Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 14 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021833--18208-3043123- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 248 Nr. 14 Dr. Vlochs Wochenschrift. Polytechnikum in Prag. Als Brennereileiter trat er 1877 in die Gütling'sche Spiritusfabrik und Raffinerie in Prag und übernahm am 1. November 1876 die Leitung der Jungbunzlaucr Spiritusfabrik, damals die bedeutendste Spiritusfabrik Böhmens. Am 1. Juni 1886 wurde er zum Direktor der Spiritus- und Pottaschefabrik in Brüx ernannt. Als solcher brachte er das Unternehmen durch modernste Einrichtungen von kleinen Anfängen auf seine heutige anerkannt hohe Konkarrenzstufe. In Anerkennung seiner hohen Verdienste um das Unternehmen wurde er im vorigen Jahre in den Verwaltungsrat der Spiritusfabrik berufen. Bei all seinem emsigen Schaffen im Interesse des seiner Leitung anvertrauten Werkes fand er aber immer auch Zeit, im Dienste der Oeffentlichkeit eine überaus reiche Tätigkeit zu entfalten. Im November 1896 wurde er in die Bezirksvertretung gewählt. In das Stadtverordnetenkollegium trat er im Mai 1897 ein, ruckte 1899 zum Ausschußmitgliede vor und fungierte seit 1900 als Obmann der städtischen Finanzsektion, welches Ehrenamt der Dahingeschiedene mit seltener Hingebung, unermüdlichem Fleiße und bobem fachmännischen Wissen versah. Durch längere Zeit gehörte er auch dem Verwaltungsausschuffe des Bezirkskeankenhauses an und fungierte seit 1899 daselbst in Vertretung der Stadtgemeinde Brüx als Kontrollor. Seit 1897 bekleidete er ferner das Amt eines fachmännischen Laienrichters beim Brüxer Kreisgerichte. Direktor Reis war weiter Obmann des Vereines der Kaufleute und Industriellen, welche Korporation ihn ob seiner hervorragenden Verdienste zum Ehrenmitgliede ernannte, Obmannstellvertreter der Brüxer Sektion des Bundes der Industriellen und es gibt wohl keinen Humanitären Verein der Stadt, der den Verewigten nicht zu seinen Mitgliedern zahlte. Als Ehrenmitglied führten ihn weiter in ihren Annalen der Coudenhove Militär-Veteranenverein, die freiwillige Feuerwehr, das Rettungskorps, der Verein „Dampfkreis", der Unterstützungsverein für Sicherheitsorgane in Deutschböhmen, der Weinerverein, der Verband der Maurer und Zimmerleute usw. — Dies ist, in kurzen, nüchternen Strichen gezeichnet, der Rahmen jenes weiten Gebietes, auf welchem der Dahingeschiedene durch volle zwei Jahrzehnte eine überaus reiche und verdienstvolle Tätigkeit entfaltete. Daß er diese Arbeit im angrnehmen Gegensätze zu so manch anderem in der ihm eigenen stillen, anspruchslosen Art leistete, war ein bezeichnendes Merkmal dieses Mannes und konnte nicht verfehlen, ihm die ungeteilte Sympatl ie aller Bevölkerungskreise zuzuwenden. Er war ein Charakter, ein deutscher Mann, der aus seiner nationalen Gesinnung kein Hehl machte und sie auch in anerkennenswerter Weise ohne laute Kundgebungen praktisch zu betätigen verstand. Dabei war er ein guter Mensch, davon zeugen die zahlreichen humanitären Einrichtungen, die er in dem Unternehmen geschaffen, das er leitete, das bezeugt auch die große Zahl Jener , denen er im Laufe der Jahre als Freund und Wohltäter mit Rat und Tat zur Seite stand. — In der letzten Zeit litt er an einem hartnäckigen Magenleiden, das ihm seine Arbeitsfreude vergällte. Im sonnigen Süden hoffte er Genesung zu finden; doch es war ihm nicht beschieden, die Stätte seines langjährigen Wirkens wieder zu sehen. Letzten Freitag, zwei Tage vor seinem 67. Geburtstage, setzte der unerbittliche Tod seinem arbeitsreichen Leben ein Ende. An seiner Bahre trauern seine tiefgebeugte Gattin und fünf Kinder." Am 17. Marz fand, die Beisetzung am israelitischen Friedhofe in Straschnitz bei Prag statt. Professor Dr. Adolf Bi ach, Rabbiner in Brüx, hiett dem Verklärten in der Zeremonienhalle einen ehrenden Nachruf, der auf Wunsch der Familie im Druck erschienen ist. Wir entnehmen demselben folgende Stelle: Die Trauerfahnen, die von dem Gotteshause und dem Stadthanse in Brüx wehen, geben Kunde von dem. was der Verklärte für Stadt und Gemeinde geleistet hat; die Tränen aber, die ich von Arbeitern