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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-09 · 15 (9.4.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 259 abenteuerlich-ritterlicher Sinn machte sich selbst in seiner Handlungsweise geltend, der man es anmerken konnte, datz der junge Student die Tell-Vorstellung, der er an seinem Bar-Mizwah-Tage beigewohnt hatte, noch nicht vergessen habe. Bei dem am 19. April 1846 in Pest stattgehabten Iudenkrawall konnte man den jungen Helden mit einem blanken Beil in der Hand an der Spitze einer kleinen Schar vor das Tor stürzen sehen, und Heldenstellen aus „Tell" zitierend, war er entschlossen, der andringenden Bewegung Widerstand zu leisten. Es verflossen weitere zwei Jahre; die Vermögensverhältnisse der bis dahin wohlhabenden Eltern zeigten eine bedenkliche Zerrüttung, und es mutzte über die Zukunft des Jünglings ernstlich entschieden werden. Zu weiteren Studien fehlten die Mittel, zum Kaufmannsstande die Neigung und das Geschick; so blieb denn nichts anderes übrig, als das Handwerk! Der Student sollte nach dem Beschlutz des Familienrates Schneider werden. Mit stiller Ergebung, aber auch mit der unbestimmten Hoffnung auf Erlösung fügte er sich dem Schicksal und trat nach einer wehmütig verbrachten Nacht schon am nächsten Morgen an der Hand seines Vaters in die Schneiderwerkstätte, den Ort seiner Bestimmung. Der Lehrjunge, welcher Stellen aus Shakespeare und Schiller deklamierte, während er am Bügelbrett stand, mag sich unter seiner Umgebung komisch genug ausgenommen haben; allein wenn aus einer Glasschleiferei ein Geist hervorging, der die Welt mit dem theologisch-politischen Traktat und der Ethik beschenkte, warum sollte uns um den armen Schneiderlehrling bange sein? Ist er zu etwas grötzerem berufen, so wird es sich auch erfüllen. Vielleicht hatte die Meisterin eine dunkle Ahnung dieses Gedankens, da sie den deklamierenden Helden einmal mit den Worten Überraschte: „Ich wette darauf, aus dir wird noch ein Schauspieler!" Nach zwei Jahren war seine Lehrzeit vollendet. Er lieferte eine seidene Weste als Gesellenstück, und die Zunft sprach ihn frei. Am 16. Oktober 1850 bestieg er, mit einem Wanderbuche versehen, das Dampfboot, das ihn nach Wien führen sollte, und hier angelangt, suchte er — Arbeit bei einem ehrsamen Schneidermeister? Nein aber das Burgtheater, um der Aufführung von Otto Ludwigs „Erbförster" beizuwohnen. Dieser Abend war der eigentliche Wendepunkt seines Lebens. Die Ericheinung Suuutiung rie; auf Der ubti]teii Galerie, wo der kunstsehnsüchtige Schneidergeselle Platz genommen hatte, ein Flüstern hervor, aus dem die Worte: El» Jude! ein I u 0 e! verueymUH lern Ohr erreichten. Heber die Kämpfe, welche Dawifon durchzumachen hatte, ehe er sich so emporgeschwungen, durch die Mitteilung eines Nebensitzenden unterrichtet, fatzte er den Entschlutz, den Rat dieses Künstlers einzuholen. Schon am nächsten Tage finden wir ihn auf dem Wege zu Dawison; hier aber erging es ihm. wie es demjenigen, der zum Arzt eilt, um sich einen Zahn ziehen zu lassen, nicht selten zu ergehen pflegt. An der Tür angelangt, hatte er nicht den Mut, dieselbe zu öffnen, und rasch kehrte er wieder in seine Stube zurück. Aber wozu es ihm an persönlichem Mut fehlte, das vertraute er dem Papier an, und das Schreiben gelangte an seine Adresse. Zwei Tage später stand er vor Dawison und deklamierte ihm den berühmten Monolog: „Menschen, Menschen, Krokodilenbrut" aus Schillers „Räubern". Dawison wünschte nur etwas mehr Feuer. Diesen Wunsch sollte er bützen, denn der junge Deklamator legte allmählich die Schüchternheit ab und donnerte ihm den Monolog zum zweitenmal mit einer effektreichen Schlutzkanonade ins Ohr, und als er sich zum Schlutz in einen