Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-09 · 15 (9.4.1909) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021834--18218-3043134
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Jahrgang XXVI Dr. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten llnteressen des Judentums. -□ □- Wim, 9. April 1909 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie», IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. O C~ ■ —O p Verugsprris Mr Vestrrrrich:? Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespal- 3 tene Petitzeile 24 Heller. C, nO -Oo A. k. Pofisparkraffenarni Sleartng-VerKebr Nr. öl 0.976. Redaktion und Administration: «a Wien TKU, Hahngaffe Nr. 15. Inhalt: Leitartikel: Bewußte Verleumdungen und die Boykotterlasse. — Adolf Ritter von Sonnenthal. — Im kommenden Jahre in Jerusalem. — Von der Wiener „Jto". - Oskar Marmorek, k. k. Baurat. — Volkswirtschaftliches aus Galizien. — Korrespondenzen: Israelitische Allianz zu Wien. Russische Flüchtlinge in der Bukowina. Luegers Unparteilichkeit. Maffenauswanderung von Juden aus Galizien. Antisemitische Agitatoren. Ein wirtschaftlicher Schlag für die jüdischen Heimarbeiter. Eine Aktion für Abbazia. Neuerliche Bauernunruhen in Rumänien. — Vermischtes. — Feuilleton. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Notizeu. — Inserate. Krumßte Uerteumdungr« und die Koykottrrläffe. Vor einer Woche fand in Berlin eine Gerichtsverhandlung statt, welche in der gebildeten Welt kolossales Aufsehen erregte. Es stellte sich nämlich heraus, daß medizinische Kapazitäten, Professoren, an Agenten für das Zutreiben, oder höflicher gesagt Zuweisen von Patienten Provisionen bezahlten. Allerdings war das keine Geschichte für antisemitische Sensationshascherei. Denn des Vorgehens, das den akademischen Sitten und der loyalen Konkurrenz geradezu Hohn sprach, machten sich durchaus keine Juden schuldig, sondern Säulen der arisch-deutschen - christlichen Weltanschauung. Juden hingegen haben die Korruption aufgedeckt. Die antisemitische Presse drückte sich also höchst bescheiden an der Tatsache vorbei. Nur das „Deutsche Volksblatt" in Wien fand den Mut, auf die Angelegenheit zurückzukommen, und zeigte die Kunst, wie man aus einer arischen Skandalaffäre gegen die Juden Kapital schläft. Drei Fliegen sollten mit einer Klappe geschlagen werde: die Juden zuerst, dann sollte der selbst dem Wiener Sumper schon zu blöde werdende Antisemitismus wieder Inhalt bekommen und drittens wollte man die Abschnitzel, aus denen das Blatt des geretteten Christenretters und Hausbesitzers Vergani besteht mit einem etwas lebhafterem Thema auffrischen. Grund genug, daß ohne Namensnennung, welche sonst in diesem Rowdieblatte schonungslos gebraucht wird, des Langen und Breiten den Wiener jüdischen Aerzteu der Vorwurf gemacht wird, daß sie es genau so trieben, wie die Helden des Berliner Prozesses, unerlaubte Reklame machten und in mehr geriebener als akademischer Weise auf den Patientenfang ausgingen. Es wäre geradezu würdelos, zum Schutze unserer Aerzte, welche sich unter den schwierigsten Verhältnissen, von den Ariern aus allen fetten und sorglosen Posten hinausgedrängt, auf das Ehrenwerteste fortbringen, auch nur ein Wort der Verteidigung zu sagen. Sie haben nie etwas von dem wirklich getan, was die Antisemiten über sie gelogen haben. Jetzt gar, wo die Judenfeindschaft an allen Ecken tückisch auf der Lauer steht, nehmen sie schon zur persönlichen Sicherheit einen so peinlich gewissenhaften Standpunkt ein, daß ihre Tätigkeit jede Goldprobe bestehen könnte. Von ihnen zur zweiten Pauschalverdächtigung nach der heldenhaften Verleumdermethode des „Deutschen Volksblattes". Da es auch in der Bukowina verkrachte, moralisch defekte, politisch und materiell abgewirtschaftete Leute gibt, ist auch dort der Antisemitismus entstanden. Dieser wird natürlich von Wien unterstützt — schöne Seelen finden sich. Dieses Verhältnis hat einen Brandartikel gegen die Juden in der Bukowina gezeitigt, der von den gemeinsten Lügen strotzt und bestrebt ist, die Angegriffenen als eine Horde von Verbrechern jeder Art, besonders aber als Wucherer und ganz besonders als Volksausbeuter hinzustellen. Wahr und von jedem ehrlichen Menschen unbestritten ist, daß die Juden in der Bukowina ein loyales, äußerst arbeits fleißig es Element sind, daß sie nicht nur der Verbreitung der Kultur, sondern auch dem Handel und Gewerbe unschätzbare Dienste leisten. Trotzdem müssen sie es sich ruhig gefallen lassen, daß irgend ein antisemitischer Klopffechter sie mit Verleumdungen überschüttet, mit umso mehr Lügen, als er für jede weitere Zeile zehn Heller mehr erhält, und es ihm nicht darauf ankommt, eine Bevölkerungsgruppe stärker zu beleidigen und zu schädigen, wenn nur sein Verdienst dadurch etwas höher wird. Es wäre absurd, sich mit dem Inhalt seiner schmutzigen Phantasien eingehend zu beschäftigen. Nur zur intensiven Beleuchtung des Ganzen soll daraus die Tatsache hervorgeholt werden, daß die Juden den Bauer unbarmherzig um Grund und Boden bringen. Wer nicht weiß, mit welcher Angst der Dorfjude sein bischen Leben verbringt, kann ihm vielleicht diese schwere Reizung der Bauern zumuten. Aber die Statistik, diese Feindin des Antisemitismus, welche für die Bukowina unter einer Masse arischer Grundbesitzer ein paar kümmerliche jüdische Pächter ausweist, gibt dem Verleumder vom „Deutschen Volksblatt" die verächtlich abfertigende Antwort. Soviel nicht zur Polemik gegen Leute, die davon leben und reich werden, daß man Lügen glaubt, und die deshalb freiwillig das Verleumden nicht lassen werden. Bloß den Behörden soll das öffentlich zur Kenntnis gebracht werden, der Regierung, welche in d r Provinz strenge Verordnungen gegen den Boykott erläßt und deren Wirksamkeit dadurch wohl fördert, daß sie die schamlose Aufreizung zu Haß und Verachtung in einem Lügenblatt der Hauptstadt duldet. Wenn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.