und Armen um den Verblichenen weinen sah, sie geben Kunde von dem goldenen Herzen des Verklärten. Als treuer Sohn des Judentums betrachtete er als höchstes Gebot das Wort, das unsere heilige Thora vor Jahrtausenden züm erstenmale der Menschheit kündete, das Wort: ^vobabto lereaebo komocho“, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Direkte'e Josef Reis war überall zu staden, wo es galt, zu lindern Leid und Not, wo es galt, zu trocknen die Tränen der Kummerb'eladenev, wo es galt, aufzurichten die Gedrückten und Gebeugten, wo es galt, zu fördern das Gute und Edle. Ja, die Arbeiter und gar viele, der Armen und Aermsten konnten von Direktor Josef Reis sagen, was einst Josef, jener edlen Heldengestalt der Bibel, zugerufen wurde: „hechejisonu“ (Genesis 47, 25), du h üst uns am Leben erhalten durch deine' Milde und Menschenfreundlichkeit, durch dein Wohlwollen, durch deine Güte und Liebe". An dem Begräbnisse nahmen u. a..teil: Verwaltungsratspräsident der Spiritusfabrik Herr JUDr. Viktor Baron von Coudenhove, die Stadträte Direktor Wilhelm E n g st und Direktor Hans Muck in Vertretung der Stadtgemeinde Brüx, MUDr. Ludwig Wodnansky, Handelsschuldirektor L o n g i n. Korporationen der israelitischen Kultusgemeinde, des kaufmännischen Vereines, des Handelsgremiums, der Freiwilligen städtischen Feuerwehr, des Rettungskorps, des deutschen Turnervereines in Brüx, zahlreiche Mitglieder der Prager Loge Bnei- Brith und viele andere Trauergäste. Das Andenken des Direktors Josef Reis wird fortleben in unserer Stadt, in unserer Gemeinde und in den Herzen Aller, die sein segensreiches Wirken gekannt. Empfang des Ch ach am Baschi beim Sultan. lieber den am Freitag den 19. März stattgehabten Empfang des Chacham Baschi beim Sultan wird dem Deutschen Bureau der Alliance Jsraelite Universelle aus Konstantinopel berichtet: 21. März 1909. Um 12 Uhr mittags fuhren drei kaiserliche Hoswagen vor dem Hause des Chacham Baschi in Pera vor, um ihn nach dem Mdizpalais abzuholen, wo der Empfang unmittelbar nach dem Selamlik stattfinden sollte. Der Chacham Baschi wurde von dem Zeremonienmeister Talaat Bej und von dem ersten Kapukehaja abgeholt. Der Letztere überreichte um 1 Uhr dem Chacham Baschi eine schriftliche Einladung des Sultans, woraufhin der Chacham Baschi fich sofort auf den Weg über Galata nach dem Mdiz begab. Im ersten Galawagen nahmen der Chacham Baschi und Talaat Bej und ihnen gegenüber der erste Kapukehaja Platz. Im zweiten Wagen saßen die beiden Vizepräsidenten des religiösen Rates und im dritten Wagen der Präsident und Vizepräsident des Nationalen Rates. Die Wagen wurden begleitet. Im Palais wurde der Chacham Baschi vom Oberzeremonienmeister Chalib Pascha und vom Kammerherrn Mury- Pascha empfangen, die ihn zum Sultan führten. Die Sonderaudienz dauerte eine Viertelstunde; dabei äußerte fich der Sultan wörtlich folgendermaßen: „Ich bin bereits über Ihre. Gelehrsamkeit und Klugheit unterrichtet, deshalb freue ich mich, Sie jetzt mit eigenen Augen zu sehen. Ich freue mich weiter, aus Ihrem Munde von der Treue und Ergebenheit meiner jüdischen Untertanen Mitteilung zu erhalten. Mit Vergnügen höre ich, daß Sie sehr gut türkisch sprechen. Ich wünsche Ihnen, daß Sie viele Jahre gesund und glücklich den Posten, auf den Sie jetzt gestellt sind, verwalten." Mit einem kurzen Danke des Chacham Baschi auf diese Worte des Sultans war die Audienz beendet und die Heimkehr fand in derselben Weise statt, wie die Hinfahrt, nur daß die Rückkehr über Pera erfolgte. Griechen und Juden in der Türkei. Aus Saloniki wird der „N. I. K." geschrieben: Die nationalen Gegensätze der im osmanischen Reiche vereinten Völker, welche im ersten konstitutionellen Verbrüderungstaumel begraben schienen, beginnen bereits sich von neuem zu regen, noch bevor das junge Parlament in das Stadium gesetzgeberischer Tätigkeit getreten, ist. Zwei Interessengruppen sind es, deren Zwistigkeiten den Freunden eines einigen osmanischen Reiches noch manche Ruß zu knacken geben mögen: auf der einen Seite jene Völkerschaften, die entweder nach eigener nationaler Autonomie und Loslösung von der Türkei streben oder ihre