Sessel warf, tat er es mit so viel Feuer, datz der Sessel zusammenbrach. Nun ging er bei Dawison in die Schule. Zwei Monate genotz er den Unterricht des grotzen Mimen, hierauf kam er in die Schule der Frau Bender. Vom Schneiderhandwerk war selvstverstündlich nicht mehr die Rede, seinen Lebensunterhalt fristete er durch Lektionen. Jetzt galt es, bei seinen Eltern den Widerwillen gegen das Theater zu üderwinden, und auch hierin stand ihm Dawison hilfreich zur Seite. Dieser treffliche Künstler übernahm es, die Ellern über die Begabung ihres Sohnes aufzuklären, und solchem Zeugnis vertrauend, willigten diese ein. Am 30. Oktober 1851 trat der junge Schauspieler zum erstenmal in Temesvar als Hauptmann Phöbus im „Glöckner von Notre- Dame" auf. Unter allen Künsten ist die Schauspielkunst die wanderlustigste, und von der unruhigen Freizügigkeit, die ihr angevoren, hat ja auch Sonnen thal gekostet. In Temesvar, in Hermannsladt, im äußersten Osten der deutschen Sprache begann er seine künstlerische Fahrt, die ihn bald in den hohen Norden verschlug, bis nach Kouigsveig. der &atei |tuut der reu.eu icuuUiijt. I&e kam nach Wien, er kam ans Burgtheater, und seither hielt er an demselben, wie der blühende Ast am Stamme hält, der ihn ans Licht getrieben hat. Und so verwuchs er auch mit dem Burgtheater, so verwuchs er mit Wien, wovon das Burgtheater ein so köstliches Stück ist. Es hat, man kann sich's denken, an Lockrufen nicht gefehlt, womit man ihn wegzuziehen versuchte. Ascher hätte ihm eine goldene Brücke über den Donaukanal gebaut, um ihn fürs Carl-Theater als Mitdirektor zu gewinnen, und der alte Laube meinte, er müsse ihn schlechterdings ins Stadttheater herüberretten, da ja seiner Ansicht nach der Zusammenbruch der Burg unvermeidlich war. Sonnenthal fand auf alle derartige Anträge und Anfragen stets nur ein höfliches, aber entschiedenes Nein, er hat sie freundlichst von sich weg gelächelt und blieb, wo er war, und mit ihm blieben die „Alten" alle. Die Burg hatte Zeiten der Krisen zu bestehen, und er blieb auch in solcher Not. Oft stand er bei stürmisch bewegter See als erster Steuermann auf der Kommandobrücke. In einem solchen Augenblicke geschah es, datz der General-Intendant in einer Rede ausrief: „Der Himmel erhalte uns noch recht lange unfern Sonnen thal!" Alles sang es im Einklänge mit: Unser Sonnenthal! Wien trug ihn aus Händen, und zwar zumeist auf Frauenhänden, diesen weichen, zärtlichen Wiener Frauenhänden. Sonnenthal wurde der Inbegriff feiner Manieren und gefälliger Formen; keiner wutzte sich wie er ins Herz zu schmeicheln mit innigen Tönen des Gefühls, mit dem liebevollen Blick der schönen Augen. Begabt durch alle Naturanlagen kräftiger und edler Männlichkeit entwickelte er doch daraus ein Wesen, das sich am besten durch weibliche Charakteristika, wie Huld, Anmut, Milde, Zärtlichkeit bezeichnen lätzt. Speidel hat einmal von Sounenthal geschrieben: „Bewegung und Gebärde sind bei Sonnenthal zur Natur zurückgeführt. 'Er ist das reinste Erzeugnis des Burgtheaters, der lebendige Träger der Burgtheater-Tradition. Indem er nie stille stand und nacheinander alle Quellen seines Talents springen ließ, hat er sich zum ersten deutschen Schauspieler emporgearbeitet, dem es neben herzgewinnender Liebenswürdigkeit auch an erschütternder Größe nicht mangelt." Dabei war dieser Sonnenthal Jude, nicht Auch-Jude oder Noch-Jude, sondern wirklich überzeugter Jude im Gegensatz zu so vielen minderberühmten Fachgenossen. Sonnenthal sagte: „Ich bin ein deutscher Schauspieler, aber das Judentum hat mir die große Kraft, den Aufschwung und die Elastizität zu meinem Schaffen verliehen." In früheren Jahren war Sonnenthal zu den hohen jüdischen Feiertagen

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