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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-09 · 15 (9.4.1909) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 262 Dr. Vlochs Wochenschrift. Rr. 15 Ausnahmsgesetze, die ihre Lebensfreude hemmten und ihre natürliche Entwicklung untergruben. Und dort entwickelte sich aus zwei Richtungen her die Wiederbelebung der alten Zionssehnsucht. Die eine knüpfte an die Geneigtheit der Juden an, für Palästina Geld zu opfern; sie organisierte die Geldsammlungen in moderner Art, änderte jedoch den Zweck der Palästina-Gaben in gründlicher Weise. Das Geld wurde nicht mehr als Almosen verschenkt, sondern ausschließlich produktiven Zwecken in Palästina zugeführt. Es wurden informative Studien über das Land und seine Verhältniffe unterstützt, Schulen gefördert oder andere auf die landwirtschaftliche Kolonisation bezügliche Unternehmungen subventioniert. Choveve-Zion, Zions freunde, nannten sich diese wackeren Leute, die ihr Werk noch heute unbeirrt fortsetzen, von Zionisten und Nichtzionisten unterstützt. Ja, einer der Vorstände an diesem Werke ist Ingenieur Ussischkin, der größte Zionistenführer Rußlands. Wir unter Herzl nannten sie philanthropische Zionisten zum Unterschied von uns, den politischen Zionisten. Die fruchtbare Arbeit der Choveve Zion soll in Oesterreich der Jüdische Kolonisations-Verein durchführen, über dessen Wicken ich an dieser Stelle in der Nr. 12 v. 19. März bereits berichtet habe. Hatten in Rußland die Choveve Zion die materielle Grundlage des Zionismus vorbereitet, brachte das merkwürdige Buch eines ruffischen Arztes: „Die Auto-Emanzipation" von Leon Pinsker der suchenden jüdischen Jugend, die ziel- und haltlos von einer Kultur zur anderen taumelte — die geistige und seelische Erlösung. Dr. Pinsker war der Erste, der die kulturbedürftige und kultursuchende Jugend auf die tragende Kraft des Judentums für den Aufbau einer neuen Kultur hinwies — er war der Schöpfer der jüdisch-nationalen Idee. Als Theodor Herzl mit seinem Judenstaat kam, fand er, der von all diesem Sprossen und Keimen keine Kenntnis hatte, den Boden bereits vorbereitet, und so konnte es Dank seiner Organisationsfähigkeit und seines politischen Weitblickes gelingen, iu kurzer Zeit aus Zionefreunden und Jüdisch.Nationalen die Weltbewegung des politischen Zionismus zu schaffen. Das ist: jüdisch-nationale Gesinnung mit dem letzten Ziele einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für alle jene Juden, die sich in der Diaspora nicht assimilieren können oder assimilieren wollen. — — Und nun war der alte fast verklungene Ruf wieder lebendig geworden. Im kommenden Jahre in Jerusalem. Ein neues Leben war den Juden entstanden, Zionslieder wurden gesungen, jüdische Fahnen mit den Davidswappen im blauweißen Felde flatterten auf. Die jüdische Jugend hatte einen eigenen geistigen Mittelpunkt gefunden und uns Aelteren war es, als sei die Welt doppelt so schön als früher, als seien die Sorge und Angst um unsere Zukunft geschwunden. Jene, die dieser Bewegung ferne gestanden sind, sie weisen immer auf einige Hohlköpfe hin, die mit tönenden Phrasen um sich warfen — auf einige Schreier, die sich an unsere Rockschöße klammerten, auf einige dürftige Seelen, die uns, die Mitbegründer des Zionismus, jedes neue Jahr mit neuen Auslegungen unserer Doktrin behelligen, aber sie wissen nichts von der seelischen Verfeinerung, der Charakterstärke, die der Zionismus unserer Jugend geboten hat, nichts von der Erhöhung aller Lebenswerte, die wir durch den festen Zusammenhalt mit unserem Volke gewonnen haben. Aber ich soll wohl an dieser Stelle keine Propaganda für deu politischen Zionismus machen. Obwohl es richtig wäre, dies in einem Blatte zu tun, das zumeist von Nichtzionisten gelesen wird, ich will nur über Jerusalem sprechen, über die Hauptstadt und über das Land, über Palästina. Im kommenden Jahre in Jerusalem! Uns alten Zionisten ist dieser Ruf heilig. Wir wollen durch diese Parole keine Ehrenstellen erreichen, keine politischen Mandate erstreiten, wir wollen