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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-09 · 15 (9.4.1909) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Serie 258 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 15 wirklich ein geordnetes, gesetzmäßiges Leben wiederhergestellt werden soll» das der anarchistische Antisemitismus gestört hat, dann muß prinzipiell und radikal Ordnung gemacht werden, nicht nur in Eiiizelfällen. Denn das ist das Wesentliche des gesetzlich festgelegten Rechtes: daß es für alle Geltung haben muß, oder daß sich Niemand darum kümmert. Adolf Wttrr vo« Sonnrnthal, gestorben am 4. April 1909. „Mit Adolf Sonnenthal ist ein großer Schauspieler, ein edler Mensch, ein leuchtendes Vorbild unermüdlicher Arbeitsfreude jäh von uns gegangen. Die gesamte deutsche Kunst, in erster Linie aber das Hofburgtheater, dessen r u h m r e i ch st e Traditionen er in sich verkörpert, trauern au feiner Bahre. Es drängt mich daher, der sehr geehrten Direktion meine aufrichtigste Anteilnahme auszuspr-chen." So lautet die Depesche des Unterrichtsmiulsters Grafen S t ü r g k h an die Direktion des Burgtheaters und in der Kondolenzdepesche an die Angehörigen spricht er von dem „großen Künstler und dem verehrungsmürdigen Menschen", der in dem Verewigten dahingegangen ist. Und das Wiener Judentum steht voll Wehmut und Trauer an der Bahre eines seiner größten und besten Söhne, der die vornehmsten und edelsten Stammesmerkmale des jüdischen Volkstums in sich harmonisch veremlgte. War das Judentum stolz auf S o n n e n t h a l, so war er selber nicht minder stolz auf sein Judentum; sein Leben bildet ein Ruhmesblatt in der Geschichte unseres Volks stamines m Oesterreich. Kaum ein moderner Schauspieler hat in Deutschland so viele und so hohe Ehren genossen als Adolf von Sonnenthal. Er wurde in Pest am 21. Dezember 1832 geboren. Der erste Unterricht, den der Knabe genoß, beschränkte sich, wie dies bei jüdischen Kindern nicht selten der Fall war, fast ganz allein auf die Bibel. Die Mutter war es, welche in dem Kinde mehr als gewöhnliche Anlagen wahrzunehmen glaubte, die denn auch wirklich früher, als man vermuten möchte, zum Vorschein kamen. Als Schüler der Pester israelitischen Normalhauptschule hatte er Gelegenheit, der Aufführung kleiner Stücke beizuwohnen, welche von den erwachsenen Schülern bei den in Ungarn üblichen Maisesten (Majales) im Hain des „Eisenbades" zur Darstellung gelangten, und wenn etwas imstande war, seine Freude an dieser Kinderspielerei zu trüben, so war es der Umstand, daß er nicht selbst groß genug befunden worden, um mit einer Rolle bedacht zu werden, denn er hatte es nicht verabsäumt, sich unter allen Umständen mit den verschiedenen Rollen vertraut zu machen und sie auswendig zu lernen. So steckte dem Knaben bereits die Schauspielerei in den Gliedern, und wenn so etwas in den Gliedern steckt, so muß es heraus, mag es noch so viel Hinderniste geben, und Hindernisse gab es allerdings in Maste. Vor allem durfte er kein wirkliches Theater besuchen. Der Besuch eines Schauspielhauses wurde ihm von seinen Ellern untersagt. Um diese Zwangsmaßregel zu begreifen, muß man. wissen, daß den orthodor-jüdischen Anschauungen in Ungarn gemäß der Besuch eines Theaters streng verpönt war. Endlich gelang es einem Hausfreund, den Widerwillen der frommen Eltern zu überwinden, und der Knabe konnte von der dritten Galerie des deutschen Theaters herab den Zauberkünsten des Eskamoteurs Philippi feine volle Aufmerksamkeit schenken. Die Nasenabschneiderei dieses Zauberers machte aber auf den Knaben einen mehr pathologischen als künstlerischen Eindruck, und die Folge davon war, daß er in Ohnmacht fiel. Doch was ein Reif werden soll, krümmt sich