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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-02 · 14 (2.4.1909) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
14 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Serie 242 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 14 anderen mit dem Hinweis abgetan zu werden, daß die religiöse Belehrung und Aufklärung der Väter und Mütter Sache des Rabbiners sei. Hinsichtlich des elfteren sei mir zu bemerken gestattet, daß es trotz meiner Jugend mir nicht an Ruhe und lleberlegung ermangelt, die mich die Schwierigkeiten sehr wohl erkennen lassen welche der Verwirklichung meiner Anregung namentlich im Anfang sich entgegenstellen. Doch bin ich andererseits noch jung genug, um an der Hoffnung auf eine religiöse Regeneration des jüdischen Elternhauses nicht zu verzweifeln. Was aber das zweite betrifft, so verrate ich kein Geheimnis, wenn ich behaupte, daß der erziehliche und erzieherische Einfluß der jüdischen Kanzel gleich Null geworden ist. Und dies von dem Moment an, da der Rabbiner auf das Niveau eines Beamten und noch dazu eines solchen hinabgedrückt wurde, der um seine moralische und materielle Existenz einen schweren Kampf zu führen hat. Gewiß, es ist dies nicht der einzige und ausschließliche Grund. Von dem Kulturmenschen des 20. Jahrhunderts, ganz besonders dem jüdischen, wird die Kanzelbelehrung auch deshalb nicht mehr voll und ganz genommen, weil ihm dabei die Möglichkeit kritischer Mitarbeit benommen ist. Da der seit undenklichen Zeiten uns Juden innewohnende, durch die moderne Kultur noch verschärfte Kritizismus viel zu sehr triebhaft ist, als daß er unterdrückt werden könnte, sucht ihn der Zuhörer dadurch zu befriedigen, daß er die gehörte Predigt unter die Lupe ästhetischer und logischer Kritik nimmt. In der Tat werden „schöne Predigten" ihre Wirkung nach dieser Richtung auch heute nicht versagen. — Der verstorbene Lektor Friedmann, einer der besten Kenner der jüdischen Volksseele, bemerkte mir gegenüber gelegentlich: Die Predigt würde heutzutage eine viel ernstere Wirkung haben, wenn sich daran eine freie Diskussion anschließen und nicht nur von Rabbinern, sondern auch von gebildeten Laien gepredigt würde. Was jedoch in der Synagoge undurchführbar ist, soll den Vätern und Müttern an den jüdischen Elternabenden ermöglicht werden. Hier sollen die Schwerter klingen, die Funken sprühen, hier soll der Boden geschaffen werden, auf welchem das Problem des jüdischen Religionsunterrichtes und manches andere, was damit zusammenhängt, einer gedeihlichen Lösung entgegengeführt wird. In einer Unterredung, die ich mit dem verdienstvollen Begründer der Elternabende an den Wiener Mittelschulen, Herrn Gymnasialdirektor Regierungsrat Dr. Thumser, führte, sagte dieser: „Wenn Sie Elternabende einführen, richten Sie Ihr Hauptaugenmerk darauf, daß die Methode des Unterrichtes und alles Persönliche und Individuelle aus der Diskussion unbedingt ausgeschaltet bleibe, da dies zu unerquicklichen Szenen führen und den Bestand der Einrichtung geführten könnte." Für die jüdischen Elternabende kann ich die Bedenken des Herrn Regierungsrates nicht teilen. Denn es ist mir noch immer lieber, wenn die Eltern ihr Mütchen an der Methode des Lehrers oder gar an diesem selbst kühlen, als daß das Gefühl der Unzufriedenheit und Mißstimmung von der Person auf die Sache übertragen wird, wie es leider jetzt so oft geschieht. Eine energische und zielbewußte Leitung wird überdies Ausschreitungen rechtzeitig einzudämmen wissen. Aber selbst, wenn es, besonders im Anfang, nicht gelingen sollte, die Person von der Sache auseinanderhalten zu lassen, ist das auch kein Unglück. Ein um die höchsten Güter der Menschheit geführter Kampf, er mag noch so viel Gereiztheit und Leidenschaftlichkeit auslösen, wird nach der Lehre unserer Weisen schließlich doch zum Segen und