Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 14 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14 Dr. Blochs Wochenschrift. «eite 241 richtes, diesem ungesunden Realismus den für das Leben ebenso notwendigen idealen Einschlag zu verleihen. Gewiß, mit der Religion und namentlich der jüdischen lassen sich heute keine 20 000 Kronen jährlich verdienen, gleichwohl aber besitzt sie einen Vorzug, der in Zahlen und Ziffern nicht auszudrücken ist. Bildet der Religionsunterricht in der Schule das Mittel, dem mit allerlei linguistischen, zoologischen, botanischen und physikalischen Talsacken belasteten Schüler innere Einheit und geistigseelische Konzentration zu gewähren, so wird er auch draußkn im Leben noch seine Wirkung nicht versagen und den Erwachsenen in den Stand setzen, den erschwerten Daseinskampf mit Würde und Selbstbewußtsein so zu führen, daß daraus Heil und Segen für die menschliche Gesellschaft ersyrieße. Wenn jüdische Väter und Mütter Wert darauf legen, ihre Kinder nicht bloß zu praktischen Masck'nen. sondern vor allem zu Menschen zu erziehen, zu Menschen, die ihre Ellern lieben und ehrfürchten und in dieser Liebe allezeit ein Moment ethischer Verbindlichkeit für ihre Mitmenschen erblicken, dann werden sie nimmermehr darauf verzichten dürfen, den jüdischen Religionsunterricht nicht nur in der Schule gelten zu lassen, sondern ihn auch im Haus wirksam zu unterstützen Ein zweiter Vortraqskompler könnte die Frage nack Berechtigung und Notwendigkeit des hebräischen Bibelunterrichtes umfassen. Gewiß. Religion hat mit der Sprache im allgemeinen nichts zu tun. Religion ist ein innerer, rein geistiger Wert, während die Sprache ein Ausdrucksmittel der Sinnesorgane darstellt. Ich bin aber stolz und glücklich in dem Glauben, aus die Religion Israels die Worte der Schrift variieren zu dürfen: ..Sie wohnt allein und kann zu den anderen nicht gezählt werden." Eben deshalb wird auch ihr Wesen in das Prokrustesbett schablonenhafter Definitionen nicht gezwängt werden können. Wenn aber die von mir vielbewunderte Frau Nahida-Ruth Lazarus in jüngster Zeit auch in das Lager derjenigen abgeschwenkt ist.*) die die „religiöse Verinnerlichung" gegen die hebräische Sprache ausspielen, so kann ich nicht umhin, ihr die Worte des. großen Freundes ihres nicht minder großen Mannes entqegenzuhalten:**) „Gewiß wird er in jeder beliebigen Sprache in das Kinderherz dringen, der Ruf Gottes: wo bist du? Aber wie klingt das? oder wie klingt es in irgend einer lebenden oder toten Sprache? Ajekko im Original.! Mechanisch für das Ohr, ist dies wie jenes freilich nur Schall. Die hebräische Sprache aber ist die heilige Sprache, sie ist die Sprache Gottes, weil wir in ihr die Worte Gottes haben, weil sie die Sprache der Religion ist. „Wo bist du?" so ruft ein Junge dem andern im Hause oder sonstwo, — aiekko bedeutet freilich nur dasselbe, aber so ruft nur die Religion. Darum dringt dieses Wort mit ganz anders erschütternder Kraft in den Knaben ein und bleibt darin als Warnungsruf für das ganze Leben." — „Oder wie viele Taten der Milde, der Hingebung und Aufopferung sind von dem hebräischen Worte „Schema" begleitet. ja sogar hervorgerufen worden. Keine Fahne und keine Parole hat soviel geleistet in der Anfeuerung zum Guten, für das Ausharren in Gott, für wirksame Liebe gegen den Nächsten. Und dieses „Schema" war die Fahne und die Parole der Väter deines Sohnes — soll dein Sohn sie nicht kennen lernen? Soll er von ihrer Bedeutung, ihrer tausendmal erwiesenen Kraft nichts erfahren? — Dazu kommt der hohe Vildungswert, welcken die Kenntnis der hebräischen Bibel besitzt, und der durch das Studium der klastischen Literatur keineswegs ersetzt werden kann. An drei Stätten liegen die *) Gemeint' ist ein vor kurzer Zeit in diesen Blättern erschicnenen Artikel der geehrten Verfasserin. **) Steinthal: »An die Eltern", „Allg. Zeit. d. Indent." 