Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite LSI pelchor, die Trauerpsalmen. Die Chorgesänge dirigierte Professor Sulzer. Rabbiner Dr. Feuchtw a n g sprach das Gebet. Sodann setzte sich der Zug in Bewegung. Sechs Blumenwagen, über und über belegt mit Kränzen, folgten dem Leichenwagen, dann kam eine Reihe von fast dreihundert Wagen mit den Trauergästen. Tausende und Tausende Menschen standen Spalier in den Straßen, welche der Trauerzug passierte, auf dem Wege zum Burgtheater und von hier aus auf den Döblinger Friedhof. Um 12 Uhr mittags traf der Leichenzug auf dem Friedhofe ein. Seit dem frühen Morgen standen auch hier Menschenmassen zusammengepfercht, harrend des Augenblickes, dem verehrten Meister die letzte Ehre zu erweisen. Der Sarg wurde in die Zeremonienhalle gebracht, die Angehörigen und Trauergäste entstiegen den Wagen. Oberkantor Guttmann intonierte die ritualen Gesänge und seine Stimme entlockte den Anwesenden die ersten Tränen. Dann wurde der Sarg emvorgehoben und unter feierlichen Gesängen zum Grabe getragen. Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt sodann nachstehende Gedenkrede: „Aus einer Welt, die ihm nur lauten, rauschenden Beifall zollte, zieht er nunmehr in diese stille und schweigsame Welt ein. Er, von dessen Zunge, wie der griechische Dichter von Nestor sagt, süsser als Honig die Bede floss, er ist nun auch stille geworden, er selbst ein Nestor seiner Kunst, der er zur grössten Zierde gereichte. Wenn heute der zahlreichen Bollen gedacht wird, in denen er glänzte, so wird man es begreiflich finden, dass ich von dieser Stelle nur einer Bolle gedenke, in der e zwar nicht glänzte, noch glänzen wollte, die er aber mit der grössten Würde ausfüllte. Das ist die Bolle des Juden. Es ist gewis nicht selten die Versuchung an ihn herangetreten, diese Bolle mit einer andern zu vertauschen — aber so sehr er sich auf die Kunst verstend, ein anderer zu sein oder zu scheinen, am besten verstand er doch und übte er die schwere Kunst, er selbst zu sein und sich selbst treu zu bleiben. Man wird es auch begreiflich .finden, dass ich aus dieser tiefgründigen Ueberzeugungstreue die edlen Charaktereigenschaften ableite, die ihn auszeichneteD, seine unwandelbare Gattentreue, seine unbegrenzte Vaterliebe, seinen regen Wohltätigkeitssinn und die musterhafte Reinheit seiner Lebensführung. Wenn ich sagte, dass er nunmehr in die Welt des Schweigens einzieht, so muss ich doch hinzufügen, dass dieses Schweigen beredsam ist; und wenn ich die Stimmen richtig deute, die ihm, der nun in zweifachem Sinne von der Bühne abtritt, aus dieser anderen Welt entgegentönen, so kann ich sie iu dem Gruss zusammen fassen; „Sei willkommen, Gesegneter Gottes!“ Ein Gesegneter Gottes, geliebt, verehrt, bewundert und gefeiert von Tausenden und Abertausenden ist er gewesen. Auch sein Andenken wird gesegnet bleiben!“ Dr. Alfred Ster», der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde: „Es tönt die Welt von deines Ruhmes Preis. Ein Dichterwort — ein Nachruf, der dir ward, ein wahres Wort, des Zeuge ist die Kundgebung, die wir soeben miterlebt. Des Zeuge ist die Trauer, die eine Stadt erfüllt. Des Zeugen sind die Beileidskundgebungen, allen voran die unseres erhabenen, edlen Monarchen, die Beileidskundgebungen deiner Berufskollegen der Stadt Wien und unserer Gemeinde, deren treuer Anhänger du warst. „Tch habe als Jude gelebt.“ Das ist das Wort, das uns dein letzter Wille kündet, und es ist ein Wahrwoit gewesen. Des danken wir dir, und traurig sagen wir dir unser Lebewohl. Dein Andenken ist und wird gesegnet sein.“ Baurat Wilhelm Stiaßny namens des Kuratoriums des jüdischen Museums: „Sonnenthal war wie keiner ein Würdiger all der Schätze der Kunst und Wissenschaft, die wir in unserem Museum angesammelt Wenn da aus weiter Ferne ein Mann kommen und die unzählige Menge erblicken würde, die hier am Grabe Sonnenthals versammelt ist, den könnte man mit dem Worte der Heiligen Schrift aufklären: „Wisst ihr nicht, dass ein Fürst und Grosser in unserem Volke gefallen ist am heutigen Tage?