Heil führen. Was mein Herz aber mit besonderer Zuversicht für das Gedeihen der jüdischen Elternabende erfüllt, ist das Zeugnis der jüdischen Geschichte. In allen für das Schicksal unserer Religion bedeutungsvollen Epochen hat die angerufene Volksstimme ihr Votum abgegeben. Der Bund selbst, den Gott mit unseren Vätern und uns am Sinai geschlossen, erwuchs nicht früher in Rechtskraft. als bis das Volk gesprochen: Alles, was der Ewige geredet, wollen wir tun und verstehen lernen. Ebenso haben Josua, Samuel, Joschuahu, Chiskia, Esra, die Männer der großen Synagoge, in Volksversammlungen durch gemeinschaftliche Belehrung und Ermahnung die religiösen Probleme ihrer Zeit zu lösen versucht. Auch die von den babylonischen Amoräern eingeführten Kallaversammlungen, die in veränderter Gestalt in vielen Gemeinden heute noch bestehen, zeigen das Streben, in Sachen der religiösen Belehrung und Aufklärung in steter Fühlung mit dem Volk zu bleiben. Im Talmud*) wird erzählt: Einst schickte ein Patriarch zur Ueberwachung der Schulen drei Amoräer in eine Stadt. Diese ließen sich die Beschützer der Stadt vorführen. Man brachte ihnen die Wächter der Stadt in ihrer Bewaffnung. Da sprachen jene Weisen: Nicht die Beschützer, sondern die Zerstörer der Stadt sind diese. Die wahren Stadthüter sind die Lehrer. Seien wir auf der Hut, daß nicht das Gegenteilige eintrete: Die Nachtwächter die Beschützer und wir Religionslehrer die Zerstörer genannt würden. Me Köcher der Kidel. Herausgegeben von F. Rahlwes. Zeichnungen von E. M. Lilien. Erster Band. Verlag von George Westermann. Braunschweig. E. M. Lilien ist Meister der Schwarz-Weiß-Technik. Zweifellos ist, daß er diese Kunst beherrscht und er hat fie oft bei der Ausstattung moderner Bücher bewährt angewendet. Insbesondere wirkungsvoll war dieser Buchschmuck bei der Illustrierung des „Zöllner von Klausen", in der eine außerordent-: liche Harmonie der interessanten, fast dürerhaften Simplizität der Tuschzeichnung mit den mittelalterlichen, sagenhaften Motiven der Arbeiten den Stempel einer sympathischen Einheitlichkeit aufdrückte. Aber das Gebiet der Lilien'schen Kunst ist scharf bezeichnet und eng abgegrenzt. Und in diesem neuen Werke, das vor uns liegt, in der illustrierten Bibel bereits ist das eingetreten, was zu befürchten ist, wenn einer über die Grenzen seines Schaffens sich allzu kühn hinauswagt: Ein Versagen aller künstlerischen Kräfte. Das ungleiche Verhältnis der schwachen Lilien'schen Kunstmittel im Vergleiche mit den ungeheueren Motiven und titanenhaften Gedanken des Fünfbuches schließt ein Gelingen von vorneherein aus, und wo sonst die Zeichnungen interessante Eigenart, feine Stilisierung und peinliche Sauberkeit verrieten, hier wirken sie klein, unbedeutend und es fehlt ihnen jede Kraft, den Text auch nur halbwegs zu verbildlichen. Zur Illustrierung des Alten Testamentes gehört unbedingt jüdische Eigenart. Daß diese Eigenart Lilien gänzlich fehlt, trotzdem er jüdische Bilder malt, wird Niemand bestreiten, der die Fähigkeit hat, die Art eines Bildes von seinem Inhalte zu unterscheiden. Ich will keineswegs behaupten, daß Lilien nicht im Judentume wurzele und seine Motive aus ihm nicht zu holen vermöchte. Aber seine Kunst ist nicht jüdisch, fie trägt nicht einen so ausgeprägten Zug, daß man ihr schlankweg jüdischen Charakter zuschreiben könnte. Es genügt nicht, Motive aus dem jüdischen Leben, aus der jüdischen Geschichte zu schöpfen und zu verwerten, es muß in der Ausführung dieser Motive soviel Individualität liegen, daß sich die Zugehörigkeit eines solchen Bildes sofort kennzeichnen läßt. Bon den Bildern eines Hirszenberg, eines Epstein, eines Gottlieb, eines Kaufmann läßt sich sagen, daß fie jüdischen Charakter haben?-: Von den Bildern eines Lilien läßt sich höchstens sagen, daß er mit *) Jerusch. Chag. 76 e.

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