bald. Der Knabe ließ sich durch den unglücklichen Ausgang der ersten Expedition nicht zurückschrecken. Am Tage seiner „Bar-Mizwah" erwirkte er sich die Erlaubnis, das Theater wieder besuchen zu dürfen; er scheint also dieses Vergnügen nicht für so ketzerisch gehalten zu haben, als man ihn vielleicht glauben machen wollte. Diesmal sah er „Wilhelm Teil" von Schiller, und von dieser Stunde angefangen, war der junge Schauspieler fir und fertig. Alles gestaltete sich ihm zur Bühne, uuo jo genauere pcy Das große &5euim)tl, ous für jeöen Menschen eute andere Form hat, für unser» jungen Helden zu der Frage: „Wie kommt man ohne Geld ins Theater?" Die Art, wie er dies Rätsel löste, war zwar etwas gewagt und hätte ihn leicht mit der Polizei in Konflikt bringen können; er stahl sich nämlich da, wo das Gedränge am dichtesten war, hinein und machte dies so gut daß er dem Billeteur glücklich durchrutschte; er ließ sich sogar, da er um 8 Uhr abends zu Hause sein mußte, mit ganz ruhigem Gewissen eine Retourkarte geben, um diese an anderen Tagen wieder benutzen zu können. Es lag in dieser Manier aber unstreitig auch etwas Theatralisch-Abenteuerliches, und dies verzeiht man leicht; Wenigstens scheint das heilige Vehmgericht in Kleists „Käthchen von Hellbronn", vor welches der arme Verbrecher, in flagranti ertappt, gebracht worden war, sich zu dieser milden Anschauung geneigt gefühlt zu haben, und, — o welch' ein Glück! und wer kann die verschlungenen Wege der Zukunft vorher berechnen — der arme Sünder wurde nicht nur pardonniert, sondern erhielt von da an freien Eintritt ins Theater unter der Bedingung, daß er sich auch manchmal verwenden lasse. So war der erste Schritt getan, er ward Statist am deutschen Theater in Pest. Nicht lange sollte er in dieser Würde verbleiben. Sein Statistendienst brachte es mit sich, daß der Knabe, als Page verkleidet, einer Königin bei ihrem Krönungszuge das Diadem auf weichem Polster nachtrug, während Prinzessin Sabbath in das väterliche Haus einzog; der arme Junge hatte den „Kidusch" versäumt. Der Vater kam hinter die Schliche, und mit der Statistenherrlichkeit war es vorbei; ja der Knabe muHte „als Buße" eine gewisse Zeit hindurch täglich früh und Abends die Synagoge besuchen. So pilgerte denn der arme Sünder anstatt in den Tempel der Kunst in den Tempel der Buße, wo er das Theater vergessen sollte. Sein Gedächtnis schien sich aber nicht so schwach erwiesen zu haben, oder die Bußübungen waren nicht stark genug; denn kurze Zeit darauf finden wir den Jungen auf einem Privatball im Hause seines Onkels ganz korrekt Theater spielen, ja, er empfand hier sogar zum erstenmal den Kitzel des Beifalls, keinesfalls ein geeignetes Mittel, ihn von seiner leidenschaftlichen Neigung abzuziehen, wie der bedächtige Vater mit Recht meinte, während die Mutter, die Sache etwas leichter nehmend, nur Zeit hatte, sich über die Begabung des Knaben zu freuen. Der erste Versuch war richtig nicht ohne weitere Folgen geblieben. Im Hause des Herrn Ignaz B a r n a y, ves damaligen Sekretärs der jüdischen Gemeinde in Pest, des Vaters von Ludwig Barnay, wurde jetzt ein förmliches Haustheater errichtet, welches der Schauplatz seiner Heldentaten werden sollte. Um sich von dem Drang, der den Knaben erfüllte, eine richtige Vorstellung zu machen, muß man bedenken, daß alle die geschilderten Vorgänge noch ganz in seine Schulzeit fallen, aus welcher er im September 1846 austrat,^ um in die neueröffnete Josef-Industrieschule (J6szef-Ipartanoda) ausgenommen zu werden. Hier trieb er Geschichte und Mathematik mit vielem Eifer, und fast hätte man meinen können, daß diese neue Liebe die frühere Leidenschaft verdrängen werde; aber ein gewisser

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