das wirkliche Palästina — die Erfüllung der alten Sehnsucht, die Erreichung des Jahrtausende hindurch erhofften Zieles, eine Heimstätte für die Judenmassen — einen seelischen Mittelpunkt für alles Jüdische. Und dafür sind die meisten Juden zu gewinnen. Auch jene wenigen, die eine eigene feste politische Ueberzeugung haben, die von der unseren abweicht, und all die Tausende politisch Indifferenter. Und diesem Zwecke soll der Jüdische Kolonisationsverein dienen. Es ist daher richtig, zu erklären, daß der Jüdische Kolonisationsverein ein Choveve Zion-Verein ist, ein Verein der Zionsfreunde, der zu Lebzeiten Herzls und mit seinem Wissen und Willen geschaffen worden ist, dessen einzige Aufgabe es ist, die Liebe für Palästina zu propagieren, Geld für Kolonisationszwecke zu sammeln und in Palästina produktiv anzulegen. Begründet wurde er durch einen Zionisten Dr. Alfred Nossig aus Berlin, und jene Zionisten, die im Vorstande Mitarbeiten, üben ein Mandat aus, das noch von Herzl stammt. Zu den Gründern dieses Vereines gehörten auch starke politische Gegner Herzls, mit denen er jedoch zumeist, was ja bei einem wahrhaft vornehmen Menschen selbstverständlich ist, persönlich sehr gut stand. Es war nämlich prinzipiell beschlossen, alle Richtungen im Judentum zur Leitung heranzuziehen. Sie alle erkannten die philanthropische Seite seines Wirkens und sahen es als eine Ehrenpflicht der österreichischen Judenheit an, bei dieser großen Ausgabe, bei der Errichtung einer neuen Heimat für die verfolgten Juden helfend mitzuwirken, wenn sie auch seine politischen Ziele nicht anerkannten. Die Zionisten find bei aller Opferwilligkeit ohnehin schwer belastet, sie können dem Verein, der kaum 20 zionistische Mitglieder zählt, nicht viel bieten, er wendet sich daher an die weitesten Kreise der jüdischen Bevölkerung, an alle, die ein Herz für ihre verfolgten Brüder haben, an alle, die noch von Vätern und Urvätern den Ruf gehört haben: Im kommenden Jahre in Jerusalem. Noch gab es in der Geschichte der Juden kein Jahr, das die Erfüllung dieses Wunsches wahrscheinlicher machte, als das heurige. Durch die politische Neugestaltung der Türkei gehen wir geordneten Zuständen entgegen, die unseren Ansiedlungen Garantien bieten, welche früher vielleicht gefehlt haben. Der Jude als solcher, besonders wenn er türkischer Untertan werden will, ist in diesem Reiche sehr willkommen, die Kolonien gedeihen und gehen einer immer besseren Zukunft entgegen. Die Eignung unserer Brüder zu vorzüglichen Landwirten ist unbestritten, sie pflanzen Getreide, Obst, Orangen, Mandeln und Oliven. Der Wein, dem Tausende von uns am Passahfeste getrunken haben, er stammt aus jüdischen Weinbergen Palästinas, von Juden gebaut, von Judengekeltert. Nichts, nichts hindert mehr, daß der alte Ruf der Sehnsucht Wahrheit und Wirklichkeit werde, nichts fehlt — nur das Geld. Hier gilt es einen Wettkampf mit den Zionisten, den opferwilligsten Menschen in der ganzen Judenheit. Oder sollten 200.000 Juden für 10,000.000 arbeiten? Vor einigen Tagen haben die jüdischen Arbeiter eine eigene zionistische Federation gegründet, das heißt, es haben sich 3000 arme, jüdische Männer zusammengefunden, Leute, die von ihrer Hände Arbeit leben, und sie zahlen ihren Schekel und sie opfern vom Schweiße ihrer Arbeit für den Nationalfond, der Boden in Palästina kauft, um ihre noch ärmeren Brüder zu erlösen. Wer will da zurückstehen? Wir Zionisten allein, wir können es nicht schaffen und wir haben auch das nicht allein geschaffen, was in Palästina besteht. Die Alliance Jsraelite, Baron Rothschild—Paris und die braven Choveve Zion Rußlands und endlich der prächtige deutsche „Hilfsverein", unter der genialen Führung von Dr. Paul Nathan, dem auch viele Zionisten zur Seite stehen, sowie die „Jca", sie haben mehr Geld für Palästina geopfert, als wir Zionisten je gesammelt haben und schaffen konnten. Wii Zionisten beanspruchen das Verdienst, den Gedanken an Zion nicht verfallen und verflachen zu lassen, unsere agitatorische

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