtung eines solchen Institutes zu würdigen wiffen. Nicht durch Humanitätsvereine, die in Wien und im Auslande für die galizischen Juden gegründet werden, so edel ihre Intentionen auch find, kann dem galizischen Judentum dauernd geholfen werden, geholfen kann ihm nur werden durch eine zielbewußte, volkswirtschaftliche Politik im Lande selbst. Leider aber zeigt sich gleich bei den Vorarbeiten zur Gründung des Kreditinstitutes, daß die Urheber nicht vom rein wiffenschaftlichen, sondern au5schließlich vom politischen Standpunkt die Angelegenheit ansehen und behandeln. Die wirtschaftlich stärksten Völker Oesterreichs, die Deutschen und Tschechen, unterscheiden bei der Gründung von wirtschaftlichen Institutionen sehr genau zwischen Politik und Volkswirtschaft, hier aber sehen wir, daß die Herren gerade das Gegenteil Vorhaben. Die Errichtung eines Geldinstitutes, das auf das wohlwollende Verhalten der Wiener und Prager Banken und auf die Unterstützung aller jüdischen Volksgruppen ohne Unterschied der Partei angewiesen ist, darf nicht ausschließlich Führern einer Partei, die obendrein in der Finanz- und Jndustriewelt des Landes nicht in Betracht kommen, überlaffen bleiben. Die ersten Geldinstitute, die auf Grund ihres großen Aktienkapitales und diversen Fonds sich so manches in puncto Politik erlauben könnten, sehen strenge darauf, daß in ihrem Verwaltungsrat keine prononziert politische Persönlichkeit, sei es welcher Partei immer, fitzen soll, was die tägliche Wahr-

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