1890. Wurzeln unserer Kultur, Rom, Athen, Zion. Die Kenntnis der beiden erstgenannten wird von jedem gebildeten Memchen vorausgesetzt. Die dritte aber, die Ouelle der ethischen Kultur, die Herzwurzel der Humanität, gerade sie soll unserer Jugend vorenthalten bleiben.*) Und sollte es an jeder Mittelschule nur einen Schüler geben, der das Bedürfnis fühlt, am Urquell der Heiligen Schritt zu trinken, die Gedanken der Propheten und Psalmisten in der Originalfärbung kennen zu lernen, wir haben nicht das Recht, ihm diese Möglichkeit zu entziehen. Daraus folgt aber mit Notwendigkeit: Ist die Berechtigung des hebräischen Bibelunterrichtes einmal anerkannt, dann muß er methodisch und mit Benützung grammatischer Behelfe gehandhabt werden. Bloßes mechanisches Uebersetzen ist müssige Zeitvergeudung, setzt den Wert der Bibel in den Augen der Schüler herab und hindert sie obendrein, die Bibel in der ihnen geläufigen Sprache kennen zu lernen. — Der ethische, kulturelle und pädagogische Wert der jüdischen Eottesidee wäre ein lehrreiches und anregendes Thema für eine dritte Vortragsserie der jüdstchen Elternabende. Es ist ein großer Fehler, daß das unvergängliche Verdienst, das Israel um die Grundlegung der Kultur und Zivilisation durch den Monotheismus sich erworben, viel zu wenig energisch von uns betont wird. Und doch ist gerade dieses der Grundvkeiler des Judentums, der oberste Berechtigungsgrund seines Daseins „Ich muß daran erinnern", sagt Hermann E o h e n in seiner am letzten Verbandstaq der deutschen Juden gehaltenen Rede, „daß man jahrzehntelang in unserer religiösen Diskussion unsere Grundidee hat zurücktreten lasten, um nur von unserer Sittenlehre zu sprechen und uns durch diese als anständige.Leute zu legitimieren Eine anständige Moral reicht aber noch lange nicht aus für das Lebensrecht einer Religion. Eins Religion muß den Grund ihres Daseins immerdar in ihrem Gottesbegriff bewahren und fortentwickeln." — Wer immer daran zweifeln sollte, möge durch die wiederholten. leidenschaftlichen Versuche, uns dieses Verdienst abzusprechen, eines besteren belehrt werden. Indes vermochten diele Angriffe der Wahrheit der monotheistischen Idee, wie sie vom Judentum gelehrt wird, ebensowenig Abbruck zu tun. wie das stürmische Vordringen der Naturwissenschaften. Im Gegenteil: Selten noch hat der Monotheismus solche Triumphe erlebt, wie in unseren Tagen. Je tiefer die Naturwistenschaft in die Geheimniste des Kosmos eindringt, desto mehr gelangt sie zu der Annahme, daß alles Naturerkennen ein Schöpfen aus der Urauelle der Gottheit ist. die als den „verursachenden Willen" aller Erscheinungen anzuerkennen auch sie nicht umhin kann. In diesem Bewußtsein ist aber ein Moment enthalten, das geeignet ist, jeden Juden mit Stolz und Selbstbewußtsein zu erfüllen und welches besonders jenen Halbgebildeten in unseren Reihen immer wieder vergegenwärtigt werden sollte, die nicht sowohl von naturwissenschaftlichen Tatsachen als vielmehr von naturwistenickaftlicken Scklagworten sick blenden lasten. Das Korrelat zu diesem Thema bildet die Frage: K a n n der jüdische R el i a i o n s u n t e rr ick t durch einen sogenannten Moralunterricht ersetzt werden? Weiters würden: „Der pädagogische Wert der jüdischen Festtage". ..Zukunft der Religion Israels". „Die Bibel als Erzieh er". und vieles andere die jüdischen Elternabende mit einem auf Jahre hinaus sich erstreckendem Programm versorgen und zur Klärung des Verhältnisses zwischen Schule und Haus in Sachen des Religionsunterrichtes sehr wesentlich beitragen. Freilich muß ich mich dessen versehen, von den einen Fantast gescholten, von den *) i e.