Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 363 Kraft soll daher überall dort einsetzen, wo es gilt, dem jüdischen Volke eine Heimstätte in Palästina zu schaffen. Der jüdische Kolonisationsverein hat als erste Tat, zwei eminent zionistische Unternehmungen unterstützt, die Palästinakurse des Studentenvereins „Theodor Herz!" und die Kunstschule „Bezalel" in Jerusalem. Wer sagt, daß er nicht weiter die guten und praktischen Arbeiten der Zionisten unterstützen wird? Vielleicht wird er Aktien der Palästina-Bank ankaufen, vielleicht die Landentwicklungs-Gesellschaft unterstützen. Allerdings muß er sicher sein, daß er für seine Opferwilligkeit nicht noch öffentlich angegriffen wird. Niemand, der unserem Volke helfen will, soll und darf von wahren und echten Zionisten gekränkt werden. Und Alle, Alle, die gute Willens sind/ an diesem Werke mitzuhelfen, sie seien tausendfach bedankt und herzlich willkommen. Wir einigen uns mit ihnen in brüderlicher Liebe in dem Rufe: „Im kommend"en Jahre in Jerusalem!" Mo« der Wiener „Ato".*) Am Sonntag den 4. April d. I. fand im Sitzungssaale des Mariahilfer Tempelvereines eine Versammlung des Wiener Zentralvereines der Jüdisch - Territorialistischen Organisation („Jto") unter zahlreicher Beteiligung statt. Der Präsident des Vereines Herr Dr. I. Samuely eröffnete die Versammlung und begrüßte zunächst im Namen des Vorstandes die erschienenen Gäste, insbesondere den Bundespräsidenten der B'nai-B'rith-Vereinigungen in Amerika Herrn Dr. Adolf Kraus aus Chicago. Herr Dr. Samuely bespricht sodann die Tätigkeit der „Jto", die Fragen der jüdischen Emigration und verweist auf die trostlose Lage der jüdischen Emigranten. Er konstatiert mit Genugtuung die Bemühungen der „Jto" zur Regelung der jüdischen Emigration und hebt hervor, daß die „Jto" bestrebt ist, diese Tätigkeit nicht allein für sich zu usurpieren, sondern daß sie vielmehr bemüht ist, alle maßgebenden jüdischen Korporationen und Kreise zur Mitarbeit heranzuziehen, was ihr auch vollauf gelungen ist. Herr Dr. Samuely verweist darauf, daß es trotz der ungünstigen Zeit, zu welcher die „Jto" ihre Emigrationstätigkeit begonnen hat, gelungen ist, 25 Transporte mit insgesamt 1500 jüdischen Emigranten via Galveston nach dem Westen Amerikas zu bringen und dieselben dort unter den denkbar günstigsten Verhältnissen in verschiedenen Berufen unterzubringen. Der „Jto" ist es auch gelungen, viele Härten der jüdischen Emigration zu glätten und für die Emigranten alle erdenklichen Erleichterungen auf der Wanderung zu erlangen. Schließlich verweist Herr Dr. S a m u e l y auf die Tatsache, daß die jüdische Emigration aus Oesterreich, namentlich aus Galizien, im Vergleich zu der Bevölkerungsziffer eine unverhältnismäßig höhere ist, als die Emigration der übrigen österreichischen Völker, was auf die trostlosen wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden Galiziens zurückzuführen ist. und betont daher die Notwendigkeit und Pflicht der maßgebenden jüdischen Kreise, diesem Faktor im jüdischen Leben Oesterreichs ein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Der Wiener Zentralverein der „Jto" beabsichtigt, sich jetzt der jüdischen Emigration in Galizien anzunehmen, und appelliert daher an die jüdischen Ge meinden, die diesbezüglichen Aktionen der „Jto" tatkräftigst zu unterstützen. Die Ausführungen des Herrn Dr. S a m u e l y wurden von der Versammlung mit großem Beifall ausgenommen. Hierauf ergreift * der Präsident der B'nai - B'rith- Vereinigungen Herr Dr. Adolf Kraus aus Chicago das Wort: Dr. Kraus konstatiert zunächst, daß er der Einladung des Vorstandes des „Jto"-Vereines gerne Folge geleistet habe und bereit sei, soweit ihm die Verhältniffe der jüdischen Einwanderung in Amerika bekannt find, der Versammlung entsprechende Mitteilungen zu machen. Redner verliest eine sehr interessante Tabelle von statistischen Daten über allgemeine und jüdische Emigration aus den verschiedenen Ländern in den letzten zwei Jahren und weist aus Grund dieser Statistik nach, daß die jüdische Emigration perzentuell eine höhere ist, als die Emigration der anderen