“ Und welch ein Fürst im Bei che der Kunst ist für immer von uns hinweggegangen! Wir werden seinesgleichen nicht wieder finden. 0 Sonnenthal! Du warst ein ganzer Mann, gut, edel und gerecht. Und als ein Gerechter bist du von hinnen gegangen. Ein Spruch unserer Weisen lautet: „Der Tod des Gerechten versöhnt.“ Möge dein Tod — und (zu Vizebürgermeister Hierhammer gewendet) es sind ja die Anzeichen dafür vorhanden - die Morgenröte einer Versöhnung zwischen den .‘•amtlichen Bürgern unserer Stadt bedeuten. Sei gesegnet, Sonnenthal!“ (Vizebürgermeister Hierhammer drückte nach dieser Bede dem Baurat Stiassny warm die Hand.) Es sprachen sodann namens des Hofburgtheaters Hofrat Direktor Dr. Schlenther. namens der Kollegen von der Hofbühne Regisseur Ernst Hartmann, namens der Stadt Wien Vizebüraermeister Hierhammer. der Präsident des Journalisten- und Schriftstellervereines „Comordia" Dr. Siegmund Ehrlich, der Direktor der Hofoper Felix von Weingartner und namens der Privatbühnen Direktor Weisse. Regisseur B a s i l entbot Sonnenthal namens der Generalintendant der Münchener Hoftheater den letzten Abschiedsqrutz: Paul Lindau legte einen Kranz namens des Berliner königlichen Schauspielhauses auf den Sarg nieder: Regisseur Stern hielt namens des Prager Deutschen Landestheaters einen kurzen Nachruf: Oberregisseur Stoll sprach als Präsident des Oefterreichischen Vühnenvereins, und endlich widmete ein junger Verebrer des verblichenen Künstlers. Dr. Oberländer, dem Andenken des Toten einige herzliche Worte. Nach den Reden lang der Leopoldstädter- und Stadt- Temvelchor unter Leitung des Professors S u l z e r einen ergreifenden Trauerckoral. Der Sara verschwand in die Tiefe, die Schollen fielen auf das frische Grab. Im kommenden Jahre in Jerusalem. Von H. Pork-Steiner. Verklungen ist der Sang, verweht das Wort, bald verflossen das herrliche, uralte, sagenumwobene, nationale Fest des Auszuges aus Egypten und der Alltag tritt bald die Erbschaft der Feiertage an. 5$m kommenden Jahre i n Jerusalem! Nie seit Menschen denken und empfinden, ist eine Sehnsucht inniger gewesen, ein Verlangen dauerhafter als des gläubigen Juden Ruf nach der verlornen Hauptstadt seines Landes, nach Jeruscholafim. All das schwere Leid der Verbannung, von Titus uns aufqezwungen, durch Hadrian verstärkt, all der Kummer der Rast- und Rechtlosigkeit, der fast an zweitausend Jahre die Gemüter unserer Vorfahren belastete, das stete Fürchten um Leib und Leben, dies Alles fand trostreichen Ausweg in dem Wunsche, der am Passahabend aus Millionen Judenherzen gen Himmel stieg: ,J m kommenden Jahre in Jerus a l e m. Mein Großvater, der noch eines Tages von dem erbosten Gutsherren mit schimpflicher Leibesstrase bedroht wurde, er rezitierte diese Worte der Hagadah tränenvollen Auges, tief seufzend. fast schluchzend, mit gläubig flehender Stimme, mein Vater, ein Kind freierer Zeiten, rief sie froh jauchzend. Was aber ist dieser Ruf unserer Generation? Es gibt noch immer Großväter im Judentum, aber es gibt auch Enkel. Und was die Großväter voll innerer Schauer von Gott erflehten, was die Väter frohlockend erwünschten, den Enkeln war es leerer Schall geworden. Mit dem erleichterten Drucke schwand die Furcht vor der Verbannung, die Sehnsucht nach einer wirklichen Heimat erlosch und der Ruf nach Jerusalem, wenn er überhaupt erhoben wurde, galt für eine überholte Zeremonie — ja Zion wurde schließlich nur noch als Symbol erklärt, dessen wirkliche Erlangung nicht erstrebenswert sei. Und da kam es wie ein Wunder über uns. Die frommen Juden zwar hatten Zion nie vergessen, sie sammelten auch Almosen für ihre Glaubensgenossen in Jerusalem, die dort der Gotteslehre lebten, oder hingezogen waren, um in der heiligen Heimatserde begraben zu werden. Im Osten Europas seufzten noch immer Millionen von Juden unerlöst unter dem schwersten Drucke mittelalterlicher