Völker. Herr Dr. Kraus hebt die jüdische Emigration des Jahres 1907 hervor und fügt hinzu, daß die übermäßig hohen Ziffern, welche die jüdische Emigration dieses Jahres ausweise, zu einer Zeit, wo keine Pogroms waren, den besten Beweis bieten, daß die jüdische Emigration in erster Linie auf ökonomische Ursachen zurückzuführen ist, und meint daher, daß die jüdische Emigration auch noch dann stattfinden werde, wenn es auch keine Pogroms geben wird. Er begrüßt daher mit Freuden die Tätigkeit der „Jto" im Allgemeinen, insbesondere aber auf dem Gebiete der Regelung der jüdischen Emigration und teilt mit, daß die verschiedenen B'nai-B'rith- Vereinigungen in Amerika fich auf diesem Gebiete gleichfalls betätigen und daß er auch fernerhin der Tätigkeit der „Jto" seine Sympathie entgegenbringen werde. Die interessanten und lehrreichen Ausführungen des Herrn Dr. Kraus wurden von der Versammlung mit dankbarem Beifall quittiert. Der Vorsitzende erteilt nun Herrn M. Schmidt das Wort zu seinem Referate über „Ziel und Zweck der „Jto"". Einleitend bemerkt der Referent, daß, nachdem die zwei Vorredner den einen Teil des Prvgrammes der „Jto", welcher die Emigrationsfrage betrifft, bereits erschöpfend behandelt haben, er sich mit den übrigen Programmpunkten, und zwar mit dem politischen und kolonisatorischen befaffen will. Redner gibt dann einen Ueberblick über die Tendenzen und Ursachen, welche zur Entwicklung der territorialistischen Idee und zur Begründung der „Jto" geführt haben. Er streift ganz kurz die ersten Anfänge der jüdischen Kolonisationsbestrebungen seit den Achtziger-Jahren und führt aus, daß. wiewohl die Kolonisation der Choveve-Zionisten sowie der jüdischen Barone wegen der schlechten Methoden, die bei der Durchführung ihrer Unternehmungen angewendet wurden, sowie mangels eines einheitlichen und realen Planes mißlungen sind, dieseKolonisationsbestrebungen als Symptome zur Lösung der Judenfrage wichtig sind. Herr Schmidt erörtert auch die zionistische Aera unter Führung des sel. Dr. H e r z l und verweist darauf, daß der Herzl'sche Plan nur deshalb gescheitert ist, weil die Majorität der zionistischen Organisation ihn zwingen wollte, seinen Kolonisationsplan nur in Palästina zu verwirklichen. Nun haben fich aber gerade in Palästina nach den Aussprüchen des sel. Dr. Herzl auf dem sechsten Kongresse, sowie nach den Mitteilungen des Professors V a m b e r y, der in den Plänen H e r z l s, sowie in den Fragen der türkischen Politik am besten eingeweiht ist, derart unüberwindliche Hinderniffe in den Weg gestellt, daß er die Verwirklichung seiner Pläne nur auf einem anderen Territorium außerhalb Palästinas als möglich erklärt hat. Dr. Herzl ist daher auf seine ursprüngliche rein territorialistische Idee übergegangen und hat als Resultat der Unterhandlungen mit der englischen Regierung am sechsten Kongresse das bekannte Ugandaprojekt vorgelegt. Es begann in der zionistischen Organisation der allen bekannte Ugandastreit, welcher zu einer formellen Spaltung in der zionistischen Organisation und der Etablierung der jüdischen, territorialistischen Organisation in Basel im August 1905 unter Führung des englisch jüdischen Schriftstellers Z w a n g w i l l führte. Den Bemühungen Zangwills, sowie der gesunden und realen Idee, welche dem territorialistischen Programme innewohnt, ist es gelungen, die maßgebenden Faktoren im Judentume für die „Jto"-Sache zu gewinnen. Andererseits ist es dem „Jto"- Komitee auch gelungen, eine große Reihe von Landprojekten zu erforschen und ist das ganze Elaborat in dem oft erwähnten B l a u b u ch der geographischen Kommission der „Jto" zur Entscheidung vorgelegt worden Eines dieser Projekte wurde erst vor einigen Tagen in einem Separatbericht veröffentlicht und hat diese Veröffentlichung den Zweck, sowohl Freund als Feind zu zeigen, daß. wenn die „Jto" auch keine lärmenden Versammlungen und keine publizistische Propaganda betreibt, sie dennoch unbeirrt und mit großem Ernst an der Ausführung ihres Zieles arbeitet, wovon der Inhalt, als auch die Form des vorliegenden *) Der Sitz des Vereines ist VI., Schmalzhofgaffe 3.